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Wie Knobi Frau Schuster wird und in der Schule
Fangen auf Tischen spielt
Seit dem Tag, an dem Knobi Kalle der Kranführer
war, ist er nun der stolze Besitzer einer Bretterbude im Hof.
Naja, eigentlich gehört sie allen Kindern, aber Knobi darf eben
bestimmen. Das ist auch gut so. Wenn es irgendwie Ärger gibt,
regelt das Knobi.
Dass im Hof eine Bretterbude steht, hat sich natürlich in der
ganzen Nachbarschaft herumgesprochen. Und nicht selten sieht man
Kinder im Hof spielen, die drei, vier, oder sogar fünf
Häuserblocks weiter wohnen.
Mal ist die Bude ein Indianerfort, mal eine Ritterburg; mal ist
sie eine Raumstation und dann wieder ein Gefängnis.
Einmal, als Knobi in den Hof spielen gehen wollte, traute er
seinen Augen nicht, als er zur Bude kam: Lauter Müll lag darin:
leere Bierflaschen, leere Chipstüten, Kaugummipapier und
unzählig viele Zigarettenkippen. Da war Knobi vielleicht sauer.
Irgendwelche Typen hatten seine Bude als Abfalleimer benutzt!
Knobi blieb nichts anderes übrig, als den ganzen Dreck
wegzuschaffen. Dann hat er sich von seinem Taschengeld ein Schloss
gekauft und die Tür damit verriegelt.
Seitdem hat Knobi nun auch ein richtiges Geheimversteck für seine
Holzklötze. In der Bude hat er nämlich unter ein paar
Bodenbrettern ein Loch gebuddelt und sie dort hineingelegt. Ein
bombensicheres Versteck ist das.
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Knobi sitzt in seinem Zimmer am Schreibtisch und
bemüht sich gerade, den Feuerstein aus seinem Auto
herauszubekommen. Das Auto hat ihm Tante Nette geschenkt. Es ist
so ein aufziehbares, das, wenn es fährt, hinten Funken
heraussprüht.
Eigentlich soll Knobi längst ausgezogen und im Bett sein. Zu
Abend haben Breuers schon gegessen und draußen wird es langsam
dunkel. Doch Knobi will heute nicht schlafen.
Schön war es heute, denkt er und bricht dabei, in Gedanken
versunken, Plastikteile vom Auto ab. Alle waren sie heute im Hof
spielen. Britta hatte Rolf dabei,ihren Cousin, der toll durch die
Finger pfeifen kann. Und sie haben ‚Reise nach Amerika‘
gespielt. Die Bretterbude war das superschnelle, selbstgesteuerte
Düsenjäger-Privatflugzeug. Knobi und Rolf waren die Piloten,
Britta, Marco und Mario die Passagiere. Sie mussten leider in der
Wüste notlanden, weil eine Düse verstopft war. Aber schließlich
kamen sie doch nach Amerika, und Knobi konnte Rolf seine 10
Wolkenkratzer voll Gold zeigen.
Leider hatte Knobi heute keine Zeit für seine Hausaufgaben. Und
leider konnte er auch nicht die von gestern nachholen.
Das ist auch der Grund, warum Knobi heute nicht schlafen will. Er
hat Angst. Angst vor morgen.
Frau Schuster ist ja eigentlich ganz nett, aber sie kann
fürchterlich streng zu dem werden, der seine Hausaufgaben nicht
macht.
Gestern schon hatte Knobi keine Aufgaben, und in
seiner Not hat er gelogen. Er hat gesagt, dass er die Aufgaben
zwar gemacht, nur leider sein Heft zu Hause liegen gelassen
hätte.
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"Nun, Knobi", sagte die Lehrerin,
"wenn das so ist, kommst du bitte morgen früh gleich als
erster zu mir und legst mir dein Heft vor. Und vergiss nicht, in
dieses Heft auch die Hausaufgaben von heute hineinzuschreiben. Ist
das klar?"
