Wie Knobi Dr. Robin wird und ins Fernsehen kommt

Die Wohnung, in der die Familie Breuer wohnt, ist ziemlich groß. Knobi hat ein eigenes Zimmer. Die beiden Schwestern allerdings teilen sich ein Zimmer. Aber Elli, die Älteste, ist gar nicht mehr so oft zu Hause. Sie übernachtet oft bei ihrem Freund. Und Sofie, die jüngere, freut sich dann immer, dass sie ein Zimmer für sich allein hat. Elli ist 18 und Sofie 16 Jahre alt.
Knobi versteht das nicht. Wie kann Sofie das nur gut finden, alleine im Zimmer zu schlafen? Sie macht sogar von sich aus die Tür abends zu. Sagt sie jedenfalls. Knobi kann das nicht nachprüfen, denn er muss immer vor Sofie ins Bett. Immer! Und wenn Knobi ins Bett muss, will Sofie sowieso nichts von ihm wissen. Niemand will von Knobi etwas wissen, wenn er ins Bett muss. Das findet er ganz schön gemein.
Jeden Abend geht es in dem Moment los, wenn Mutter ihn zum ersten Mal auffordert, dass er sich die Zähne putzen soll. Wenn sie das sagt, merkt Knobi sofort, aha, jetzt wollen sie wieder nichts mehr von mir wissen. Jetzt ist es wieder so weit. Irgendwie merkt er das am Ton. Der ist dann so streng.
Naja, und wenn Mutter ihm dann zum fünften Mal sagt, dass er sich nun endlich gefälligst mal die Zähne putzen soll, ist das dann ohne Zweifel sehr streng gesagt.

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Manchmal schreit sie dann auch. Und das findet Knobi dann echt ganz total doof. Er kann ja schließlich nichts dafür, dass er es jetzt gerade in diesem Moment so schön findet, die Taschenlampe auseinanderzunehmen.
"Knobi! Morgen hast du den ganzen Tag Zeit dazu", sagt Mutter dann immer. "Warum fängst du immer gerade dann an, wenn du schlafen sollst!"
"Ich finde es aber gerade jetzt so schön; morgen macht es mir sicher keinen Spaß mehr", versichert Knobi dann stets.
Ist doch auch so! Abends macht ihm das Spielen am meisten Spaß. Warum kann er denn nicht einfach noch ein bisschen aufbleiben, he? Warum kann er nicht einfach aufbleiben, so lange er will? Wieso geht das nicht? Wer hat denn das erfunden, dass Kinder früher ins Bett müssen als Erwachsene?
"Das ist eben so", sagt Mutter gewöhnlich auf solche Fragen, "Kinder sind noch klein, die müssen noch wachsen und brauchen deshalb mehr Schlaf."
Das sind doch alles nur Ausreden, weiß Knobi; Mutter und Vater, die wollen doch nur ihre Ruhe. Die müssten abends selbst ins Bett, wenn sie so genervt sind. Und was machen sie stattdessen? Sie machen es sich richtig gemütlich und glotzen sicherlich Fernsehen oder so.
Ja, ja, die haben es richtig gut. Und Knobi liegt in seinem Bett und ist einsam. Niemand will von ihm etwas wissen. So ist es auch wieder heute, am Samstagabend.

