Der kleine Roboter

Der kleine Roboter

Von: Frank, Alter: 16

Herr und Frau Imbus waren ein Roboter-Pärchen und schon eine ganz große Weile miteinander verheiratet – über 200 Jahre. Eines Tages, Frau Imbus wollte gerade in ihrem säuberlich gehegten Rostgarten den Sprinkler abstellen, entdeckte sie auf der Veranda einen Korb, der mit einem roten Tuch abgedeckt war und in dem es seltsam raschelte. Leise blubbernde Geräusche drangen aus dem Korb, auch ein Quäken drang an ihre Ohren, wobei sie eigentlich keine Ohren, sondern Sensoren hatte, aber das ist fast dasselbe. »Nanu«, sagte sie verblüfft und ihre Scheinwerferaugen wurden größer, und noch größer als sie das Tuch herauszog und ein fleischfarbenes Gerät zum Vorschein kam, das seine zwei Greifwerkzeuge nach ihr ausstreckte. »Schräubchen« - das war der Kosename des Herrn Imbus - »Schräubchen, rollst du mal her, jemand hat uns eine neue Einheit vor die Tür gelegt.« »Eine neue Einheit?«, wiederholte Herr Imbus mit tiefschnaufender Stimme, die wie ein großes Auspuffrohr klang. »Hattest du eine bestellt?« »Nein, nein!«, rief Frau Imbus sogleich und drehte quietschend den Kopf nach hinten. »Wir haben doch schon drei Einheiten großgewerkelt, damit ist unsere Elternpflicht erfüllt!« (Für Roboter gab es ein eisernes Gesetz: Jedes Pärchen musste während ihrer gemeinsamen Betriebszeit mindestens drei neue Roboter großwerkeln, denn es gab keine Fabriken, die so etwas für sie tun konnten. Alles wurde in Handarbeit hergestellt.) »Vielleicht gehört es den Nachbarn«, überlegte Frau Imbus. »Wir bekommen ja auch ständig ihre Post!« Herr Imbus rollte auf die Veranda hinaus. »Oh, das wäre schlecht; Familie Tufftuff ist gestern in Urlaub gefahren.« Zur Sicherheit warf Herr Imbus einen Blick auf das Nachbarhaus, doch alle Jalousien waren herabgelassen. »Sollen wir die Regulatoren anrufen?« Regulatoren, so hieß die Polizei der Roboter, kleine grüne Blechmännchen, mit denen aber nicht zu spaßen war. »Die wissen bestimmt–« Ein schrilles Quieken übertönte den Rest ihres Satzes. Erschrocken schauten Herr und Frau Imbus nach unten, zum Boden, wo die fleischfarbene Einheit angefangen hatte, im Korb lebhaft hin und her zu rappeln. »Böö«, machte die Einheit. »Böö.« »Oje«, sagte Herr Imbus, »wenn mich nicht alles täuscht, braucht es neue Batterien. Mein Goldrädchen« - das war der Kosename von Frau Imbus – »haben wir denn noch kleine Babybatterien übrig?« »Die sind doch drei Jahrzehnte alt!«, entfuhr es Goldräd… ich meine: Frau Imbus. »Ist das wirklich schon so lange her, dass wir eine Einheit großgewerkelt haben?« Herr Imbus war verblüfft. »Sicher, wir sind doch jetzt über 220!«, machte Frau Imbus ihrem Gatten deutlich. »Altes Eisen.« »Nanana.« Herr Imbus trompetete weißen Dampf aus seinem Mund, ehe sein Metallbart hochzuckte und er tönend sagte: »Vielleicht bin ich etwas rostig, aber immer noch sehr rüstig.« Frau Imbus kullerte mit den Sensoren. »Wie oft ich mir das wohl noch anhören muss!« »Goldrädchen«, sagte Herr Imbus und fuhr seinen Greifarm aus. »Ich habe mich soeben dazu entschlossen, diese neue Einheit großzuwerkeln!« »Hört, hört! Da wünsche ich viel Vergnügen.« Mit quietschenden Gelenken hob Frau Imbus den gefüllten Korb hoch und überreichte ihn an ihren Gatten. »Bitte schön.« »Aber mein Goldrädchen«, sagte Herr Imbus und seine dampfende Stimme war diesmal kaum zu hören, »dafür brauche ich deine Hilfe.« »Ohne mich!«, rief Frau Imbus. »Noch eine Einheit und ich brech endgültig auseinander.« »Wäre ja nicht das erste Mal, dass ich dir deine Einzelteile wieder anlöten darf«, gab Herr Imbus zurück, während er den Korb in die Werkstatt trug. Die Werkstatt war die Küche der Roboter. Er nahm die blubbernde Einheit heraus und legte sie kurzerhand auf den Tisch. »Unverschämtheit!