"Ja", antwortete Knobi und war froh, dass er das noch
mal so gut hingekriegt hat. Er hatte sich auch ganz fest
vorgenommen, die Aufgaben von gestern und heute zu machen.
Aber zu Hause dann, Knobi hatte gerade die Nudeln aufgegessen, die
in der Küche für ihn bereitstanden, hörte er plötzlich, wie
‚Knobi‘ gerufen wurde. Er schaute aus dem Küchenfenster und
sah unten im Hof Britta und Rolf wild winken.
Und die Sonne lachte so freundlich.
Da war Knobi auch gleich unten im Hof.
Erst beim Abendessen fiel es ihm wieder ein, als Mutter fragte:
"Hast du auch deine Hausaufgaben gemacht?"
"Ja", log er und bekam einen Riesenschreck.
Was mache ich nur, denkt Knobi und drückt dabei
den Schraubenzieher ins Auto.
Soll ich morgen die Schule schwänzen? Oder soll ich morgen
einfach so tun, als ob ich fürchterliche Bauchschmerzen hätte?
Mit aller Kraft landet der Schraubenzieher im Auto, die
Plastikteile fliegen nur so herum.
Ach, das hat alles überhaupt keinen Zweck und macht es nur noch
schlimmer. Frau Schuster wird die Hausaufgaben nicht vergessen,
auch wenn ich zwei Wochen krank wäre. Dann würde sie mich gleich
am ersten Tag fragen, wo die Hausaufgaben von vor zwei Wochen
wären.
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Da geht
die Tür auf und Mutter guckt ins Zimmer:
"Knobi, es ist bereits halb neun. In zwei Minuten liegst du
im Bett, sonst geht ein Donnerwetter los", schimpft sie. Auch
das noch, seufzt Knobi leise, auf dieses Donnerwetter kann ich
verzichten.
Er legt das Auto beiseite, das eigentlich gar kein Auto mehr ist,
zieht seine Sachen aus, schlüpft in den Schlafanzug und geht sich
die Zähne putzen.
Im Bett kommen ihm immer wieder diese dummen Gedanken. Was wird
ihn morgen in der Schule erwarten? Alle werden ihn in seiner
Klasse anglotzen, weil er wieder mal keine Aufgaben hat.
Was soll er nur machen?
Und überhaupt, Frau Schuster kann so streng sein.
Soll er Mutter alles beichten und sie darum bitten, eine
Entschuldigung zu schreiben?
Nein, das wird er nicht tun. Zu genau weiß er, wie Mutter
reagieren würde:
Wer sich etwas einbrockt, muss die Suppe auch selbst wieder
auslöffeln, würde sie sagen. Und dann würde sie sooo
enttäuscht sein und traurig, weil IHR Knobi nicht fleißig in der
Schule ist. Nein, nein, das würde alles noch viel schlimmer
machen.
Knobi angelt sich das Auto, an dem er vorhin gearbeitet hat, vom
Schreibtisch und fingert weiter daran herum. Als Mutter
hereinkommt, versteckt er es unter der Bettdecke.
"Gute Nacht, mein Schatz, und träum‘ was Schönes",
sagt sie, gibt ihm einen Kuss und knipst das Licht aus.
"Gute Nacht", antwortet Knobi traurig.
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Kurz bevor Mutter aus der Tür verschwindet, dreht
sie sich noch mal um und sagt: "Und kein Theater heute,
klar?"
"Klar", gibt Knobi mit einem Seufzer zur Antwort, und
dann ist er wieder allein.
Er knipst seine Bettlampe wieder an und holt sein Auto hervor.
Verdammt, flucht er, irgendeine Lösung muss es doch geben.
Knobis Gedanken kreisen um Frau Schusters Haus. Ja, jetzt sieht er
es genau vor sich, und er sieht auch das Klapp-Kellerfenster für
Polly, Frau Schusters Katze.
Moment mal, denkt er, ich könnte doch...... und mit einem Satz
schmeißt er das Autowrack auf den Tisch, springt aus dem Bett,
holt seinen Wecker und stellt ihn auf halb sechs.