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Der Tag, an dem Knobi sein Vater war, ist schon lange vorbei. Aber vergessen kann er den Abend nicht. Wenn er heute noch an die vielen Süßigkeiten denkt...! Alles hatte Knobi verputzt, nichts blieb übrig. Nur Bauchschmerzen plagten ihn dann in der Nacht, aber das ist schon längst vergessen.
Knobi liegt in seinem Bett und ist traurig, weil er so einsam ist. Niemand hat mehr Zeit für ihn. Zwar hat Mutter ihm vorhin ein bisschen vorgelesen, aber danach war Schluss.
"Jetzt ist Erwachsenenzeit", hat sie zu ihm gesagt, "die Kinderzeit ist jetzt zu Ende."
Typisch erwachsen, denkt Knobi, die lassen es sich jetzt gut gehen. Und ich?
Dabei hat Knobi gerade jetzt so viele Fragen. Ob Mio es schafft, Ritter Kato zu besiegen? Und findet er auch wirklich Miramis wieder, sein weißes Pferd? Warum sagt Mios Vater immer ‚Mio, mein Mio‘, wenn er ihn anredet? (Aus ‚Mio, mein Mio‘ bekommt Knobi gerade vorgelesen.)
Jetzt, wo Mutter meint, dass die Kinderzeit vorbei sei, jetzt, wo es in der Geschichte doch gerade so spannend ist, da wird Knobi allein gelassen.
"Bestimmt Knobi, es geht gut aus. Das verspreche ich dir", hat Mutter versucht ihn zu trösten, "und nun gute Nacht." Ein Kuss und fertig.
Gerade jetzt möchte Knobi seiner Mutter noch einen Kuss geben. Und noch einen. Und noch und noch einen. Er möchte ihre Hand halten, ganz fest, möchte sie auf seine Backe legen und ganz lange festhalten.

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Er will nicht allein sein, nicht jetzt. Wie kann man das nur gut finden, wie Sofie, allein im Bett einzuschlafen. Ja, und Mama, die hat gut reden, die hat ja immer den Papa.
Überhaupt haben die Großen es viel besser. Die können alles so bestimmen, wie sie es wollen. Knobi liegt da und ist traurig. Traurig darüber, dass er noch so klein ist, und dass es noch sooo lange dauert, bis er endlich groß ist. Fast wollen ihm schon die Tränen kommen, da hält er sie zurück.
Er hat eine Idee. Nein heute wird er nicht weinen. Heute nicht! Heute wird er sich einen Spaß erlauben und dabei all den Großen eine Lehre erteilen!
Mit einem Satz springt Knobi aus dem Bett und zieht sich rasch an.
Auf Zehenspitzen schleicht er sich zum Nähzimmer, zieht den Karton vom Kleiderschrank herunter, nimmt die Holzklötze heraus, steckt einen in die rechte Hosentasche, den anderen in die linke, nimmt sich im Flur den Hausschlüssel vom Schlüsselbrett und macht sich leise auf und davon.
Er macht das Schloss von seinem Fahrrad ab und fährt los in Richtung Schule.
Bei der zweiten Kreuzung steigt er ab und schiebt sein Rad zu einem großen Schild, das oben an einer Stange hängt. Viele Wörter stehen darauf geschrieben, und daneben sind lauter Pfeile aufgemalt.
Der Weg ist ganz schön weit. Doch dann kommt er an ein wirklich großes und hohes Haus . Knobi weiß sofort, hier ist er richtig.

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Ein großes Schild, dass er über dem großen Eingang dieses mächtigen Hauses lesen kann, bringt ihm letzte Gewissheit: FERNSEHANSTALT.
Erst jetzt bemerkt Knobi, dass auf den Straßen ganz schön was los ist. Besonders hier herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. So etwas findet Knobi aufregend und interessant.
Knobi könnte stundenlang zuschauen, hier ist alles so anders. Doch er weiß, dass er nicht soviel Zeit hat. Schließlich hat er ja noch etwas vor.
Also geht er zielstrebig zum Haupteingang. Das Fahrrad hat er bereits an einem Geländer angeschlossen.
Im Gebäude steht er in einer großen Halle, in der sonst weiter gar nichts ist, außer den vielen Menschen, die kreuz und quer herumlaufen. Ach doch, da hinten entdeckt Knobi eine Art runde Bar, hinter der eine sehr feine Dame sitzt. Über ihr steht auf einer Blende EMPFANG geschrieben.
Aha, denkt er, die feine Dame empfängt alle, die zum Fernsehen wollen. Knobi setzt eine mitleiderregende Miene auf und geht auf die Dame zu. An der Bar bleibt er stehen.
"Na, junger Mann, was suchst du denn hier? Und das zu einer Stunde, zu der du doch schon ins Bett gehen müsstest," fragt die Dame freundlich.
"Ach, das ist eine dumme Geschichte", erwidert Knobi mit einem unschuldigen Gesicht. "Meine Mutter ist verreist, und ich bin in der Zwischenzeit, bis sie wieder da ist, bei ihrer Freundin. Und nun habe ich ausgerechnet heute den Schlüssel zu dieser Wohnung verloren und kann nicht hinein."