«, rief ihm Frau Imbus hinterher, betrat dann aber auch die Werkstatt. Misstrauisch musterte sie das fleischfarbene Gerät. »Und? Wo willst du bei dem Ding als erstes werkeln?« »Pssst, ich muss mich konzentrieren«, sagte Herr Imbus und klappte seinen Metallbart runter. Aus seinem Hinterteil zischte Luft. »Hm ... ja ... Wie war das denn noch?« »Typisch, dein alter Speicher hat wieder alles vergessen!« Ein Speicher, das ist das Gehirn eines Roboters. »Von wegen rüstig! Ich sollte dich Rosti nennen! Rosti, das Klappergestell.« »Ruhe!«, brüllte Herr Imbus dampfend. »Ah, ich seh schon … Zuerst muß ich dieses Leck da unten abdichten.« Tatsächlich, aus einem klitzekleinen Röhrchen spritzte ein Wasserstrahl auf die Tischplatte. »Bö«, machte dabei der kleine Roboter. »Bööö.« »Er verliert Kühlflüssigkeit!«, rief Frau Imbus entsetzt. »Schräubchen, tu doch endlich was!« »Reich mir die Klemmzange, Weib!« Herr Imbus streckte seine Greifhand aus. »Halt, Moment, es hat schon aufgehört.« »Hat wohl den Fehler selbst erkannt«, glaubte Frau Imbus und legte die Zange wieder weg. »Das war aber knapp, sonst –« Plötzlich stieß der kleine Roboter blecherschütternde Schreie aus; sie klangen wie von einer Geige, die nicht nur verstimmt, sondern auch von einem Affen gespielt wurde – ziemlich entsetzlich. »ENTSETZLICH!«, brüllte Frau Imbus gegen die Schreie an. »HAST DU IRGENDWAS ANGEFASST?« »NEIN, GANZ UND GAR NICHT!« »UND WARUM GEHT DANN SEINE ALARMANLAGE LOS?« »DAS DING HAT EINE ALARMANLAGE?« »JA HÖRST DU DAS DENN NICHT?« Und selige Ruhe. Mit einem Schlag hörte der kleine Roboter auf zu krakeelen und machte: »Bö.« »Bö«, wiederholte Herr Imbus. »Was soll das nur heißen: ?« »Schön zu sehen, dass du dich mit dieser Einheit bestens auskennst.« Frau Imbus presste Luft aus ihrem Hinterteil. »Soll ich dir vielleicht das alte Anleitungsbuch holen?« »Keine schlechte Idee«, gab Herr Imbus zu. »Ach Goldrädchen, verzeih, das ist so lange her!« Frau Imbus ging zum Bücherregal und zog eine dicke Schwarte heraus, die sie ihrem Gatten brachte. »Mal sehen ...«, sagte Herr Imbus beherzt, während er die Seiten rasend schnell durchblätterte. »Diese Einheit ist nicht dabei.« »Nicht dabei?«, fragte Frau Imbus. »Das ... ist unmöglich.« »Vielleicht haben sie neue Modelle gewerkelt?« »Wer?« »Na DIE.« »Wer ist die?« »Was weiß ich!« »Mama«, sagte der kleine fleischfarbene Roboter und streckte seine Greifarme aus. »Papa!« »Papa?!«, wiederholte das Ehepaar wie aus einem Mund. »Ach du blechernde ...« »Ein Menschenkind, ein Baby«, stellte Herr Imbus erschrocken fest und seine Augen wurden groß wie Monde. »Das erklärt alles.« »Und du hast natürlich nichts bemerkt!«, keifte seine Gattin und stopfte das Kind zurück in den Korb. »Wir müssen die Regulatoren rufen ...« Herr Imbus beugte sich tiefer. »Sowas. Ein Baby. Es wurde ausgesetzt.« »Vergessen«, korrigierte Frau Imbus sofort. »Jemand hat es auf unserer Veranda vergessen.« »Red doch keinen Unsinn, Liebes.« Erneut nahm Herr Imbus das Kind aus dem Korb und legte es behutsam auf den Tisch, nachdem er die kleine Wasserlache fortgewischt hatte. »Wir sind Eltern geworden.« Frau Imbus stemmte die Greifarme in die Blechhüften. »Du willst es doch nicht etwa großwerkeln, oder?« »Nunja, ich ...« »ES IST EIN MENSCHENKIND!« »Auch nicht schwieriger großzuwerkeln als die anderen störrischen Einheiten ... von innen selbstreinigend, hält sich selbst auf Temperatur ...« »Du bist doch verrückt«, rief Frau Imbus, »bei dir sind ein paar Teile durchgebrannt!« Herr Imbus klappte seinen Bart hoch. »Also ja?« Frau Imbus schaute das Baby an. Dann lächelte sie, so wie Roboter eben lächeln. »Weißt du was ...« Herr Imbus sah sie an. »Ich hab’s schon lieb.«