Ha, denkt Knobi, und er entscheidet, dass morgen ein schöner und
lustiger Tag werden wird. Morgen werden ich und noch viele andere
in der Schule eine Menge Spaß haben!
Und vor lauter guter Laune fliegt er fast zurück in sein Bett,
knipst das Licht aus und will auch gleich einschlafen. Leider ist
er jetzt, nachdem er diese Entscheidung getroffen hat, ziemlich
aufgeregt. Er muss sich erst einige Male von der einen Seite auf
die andere wälzen, bis es dann endlich doch klappt. Knobi
schlummert ein.
Beim ersten Klingelton des Weckers sitzt Knobi am
nächsten Morgen aufrecht im Bett.
Es ist halb sechs. Draußen ist es noch dunkel. Knobi wundert sich
über die Stille in der Wohnung. Viel stiller als sonst, stellt er
fest.
Er knipst das Licht an und schlüpft hastig in seine Anziehsachen.
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Vor lauter Hast hat er vergessen, die Unterhose
anzuziehen. Also noch einmal: Jeans aus-Unterhose an- Jeans wieder
an.
So, jetzt stimmt alles. Zum Waschen hat er keine Zeit. Schnell
kritzelt er auf einen Zettel:
‚Mus heute früer in die Schule, hab es
fergessen zu sagen. Schüs oier Knobi‘
Damit geht er ganz leise in die Küche und legt
ihn auf den Küchentisch
Bis auf Knobi ist noch keiner wach. Leise, ganz leise schleicht er
sich zur Wohnungstür. (Knobi ist ein guter Schleicher!) Er
schlüpft in seine Schuhe und verschwindet im Treppenhaus.
Zufrieden greift Knobi nach dem Budenschlüssel in seiner
Hosentasche. Im Hof schließt er die Bretterbude auf und geht
hinein. Er hebt die Bodenbretter über seinem Geheimversteck hoch,
legt sie beiseite und nimmt mit einem Grinsen die Holzklötze
heraus. Sorgfältig legt er die Bretter nun wieder drauf, steckt
in jede Hosentasche einen Klotz und schließt von außen die
Bretterbude wieder ordentlich ab.
So, denkt Knobi, und jetzt nix wie zu Frau Schuster. Ha, heute
werde ich mir einen Spaß erlauben, ha!
Er geht direkt vom Hof durch das Hoftor auf die Straße. Es ist
immer noch ziemlich dunkel.
Vor dem vierten Haus in der Luisenstraße auf der rechten Seite
bleibt er stehen. Na klar, das ist das Haus von Frau Schuster; das
Lesen des Namenschildes am Klingelknopf erspart er sich. Und
klingeln tut er natürlich auch nicht, oder?
Knobi schleicht wie eine Katze um das Haus und schaut dann auf
seine Uhr: Kurz nach 6 Uhr ist es schon.
Hm, denkt er, hoffentlich schläft sie noch, und geht vorsichtig
weiter. Suchend schaut er sich um.
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Wo ist
denn dieses Kellerfenster? fragt er sich.
Plötzlich hört er es neben sich im Gebüsch rascheln. Knobi
bleibt wie erstarrt stehen.
Er traut sich noch nicht mal irgend etwas zu denken.
Wieder raschelt es.
"Miauuuuuu", tönt es nicht gerade laut, aber deutlich
aus dem Gebüsch, und eine Katze schleicht daraufhin gemächlich
heraus.
Polly, denkt Knobi erleichtert, doch der Schreck sitzt ihm noch in
den Knochen.
Polly stört sich nicht an Knobi. Im Gegenteil, genau neben ihm
bleibt sie stehen, drückt ihren Körner an sein rechtes Bein und
streckt sich genüsslich. Knobi rührt sich nicht.
"Miauuuu", gibt Polly noch einmal von sich und läuft
weiter, bis sie um die Hauswand herum verschwunden ist.