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"Das ist aber wirklich dumm", sagt die Dame besorgt, "und diese Freundin deiner Mutter, die arbeitet wohl hier beim Fernsehen?"
"Ja", sagt Knobi, "sie malt die Leute vor der Kamera an."
Da lacht die Dame: "Du meinst wohl, sie schminkt die Leute, bevor sie vor der Kamera stehen, ja?"
"Ja, genau das meine ich", sagt Knobi.
"Sie ist also Visagistin bei uns, diese Freundin," sagt die Dame nun eher zu sich selbst und schaut dabei auf eine Liste, die sie aus einer Schublade herausgeholt hat. "Wie heißt denn die Freundin? Es arbeiten gerade drei."
"Oh", sagt Knobi schnell, "ich weiß auch nicht, ich habe den Namen jetzt gerade vergessen, so was! Vor der Tür habe ich ihn noch gewusst."
"Du bist sicher sehr aufgeregt", sagt die Dame," das ist doch klar, da kann so was schon passieren."
Sie nimmt die Liste in die Hand und fragt: "Heißt sie Hanna Schulz?"
Knobi schüttelt vorsichtshalber erst mal mit dem Kopf.
"Gisela Knopf?"
"Ja", ruft Knobi, "das ist sie. Gerade fällt es mir ein."
"Siehst du, junger Mann, ich wusste doch, dass wir es herausbekommen. Ich werde sie herunterrufen", sagt die Dame freundlich und greift zum Telefon, das neben ihr steht.
"Nein", schreit Knobi jetzt fast, "nein, bitte nicht, tun sie das nicht",fleht er.
"Aber warum denn nicht?" fragt die Dame verdutzt.
"Weil, bitte, ehm, sie wird sicher böse sein", stammelt Knobi aufgeregt.

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"Sagen Sie mir doch nur, in welchem Stock sie arbeitet. Ich gehe selbst hin, damit ich Gisela so wenig wie möglich störe. Ach bitte, sagen Sie‘s mir doch! Ja?"
Knobi versucht die größten, unschuldigen Augen zu machen, die es überhaupt gibt, und schaut damit die Empfangsdame an.
"Na sowas, so schlimm kann deine Gisela doch gar nicht sein, so wie du hier Angst hast", sagt sie. "Also gut, pass auf. Du fährst mit dem Fahrstuhl in den 5.Stock. Oben gehst du den linken Gang ganz durch, bis zur letzten Tür. Da gehst du hinein und wirst deine Gisela finden. Und mach ja keine anderen Türen auf, verstanden? Sonst störst du Sendungen und kriegst Ärger.
Warte mal...", die Dame schaut auf ein anderes Blatt, "ja, in einer halben Stunde beginnt die Sendung ‚Familienratgeber mit Dr. Robin.‘ Da hat Frau Knopf gleich was zu tun. Beeil dich, damit du sie noch vorher triffst."
"Danke", sagt Knobi und marschiert zum Fahrstuhl. Was hat sie gesagt, denkt Knobi, ‚Familienratgeber mit Dr. Robin‘? Das ist doch ganz bekannt.
Na klar, Mama und Papa schauen sich das doch jede Woche an, und am nächsten Morgen sprechen sie oft davon, wie interessant und lehrreich die Sendung war.
"Halt", ruft da noch mal die Empfangsdame.
Knobi dreht sich um.
"Wenn dich jemand fragt, was du hier willst, sag, Frau Binder hätte dich hochgeschickt, zu Frau Knopf . Frau Binder, das bin ich. Das geht dann schon klar."
"Okay, vielen Dank", sagt Knobi und verschwindet im Fahrstuhl.

