Wenn ich jetzt sterbe

Wenn ich jetzt sterbe

Von: Caticorn7139, Alter: 11

"Der Unterschied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist für uns Wissenschaftler eine Illusion, wenn auch eine hartnäckige." Albert Einstein Was ist die Zeit? Kann ich in der Gegenwart die Vergangenheit ändern? Habe ich Zugang zu der restlichen Zeit? Wieso soll denn alles eine Illusion sein? Oder stimmt das? Gibt es rein gar keinen Unterschied? Komme ich auf die Welt und sterbe gleichzeitig? Was ist Zeit? Ich trommle mit meinen Fingern auf der Schrift "Was ist deine Meinung?" Soll ich denn jetzt schreiben, dass ich gerade sterbe? Oh Gott, was würde denn Frau Enge sagen? Schon wieder "Ach Cay, was hast du dir denn dabei gedacht? Ich meine... Du stirbst doch jetzt nicht! Bitte bleib logisch."? Also ich finde, dass Einstein logisch sein sollte... Ich stosse mich mit meinen Füssen auf meinem Stuhl nach hinten und kippe leicht zurück. Ich blicke auf mein Handgelenk. 13:50. Ich habe noch Zeit. Ich stehe auf, schnappe mir die Kopfhörer und stecke mir mein Handy in die Hosentasche. Die Musik fängt an. Musik, keine Ahnung warum, ich liebe sie einfach... Auch wenn nicht diese, die alle anderen hören. Ach komm, ich muss doch nicht so langweilig sein und genau das gleiche mögen. Ich weiss alles was ich trage, was ich höre, was ich mache ist "out", aber ist doch egal! Naja, wenn ihr es doch auch so wahrnehmen würdet... Ich stelle die Lautstärke auf das Maximum und steige die Treppe hinunter. Nena - meine "Mutter" ruft mir noch irgendetwas zu, doch wegen der Lautstärke kommt kein Wort bei mir an. Ist mir auch egal, sie ist nicht meine Mutter, ich habe keine. Ich ziehe mir die Kapuze vom Pulli über meinen Kopf, nehme meine Handtasche und gehe los. Perfekte Temperatur - nicht zu heiss... Ich liebe den Winter. Das ich das noch erleben kann ist ein Wunder, nächstes Jahr soll es laut Angaben aus dem Campy schon bald keine Temperatur unter 25 Grad mehr geben. Keine Ahnung wie ich das aushalten soll, wenn es selbst mit gekühlten Anzügen zum Teil im Sommer 60 Grad und noch heisser wird. Es wäre ein Traum, wenn das endlich mal aufhören würde - dieses hohe Klima. Wie war es eigentlich früher? Als man im Sommer ohne solchen speziellen Kühlungen und das Andere nach draussen gehen konnte? Ich summe zu der Melodie vom Lied mit. Am Liebsten würde ich gleich singen - doch ich will doch nicht, dass alles auf Campy landet. Ich will doch nicht noch mehr Hate! Naja, wenn das mal endlich aufhört, dieser Chip regt mich sowieso schon so auf... Ich fasse das runde Ding an meinem Hinterkopf an. Das Scheissding -der Chip- am Anfang habe ich mich gefreut, da es ja aus Sicherheitsgründen da ist, aber seit dem dieser Chip gehackt wurde will ich das Ding einfach nur los werden oder reparieren lassen aber typisch: "Leider haben wir keine Zeit und Technik für das Problem. Melden Sie sich vielleicht später nochmal." Ja, danke auch! Aber die Krankenstationen und auch die "Luxpitale" (Luxus Spitale) sind komplett besetzt. Ja, die Notfälle sind einfach keine Notfälle mehr sondern einfach normale Dinge, seit dem dieser Virus durch die Gegend geht. Ames - Auf Campisch (Die Sprache die man im Campy - das Gerät mit dem man alles tun kann wie kommunizieren, nachschauen, Sachen steuern u.s.w. - benutzt) Tod. Und der Virus bedeutet auch für die Meisten den sicheren Tod. Die einzige Medizin: natürlicher "Schnee". Das soll früher vom Himmel "geschneit" haben. Es soll kalt sein, so schön kühlend sein und den Körper vor der Hitze schützen. Ein wie ein Wunder wirkendes Mittel, das es so gut wie nirgendwo gibt. Ein Mittel gegen die Ames, die Krankheit die so vielen das Leben nimmt. Wissenschaftler