Aha, denkt Knobi, da kann ich hinterm Haus lange nach dem
Kellerfenster suchen, wenn es an der Seitenwand ist. Er geht bis
zur Ecke, um Polly nachzuschauen. Gerade in diesem Augenblick
sieht er sie durch das Kellerfenster verschwinden. Knobi wartet
einen Augenblick, denn auf ein weiteres Zusammentreffen mit Polly
will er lieber verzichten. Dann krabbelt er genauso leise wie
Polly durch das Kellerfenster.
Huu, ist das dunkel, nur schattenhaft kann er Dinge erkennen. Er
schleicht durch die erste Tür, die er wahrnimmt. Jetzt wird es
etwas heller, und er entdeckt die Treppe, die nach oben führt.
Wie ein Einbrecher tastet sich Knobi durch das Haus. Schritt für
Schritt bewegt er sich vorsichtig vor, um ja keinen Krach zu
machen.
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Wo ist
nur das Schlafzimmer? Knobi geht auf Zehenspitzen eine zweite
Treppe hinauf.
Da war doch was! -- Und da, schon wieder! Was ist das? Knobi wird
etwas ängstlich und hört genau hin: Kein Zweifel, im Bad läuft
bereits der Wasserhahn.
Verdammter Mist! denkt er, Frau Schuster ist schon aufgestanden
und wäscht sich gerade im Bad. Was mache ich jetzt nur? Umdrehen
und in die Schule gehen? Nee, nee, wo ich schon hier bin, kehr ich
so schnell nicht um, macht sich Knobi selber Mut. Wenn der
Wasserhahn läuft, ist es besonders laut im Bad, also kann mich
Frau Schuster nicht so leicht hören, wenn ich hier herumlaufe,
überlegt er. Jetzt muss ich mich nur beeilen. Hoffentlich ist
Frau Schuster eine besonders saubere Frau und wäscht sich schön
lange in ihrem Bad.
Knobi geht schnellen Schrittes die letzten Stufen nach oben und
blickt sich um. Hier war er nicht gewesen, als er sie mal besucht
hatte . Da war er nur im Parterre. Wo könnte jetzt nur das
Schlafzimmer sein? überlegt Knobi, während er vier Türen
betrachtet.
Eine davon ist nur angelehnt, und auf die geht er zu.
Doch da kriegt Knobi schon wieder einen riesengroßen Schreck!
Eben fängt Frau Schuster im Bad auch noch zu pfeifen an. Nachdem
er sich von seinem Schreck erholt hat, schielt Knobi in das Zimmer
mit der angelehnten Tür - Volltreffer! Es ist das Schlafzimmer.
Frau Schuster ist nicht nur eine saubere, sondern auch eine
ordentliche Frau: Sorgfältig gerichtet liegen hier die Sachen auf
dem Bett, die sie wohl gleich anziehen will.
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Na also,
denkt Knobi,und weiß jetzt, was er zu tun hat. Rasch kramt er die
Holzklötze aus seinen Hosentaschen hervor und legt sie auf das
Bett. Er zieht seinen Pulli und seine Hose aus und schlüpft in
die bereitliegenden Sachen.
Ojee, das ist ja das blaukarierte Kleid, das Frau Schuster heute
anziehen wollte. Jetzt erst merkt Knobi, dass er zum ersten Mal
eine Frau werden wird. Und dann auch noch gleich im Kleid!
Egal. Als er es anhat, schaut er an sich herunter, und ohne in
einen Spiegel zu blicken, weiß er, dass er fürchterlich darin
aussehen muss. Es fällt bis auf den Boden, so groß ist es. Doch
das wird sich ja gleich ändern.
Und schon streift er sich - dschschschschd - den Gummi des einen
Klotzes über den einen Fuß und - dschschschschd - den Gummi des
anderen Klotzes über den zweiten Fuß.
Knobi schaut hinab auf seine Hände - er sieht sie - das Kleid ist
also nicht mehr zu groß, er ist Frau Schuster, die Lehrerin.