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Die Fahrstuhltür schließt sich. Knobi sucht die Druckknöpfe. Oje, die sind ja ganz weit oben. Knobi seufzt. Da öffnet sich wieder die Tür, und ein großer Mann betritt den Fahrstuhl. Er schaut Knobi von oben herab an. Trotzdem fragt Knobi diesen Herrn mutig:
"Ach, wären Sie wohl so nett und drückten für mich den 5. Stock? Mich schickt nämlich Frau Binder zu Frau Knopf"
"Da brauche ich gar nicht extra für dich zu drücken, mein Kleiner, ich will nämlich selbst dorthin", sagt der Mann und drückt auf den Knopf mit der 5. Daraufhin setzt sich der Fahrstuhl in Bewegung. "Übrigens, mein Kleiner, sagt der Mann während der Fahrt," du kannst Frau Knopf sagen, Dr. Robin ist in 10 Minuten bei ihr."
Knobi stutzt: "Sind Sie Dr. Robin?"
"Ja, mein Kleiner", antwortet der Mann. "Das dachte ich mir doch gleich", lügt Knobi. "Dr. Robin kennt doch jeder. Ich werde es Frau Kopf, ehm, Frau Knopf ausrichten."
Kaum hat Knobi zu Ende gesprochen, sieht er, dass oben die 5 aufleuchtet. Der Fahrstuhl hält, und die Tür öffnet sich. Der Mann, der Dr. Robin ist, geht rechts hinaus und verschwindet in einer Tür, auf der WC geschrieben steht. Knobi hat es jetzt eilig. Schnell läuft er links den Gang entlang bis zur letzten Tür. Er klopft kurz an, und nachdem eine Frauenstimme hinter der Tür "Ja" gerufen hat, tritt er ein.

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Sicher ist das Frau Knopf, denkt Knobi, als er im Raum eine Frau erblickt, die vor einem Tisch steht und mit Unmengen von Puder, Cremes und Pinsel herumhantiert.
"Sind Sie Frau Knopf?" fragt Knobi.
"Ja", antwortet die Frau schnippisch. "Was willst du denn hier?"
"Mich schickt Dr. Robin. Ich soll ihm etwas holen. Hat er so etwas wie einen Anzug oder so?"
"Natürlich hat er so etwas wie einen Anzug", antwortet Frau Knopf "hier im Nebenzimmer ist der Ankleideraum. Da hängt auch sein Anzug. Dr. Robin zieht sich gewöhnlich erst dort um, bevor er zu mir zum Schminken kommt. Ich warte bereits auf ihn."
"Er kommt sofort, soll ich Ihnen sagen," sagt Knobi und geht zur Tür, die zum Ankleideraum führt, "in fünf Minuten ist er da."
Knobi macht die Tür hinter sich zu. Er sieht nicht mehr Frau Knopfs erstauntes Gesicht, denn nun ist er im Ankleideraum. Schnell reißt er sich seine Kleider vom Leib und schlüpft in den Anzug, der gerade noch ordentlich auf einem Bügel hing. Aus den Hosentaschen seiner eigenen Hose wühlt er die Holzklötze hervor. Und schon streift er sich - dschschschschd - den Gummi des einen Klotzes über den einen Fuß und - dschschschschd - den Gummi des anderen über den zweiten Fuß. Knobi schaut hinab auf seine Hände - er sieht sie - die Jacke ist also nicht mehr zu groß, er ist Dr. Robin! Der echte Dr. Robin schläft jetzt auf dem Klo.