wissen nicht, was an Schnee denn so eine starke Wirkung haben soll, doch nachsehen können sie das auch nicht, da sie kein Schnee zur Verfügung haben. "Die Strafe Gottes" nennen manche Ames, die Strafe dafür, dass wir früher die Anzeichen dafür, dass die Erde im Not ist ignoriert haben. Die Natur, die steigende Temperatur, die aussterbenden Tiere, die Essensnot, den steigenden Meeresspiegel, die Überschwemmungen und das Austrocknen. Dafür, dass wir die Welt so kaputt gemacht haben. Sie wird "die Strafe Gottes" genannt, weil sie so plötzlich entstanden ist und sich rasend schnell ausbreitet - ohne Berührung mit anderen Menschen oder anderen Objekten. Auch wenn man nur in Schutzanzügen lebt, wie aus dem nichts kommt die Ames und zerstört, zerfresst sich durch den Körper. Doch es gibt keine Bakterien, nein. Körperteile verschwinden einfach. Einfach so, langsam aber sicher. Geschätzt ist schon der Viertel aller Menschen von Ames gestorben. Darunter auch meine ganze restliche Familie. Mam, Daddy, Lea und mein kleiner Bruder Teo. Dagegen sind nur wenige Leute mit Schnee gerettet worden. Erinnerungen, die ich nicht hervorrufen wollte. Ich höre einfach zur Musik und gehe weiter, durch all die mit Häusern überfüllten Strassen. An einer Brücke halte ich an. Das Wasser rauscht unter der Brücke durch. Es ist toll, es fühlt sich schön an das Wasser zu hören, das schöne Glänzen. So schöne Tage gibt es selten. Meistens trocknet alles aus oder es gibt Überschwemmungen. Ein perfekter Tag zum Zeichnen. Ich nehme meine Pinsel hervor und fange an, den Fluss zu zeichnen. Das Glänzen, das Rauschen, ich wünschte, man kann Töne zeichnen Ja, man kann Videos machen, aber... Ich mag es mehr, zu zeichnen. Ein paar wenige Handbewegungen und da ist er, der Fluss. Auf meinem Blatt. Ich schaue den Fluss auf meinem Blatt konzentriert an. Was ist das? Ich habe hier und da... Einfach überall weisse Punkte gezeichnet, die weich aussehen. Sie fallen hinunter und sammeln sich auf den Boden. Plötzlich wird mir ein wenig kalt. Plötzlich spüre ich eine Kälte, einen Wind, der kühlend ist. Erfrischend. Nein, das sind nicht die richtigen Worte. Etwas fällt hinunter. Nein, ganz viel. Sie ist weiss. Mir wird immer kälter. Ich strecke meine Hand aus, um das weisse Ding aufzufangen. Das weisse... was ist das? Es fällt auf meine Hand. Kälte berührt mich an diesem Ort. Das weisse schmilzt langsam vor sich hin und noch ein Haufen andere Dinge fallen auf meine Handfläche. Ich schaue einfach zu und weiss nicht, was zu sagen. Ich bin einfach nur... Ich kann nicht in Worte fassen, was ich spüre. Trauer, Heimweh, Wärme, Kälte und einfach alles. "Wenn ich jetzt sterbe" Die Stimme kommt mir bekannt vor. Ich weiss nicht von wo oder warum. Ich drehe mich sofort in die Richtung, von der die Stimme gekommen ist. Ein gleich grosses Mädchen steht mit einer dicken "Winterjacke" direkt vor mir. Ihr blondes Haar weht im kühlen Wind und von ihrem Auge kullert eine Träne hinunter. Sie kommt mir bekannt vor, ich kenne sie. Ich weiss nicht, von wo. Aber eine unsichtbare Erinnerung steigt in mir hoch. "Dann rette mich", flüstern wir gleichzeitig mit einer zitternden Stimme. Für einen Moment lang kommt es mir so vor, als ob die Zeit stehen würde. Nur sie und ich. So dicht, dass wir unseren Atem spüren könnten. Ihre blauen wunderschönen Augen, die voller Angst in meine blicken. Ein lautes Knallen ertönt und plötzlich kommt die Wärme wieder zu mir. Eine Träne fliesst über meine Backe. Zwei, drei und noch eine. Hoffnung, Trauer, einfach alles kommt in mich, ich weiss nicht, ob ich vor Freude weine oder vor Trauer. "Ich rette dich...", flüstere ich leise vor mich hin Ps: Es geht weiter...