Im selben Augenblick hört er, wie im Bad jemand einen großen
Seufzer von sich gibt. Das war bestimmt Frau Schuster, denkt er,
pfeifen tut sie auch nicht mehr. Nur das Wasser plätschert noch
munter vor sich hin.
Knobi schleicht sich an die Badezimmertür. Ganz behutsam drückt
er die Klinke herunter und schiebt die Tür einen winzigen Spalt
auf, um hindurch zu spähen.
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Was er
sieht, freut ihn in höchstem Maße: Frau Schuster sitzt auf dem
Klodeckel und schläft friedlich.
Nun, Frau Schuster, denkt Knobi, wir wollen doch nicht so viel
Wasser verschwenden, nicht wahr?Und er geht zumWasserhahn, um ihn
abzustellen.
Schnell hat Knobi den Weg nach draußen gefunden. Er geht durch
die Haustür und vergisst auch nicht die Ledertasche mitzunehmen,
die auf dem Stuhl im Flur liegt. In dieser Tasche hat Frau
Schuster immer den großen Schlüsselbund und das rosa Heft.
Auf der Straße läuft er vergnügt und freut sich wie schon lange
nicht mehr auf die Schule. Jetzt ist es bereits hell, und die
Straßen beleben sich immer mehr.
Auf dem Schulhof ist allerdings noch kein Kind zu sehen. Die Uhr
zeigt gerade erst sieben. Als Knobi den Schulhof betritt, ist der
Hausmeister gerade dabei, die in aller Frühe ausgelieferte
Schulmilch ins Schulgebäude zu schleppen. Und als er Knobi
erblickt, ruft er:
"Morgen, Frau Schuster, Sie sind die Erste heute, haben wohl
viel vor mit Ihren Kleinen, was?" Dabei lacht er etwas
schelmisch.
"Guten Morgen, Herr Reif", antwortet Knobi, "ja, da
haben Sie recht. Ich habe heute viel vor mit den Kleinen besonders
viel sogar."
Und Knobi lacht jetzt sogar noch schelmischer als Herr Reif zuvor.
"Aber lassen Sie sie leben, klar?" ruft Herr Reif
lachend hinterher.
"Klar", ruft Knobi zurück und verschwindet im
Schulgebäude, um in den Klassenraum zu gehen.
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Im
Klassenraum geht Knobi erst einmal zu Frau Schusters Pult und holt
das rosa Heft aus der Ledertasche. Er schlägt es auf, um darin zu
blättern, bis er die Seite gefunden hat, die er suchte.
‚BREUER KNOBI‘ steht oben geschrieben, und bei der Spalte ‚HAUSAUFGABEN‘
sind viele rote Minuszeichen zu sehen
Das haben wir gleich, denkt Knobi, nimmt den roten Kuli, der auf
dem Pult liegt, und zieht durch alle Minusse je einen senkrechten
Strich hindurch. Anschließend betrachtet er zufrieden sein Werk.
Ha, aus allen Minuszeichen sind jetzt Pluszeichen geworden. Aus
dem Schüler Knobi, der sehr oft seine Hausaufgaben nicht macht,
ist jetzt ein guter Schüler geworden, der immer seine
Hausaufgaben erledigt.
Hinter die Bemerkung ‚ Knobi muss mir Hausaufgaben von zwei
Tagen vorlegen‘, die unter auf der Seite zu lesen ist, macht er
lässig ein Häkchen, was so viel heißt wie, die Sache hat sich
erledigt. Nun ist alles bereinigt, was Knobi auf dem Herzen
lastete.
Er geht zum Fenster und beobachtet, wie der Schulhof sich langsam
füllt. Die Sonne ist schon längst aufgegangen, und es scheint,
dass heute wieder so warm wird, wie schon seit Tagen. Es dauert
auch gar nicht lange, da blinkt es zum ersten Mal. Knobi sieht vom
Fenster aus, wie die Kinder sich langsam an ihren Plätzen
aufstellen. Als es zum zweiten Mal blinkt, geht Knobi hinunter und
holt die Klasse ab, so wie Frau Schuster das auch jeden Morgen
tut.
