Ein Treffen am Strand

Ein Treffen am Strand

Von: Celina, Alter: 13

Der starke Geruch von Feuer und verkohlendem Fleisch mischte sich mit der Dunst, der vom Meer die Dünen herauf kroch, zu einer klebrigen Mischung, die an den Kleidern und in den Haaren haften blieb. Der schwache Windhauch, welcher den Dunst vorantrieb, vermochte nicht, den Schleier aus Ruß, der alles verhüllte, fortzutreiben und so waren von den rauchenden Trümmern der Stadt nur Schemen zu erkennen. Arzimarzos war darüber nicht ganz unfroh. Er saß auf einer Düne, die Beine in Richtung Tal, die Arme eng um den Körper geschlungen und die weite Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Sein mächtiger Kriegshammer, der ihn schon seit vielen Jahren begleitete, lag an seiner Rechten im Sand. Einaufmerksamer Beobachter hätte aus der Menge des Sandes, der sich hinter dem schweren Kopf der Waffe angesammelt hatte, schließen können, daß der Zwerg schon eine ganze Weile hier im Sand gesessen haben mußte. Vielleicht hätte sich dieser Beobachter gewundert, warum der Zwerg nicht wie alle anderen floh und wie er sich die Zeit nehmen konnte, hier zu hocken und das Grauen zu beobachten. Arzimarzos wußte jedoch, daß es keinen Beobachter gab, denn alle, die ihn hätten sehen können waren tot, oder sie hatten sich dem nicht enden wollenden Troß der Flüchtlinge angeschlossen, der die brennende Stadt in Richtung Osten verließ. Der Zwerg stützte sein Kinn auf seine Faust. Wie hatte alles so kommen können? Tortreg war die reichste Stadt gewesen, die der südliche Teil des Kontinents je gesehen hatte, selbst die Hauptstadt Draco erschien früher - gegenüber dem Glanz ihrer Straßen – wie ein unwichtigen Vorort . Reisende hatten die oft jahrelange Strapazen der Fahrt über das Flammenmeer oder des Rittes durch die Wüsten auf sich genommen, nur um ihren Enkeln irgendwann einmal in ihrer kleinen Hütte in den Bergen von den Wundern dieser sagenhaften Stadt berichten zu können. Doch nun war alles vorbei. Arzimarzos seufzte. Er wußte, das es einige wenige dieser Flüchtlinge, die dort unten in einem schwarzem Wurm dem Horizont entgegen krochen, schaffen würden, neu zu beginnen. Doch es würde Jahrhunderte dauern, bis sie wieder ein Reich wie dieses schaffen konnten. Ein Geräusch hinter ihm im Sand ließ ihn aufhorchen. Er tastete fast unmerklich nach dem Stiel des Hammers, der seinerseits von alleine an den Zwerg heranzurücken schien. Er wußte, das es keiner der Bewohner von Tortreg sein konnte, der sich von hinten anschlich. Aufmerksam horchte er den leichten Schritten im Sand, die ein sterbliches Gehör niemals wahrgenommen hätte. Langsam bildeten seine Lippen ein Lächeln und seine Hand zog sich wieder in den Ärmel seines Mantels zurück. Noch bevor er die zarte Berührung an seiner Schulter fühlte mußte er sich trotz des Dramas vor seinen Augen ein Grinsen verkneifen. "Guten Morgen Jarelia", sagte er mit tiefer, sicherer Stimme. Ein leicht verärgertes Zischen bestätigte seine Vermutung. Kurz darauf saß die Elfe schweigend an seiner linken Seite neben ihm im warmen Sand der Wüste. Arzimarzos war, trotz der sehr langen Zeit, die er Jarelia nun schon kannte, hingerissen von der unglaublichen Schönheit der Elfe. Er mußte Morg innerlich wieder zu seinem hervorragenden Geschmack gratulieren, auch wenn er sicher war, das so ein Kompliment Schadrack sicher nicht gefallen hätte. Sie saßen lange Zeit nebeneinander und blickten auf die rauchenden Ruinen. Plötzlich hob Arzimarzos die linke Hand und deutete auf die sich entfernenden Menschen. "Ihr Anführer ist ein Ahn dessen den wir suchen.", sagte er. "Er wird einer der wenigen Überlebenden sein". Aus den Augenwinkeln heraus nahm er war, das die Elfe nickte. Dann fuhr er fort. "Ja, es sieht aus, als ob meine Zeit erst einmal vorbei wäre. Wenn ich nur wüßte, wer Pnatrio dazu überredet hat den Zelthafen anzugreifen..." Seine immer noch ausgestreckte Hand ballte sich zur Faust, wie eine Drohung, gegen den unsichtbaren Feind, der für den Untergang des Imperium gesorgt hatte. Er ließ den Arm sinken, drehte den Kopf und blickte der Elfe ins Gesicht. "Es war doch nicht einer deiner Handlanger, Jarelia? Das würdest du mir doch nicht antun, oder?" Jarelia schüttelte nur den Kopf und sah den Zwerg traurig an. Dann erhob sie sich, klopfte den Staub aus ihren Kleidern, legte dem Zwerg noch einmal kurz die Hand auf die Schulter und wandte sich dann in Richtung Strand. "Wir sehen uns wieder...", flüsterte sie in den Wind und sie war sich sicher, das der Zwerg sie gehört hatte. Während sie über den Strand schritt und die herumwirbelnde Asche ihre Konturen undeutlich werden ließ, dachte sie über das vergangene Jahr nach. Fast tat es ihr leid, das sie den alten Mann belogen hatte, aber sie wollte sich dieses hervorragende Jahrzehnt nicht durch eine Konfrontation mit ihm verderben. Die Elben und Zwerge hatten zusammen eine Festung errichtet, die nie erobert werden würde, das Südreich war fast ohne Zutun gefallen. Es hatte nur eines leisen Flüsterns in die Träume eines einzigen Mannes bedurft, um es zu zerstören. Kurz bevor sie durch das Portal trat vermeinte Jarelia eine Bewegung auf den Wellen zu erkennen, aber sie tat es als ein Trümmerstück oder einen treibenden Leichnam ab, mit dem die Wellen spielten. Als die Elfe verschwunden war, beobachteten tiefblaue Augen vom Wasser aus noch eine ganze Zeit lang den Strand. Nicht nur für Jarelia war diese Zeit außergewöhnlich gut gewesen.