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Knobi geht wieder durch dieselbe Tür, durch die er gekommen ist und steht wieder im Schminkzimmer von Frau Gisela Knopf.
"Hallo, Dr. Robin, da sind Sie ja", sagt Frau Knopf freundlich.
"Ja, da bin ich", antwortet Knobi.
"Nun, es wurde höchste Zeit", sagt Frau Knopf "Kommen Sie, setzen Sie sich her zum Pudern."
Knobi setzt sich auf den ihm zugewiesenen Stuhl, und Frau Knopf beginnt, mit einem dicken Pinsel auf seinem Gesicht herumzupudern. Das kitzelt ganz schön, aber Knobi hält es aus wie ein Indianer und lässt alles über sich ergehen.
"Schön, dass Sie heute über Karies sprechen werden", fängt Frau Knopf an zu plaudern. "Stellen Sie sich vor, meine Nichte ist 5 Jahre alt und hat schon Karies."
Da ruft eine Stimme aus einem anderen Zimmer:
"Dr. Robin, kommen Sie, wir müssen die Kameras einstellen."
Knobi folgt dem Mann in der Tür, der ihn zu einem hohen Tisch im Nachbarzimmer führt.
"So"‘ sagt der Mann, "hier ist Ihr Platz, Sie stehen genau hinter diesem Tisch. Stellen Sie sich schon mal hin. Sie haben noch genau fünf Minuten Zeit, dann gehen wir auf Sendung. Achten Sie auf die rote Lampe: Wenn sie brennt, wird gefilmt. Aber das wissen Sie ja alles schon, was sage ich da", sagt er fast wie zu sich selbst.
Doch für Knobi ist das Gesagte die Rettung. Er wusste bis jetzt ja überhaupt nicht, wie das im Fernsehen so vor sich geht.

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Er blickt sich um, viele Scheinwerfer und drei Kameras sind auf ihn gerichtet. Eine rote Lampe hängt an der Decke. Aha, denkt Knobi, sobald diese rote Lampe leuchtet, werde ich gefilmt; dann können mich alle auf dem Bildschirm sehen, die gerade fernsehen. Ob Vater und Mutter jetzt auch Dr. Robin sehen wollen? Bestimmt, denkt Knobi, und damit hat er auch recht.

Zu Hause sitzen Knobis Eltern ganz gespannt vorm Fernseher. Nur Elli und Sofie sind wieder mal bei Freunden, aber auch dort ist der Apparat eingeschaltet.

"Knobi schläft schon", sagt gerade Mutter zu Vater.
"Heute hat er ja keinen Mucks von sich gegeben."
"Der war wohl ganz schön müde", sagt Vater und schenkt sich dabei ein Bier in sein Glas ein.
"Psssst", fährt Mutter den Vater an, "sei still jetzt, der Ratgeber beginnt."

In diesem Moment geht bei Knobi im Studio die rote Lampe an. Er ist nicht aufgeregt, nein, keine Spur.

"Guten Abend, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer, guten Abend, Herr und Frau Breuer. Ich begrüße Sie zur heutigen Sendung ‚Familienratgeber‘ "‚ fängt er an zu sprechen.
"Aus einem besonderen Anlass möchte ich heute nicht, wie geplant, über Karies sprechen, sondern über das Wertvollste, was wir haben, nämlich über unsere Kinder!
Ja, Sie haben richtig gehört, über Kinder soll es heute einmal gehen, und ich bitte Sie und besonders Sie, Herr und Frau Breuer, ganz genau aufzupassen."

Knobis Eltern sitzen vor dem Fernseher wie Steinfiguren. Sie blicken sich nur fragend an, was soviel heißen soll wie, meint der Dr. Robin etwa uns?

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"Ja, genau Sie meine ich, Herr und Frau Breuer", redet Knobi weiter. "Ich frage Sie: Wann haben Sie eigentlich noch Zeit für Ihr Kind? Jeden Abend liegt es abgeschoben und abseits von der Familie irgendwo im Dunkeln. Ich muss wirklich mit Ihnen schimpfen, Herr und Frau Breuer! So etwas tut man nicht!"