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Kurz
darauf herrscht im Klassenraum erst einmal die allmorgendliche
Unruhe, bis jedes Kind seinen Ranzen abgestellt hat, an seinem
Platz ist und vom Nachbarn erfahren hat, ob der auch den Film
gestern gesehen hat.
Doch dann kehrt allmählich Ruhe ein. Die Kinder stehen an ihren
Plätzen und warten darauf, dass Frau Schuster ihnen einen
schönen, guten Morgen wünscht.
"Ich wünsche euch einen schönen guten Morgen", sagt
Knobi in die Klasse hinein und lächelt dabei genau wie Frau
Schuster.
"Guten Morgen, Frau Schuster", antworten die Kinder im
Chor und nehmen Platz.
"So, ihr Lieben, heute lassen wir Bücher, Hefte und Stifte
im Ranzen", verkündet Knobi mit dem süßesten Lächeln. Die
Kinder schauen sich verdutzt an, sie glauben, sich verhört zu
haben.
"Ich weiß nämlich etwas Besseres", fährt Knobi fort.
"Wir werden im oberen Schulgebäude Verstecken spielen!"
So etwas lassen sich die Kinder natürlich nicht zweimal sagen,
sie brüllen begeistert durcheinander:
"Jeeeh, Jipiii, wir spielen Verstecken, super, toll,
jeeeeeh....!"
"Ihr versteckt euch, und ich suche als erste", kann
Knobi nur noch schreien. Außer Rand und Band rasen nun alle
durchs obere Schulgebäude. Da kann man sich wirklich herrlich
verstecken. Knobi zählt laut bis hundert, und es beginnt ein
Versteckspiel, wie es noch nie in der Schule gespielt wurde. Immer
wieder fangen sie von vorne an, alle haben vor Begeisterung ganz
rote Backen. Erst nach einer Stunde sind alle erschöpft und
können nicht mehr.
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"So",
sagt Knobi, als sie wieder im Klassenraum sind, jetzt darf sich
jedes Kind so viel Kreide nehmen, wie es will und darf die Tafel
voll malen."
Auch darüber sind die Kinder hocherfreut, schon immer wollten sie
das mal machen. Nur Frau Schuster hatte sonst immer etwas dagegen.
Dass sie heute so viel erlaubt, können sie gar nicht verstehen.
Aber das wollen sie auch nicht; sie malen lieber.
Und so malen und malen und malen sie, bis nicht nur die ganze
Tafel voll ist, sondern auch alle Wände und Türen. Knobi malt
natürlich mit.
Dann spielen alle Fangen auf Tischen. Keiner darf den Boden
berühren, sonst ist er an der Reihe.
Anschließend wird noch eine große Schwammschlacht veranstaltet.
Wer schon einmal einen klitschnassen Schwamm gefangen hat, weiß,
wie nass man dabei wird. Doch den Kindern macht das nichts aus. Im
Gegenteil, je nasser, desto besser. Alle stehen auf den Tischen,
und der Schwamm wird herumgeworfen, wer nicht fängt, scheidet
aus, wer fängt, wird nass.
Und damit auch alle wirklich richtig nass werden, geht Knobi noch
zum Wasserhahn und lässt das Wasser wie aus einem Gartenschlauch
herausspritzen, indem er den Daumen auf die Hahnöffnung drückt.
Da rennen, schreien und brüllen die Kinder vor Vergnügen.
Plötzlich blinkt es. Die Schule ist aus.
Das Blinken, sonst immer sehnsüchtig erwartet, wollen sie jetzt
gar nicht wahrhaben. Sie wollen noch nicht nach Hause gehen, heute
ist es so schön in der Schule.
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"Kommt, wir machen noch eine Polonaise,"
ruft Knobi. Damit sind alle einverstanden. Sie stellen sich
hintereinander auf, halten sich an der Schulter des Vordermannes
fest und marschieren durch‘s ganze Gebäude und den
Schulhof.Dabei rufen sie ganz laut: "Frau Schuster lebe hoch,
Frau Schuster lebe hoch!"
An den Seiten stehen Schulkinder mit offenen Mündern und lassen
die jubelnde Schar vorbei. So fröhliche und außerdem noch
klitschnasse Kinder haben sie noch nie gesehen. Und eine Lehrerin,
die bei so etwas noch mitmacht, erst recht nicht.
Viele lassen sich von dieser Fröhlichkeit anstecken, reihen sich
in der Schlange ein und marschieren einfach mit. Angela, die
glaubt, ihr Vordermann sei Frau Schuster, sagt zu dieser:
"Schade, dass Knobi heute nicht dabei ist. Der verpasst ja
was!"
"Ach, der hat bestimmt auch seinen Spaß," antwortet
Knobi. Angela versteht das zwar nicht, sagt aber nichts mehr.
Dann laufen alle Kinder glücklich nach Hause. Knobi ruft ihnen
noch hinterher, dass sie heute keine Hausaufgaben aufhaben und
macht sich auch auf den Heimweg.
Natürlich führt sein Weg erst mal zu Frau
Schuster. Er hat keine Angst, dass Frau Schuster bereits
aufgewacht sein könnte.
Durch die Haustür geht er ins Haus hinein, stellt die Ledertasche
auf den Stuhl und steigt die Stufen zum Schlafzimmer hoch. Er
schielt ins Bad und sieht dort Frau Schuster immer noch auf dem
Klodeckel schlafen. Im Schlafzimmer wird er wieder von Polly
begrüßt. Sicher kommt Frau Schuster recht bald aus dem Bad
heraus, wenn sie erst mal aufgewacht ist, denkt Knobi.
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Ich muss mich hier schnell aus dem Staube machen.
Eilig zieht er das blaukarierte Kleid aus, legt es wieder schön
aufs Bett und streift sich die Holzklötze von den Füßen ab. Er
schnappt sich seine Hose und seinen Pulli und rennt in
Unterwäsche die Treppe hinunter bis in den Keller. Erst dort
zieht er seine Sachen wieder an, steckt seine Holzklötze in die
Hosentaschen und klettert aus dem Kellerfenster hinaus ins Freie.
"Dideldideldum, der Knobi ist nicht dumm,
Dideldideldein und auch nicht immer klein," |

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singt Knobi quietschvergnügt und macht sich auf
den Heimweg. Bevor er zu Hause die Wohnung betritt, versteckt er
erst sorgfältig die Holzklötze in der Bretterbude. In der Küche
wärmt er gerade den Karotten-Kartoffeleintopf auf, der auf dem
Herd für ihn bereitsteht, da klingelt es plötzlich an der
Haustür. Als Knobi die Tür öffnet, steht Angela da.
"Knobi", sagt sie atemlos, "Knobi, du hast
vielleicht heute was verpasst, warum warst du nicht in der Schule?
Du kannst dir das einfach nicht vorstellen. Frau Schuster hatte
total gute Laune. Wir haben sie alle gar nicht mehr wiedererkannt.
Vielleicht war sie auch betrunken. Jedenfalls haben wir statt
Rechnen und Schreiben nur gespielt, den ganzen Vormittag nur
gespielt. Kannst du dir das vorstellen? Und was für Spiele! Das
war echt Wahnsinn! Fangen auf Tischen, Schwammschlacht,
Verstecken, ach ich kann alles gar nicht mehr aufzählen. Du
Ärmster, dass du heute nicht dabei warst! Dass du ausgerechnet
heute fehlen musstest!" beendet Angela ihre Rede und sieht
dabei ganz mitleidsvoll aus.
Als sie gerade wieder gehen will, fällt ihr noch ein:
"Ach, und Hausaufgaben haben wir heute auch keine auf!
Tschüss!"
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