Knobis Eltern trauen ihren Augen und Ohren nicht. Vor ihnen ist Dr. Robin, der berühmte Dr. Robin, im Bildschirm und redet mit ihnen, ganz persönlich.
Sie schauen sich wieder an.
Wie ist das möglich? Kein Zweifel, sie sind tatsächlich gemeint.

"Bleiben Sie ruhig sitzen", tönt Knobi weiter in die Kamera. "Heute abend brauchen Sie nicht mehr nach Ihrem Kind zu schauen, es schläft sicher ganz fest.
Aber ich verordne für alle Familien, und besonders für Familie Breuer für morgen einen ‚Tag des Kindes‘!
Das heißt, dass morgen die Kinder bestimmen dürfen. Denn das muss auch mal sein. Wie oft beklagen sich Ihre Kinder, und Sie nehmen sie einfach nicht ernst!
Morgen aber wird alles anders sein. Morgen haben die Kinder das Sagen:
Sie dürfen bestimmen ,wann sie aufstehen was es zu essen gibt und was und wie lange sie spielen. Und was ganz wichtig ist, die Kinder dürfen morgen bestimmen, wann sie ins Bett gehen.
Sicher wird das Ihrer ganzen Familie gut tun. Und ich bitte auch ganz besonders Sie, Herr und Frau Breuer, sich an diesen Tag zu halten.
Ich wünsche Ihnen noch einen angenehmen Abend und sage auf Wiedersehen bis zum nächsten ‚Familienratgeber‘ in einer Woche."

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Jetzt herrscht bei Knobis Eltern großes Schweigen. Ihnen hat es die Sprache verschlagen. Ihr Gesicht ist ein einziges Fragezeichen.
Morgen soll ein Tag des Kindes sein? Haben sie sich eben auch nicht verhört? geht durch ihre Köpfe.
"Was meinst du", versucht Vater vorsichtig zu sagen.
"Was soll ich schon meinen ‚ entgegnet Mutter und hüllt sich weiter in Schweigen.
Nach einer langen Pause sagt sie schließlich:
"Dr. Robin hat zu uns gesprochen, ich kann es fast nicht glauben, aber es ist wahr. Er hat doch sonst immer so vernünftige Ratschläge. Das heute scheint mir sehr, sehr merkwürdig."
"S..s..sollen wir uns an den Tag des Kindes halten?" fragt Vater immer noch total verunsichert.
"Vielleicht sollten wir es wirklich einmal ausprobieren. Sieh mal, in einem hat Dr. Robin ja vollkommen recht: Es ist doch wahr, dass wir sehr wenig Zeit für Knobi haben. Darunter leidet er bestimmt", sagt Mutter etwas traurig.
"Du hast recht", sagt Vater, "und eigentlich hätten wir auch von selbst mal drauf kommen können, einen Tag des Kindes einzurichten. Also, morgen darf Knobi bestimmen!"

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Während Knobis Eltern noch weiter über den ‚Tag des Kindes‘ reden, sitzt Knobi schon wieder auf seinem Fahrrad und radelt vergnügt nach Hause.
Nach seiner Ansprache als Dr. Robin hatte er sich in Windeseile wieder umgezogen und die Klötze von seinen Füßen abgestreift. Er eilte auf der Treppe hinab, denn er wollte auf keinen Fall angesprochen werden.

"Dideldideldum, der Knobi ist nicht dumm,
Dideldideldein und auch nicht immer klein,"

Knobis Lied

singt Knobi vergnügt auf seinem Fahrrad.
Er singt und fühlt sich großartig.

Zu Hause schleicht er sich in die Wohnung. Aus dem Wohnzimmer hört er Vater und Mutter, wie sie immer noch reden.
Bestimmt über den ‚Tag des Kindes‘, denkt Knobi und grinst.
"Ja, einmal können wir ihm ja die Freude machen", kann er noch aufschnappen, bevor er in seinem Zimmer verschwindet.
Im Bett kommt über seine Lippen gerade noch: "Dann ist ja alles...
‚Bestens‘ will Knobi noch sagen, doch da ist er schon eingeschlafen.

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