Knobi macht auf dem Dachboden eine ungewöhnliche Entdeckung

"Knobi", ruft die Mutter aus der Küche.

Es ist später Nachmittag. Knobi ist gerade im Schlafzimmer der Eltern und wühlt in der alten Kleidung seines Vaters herum.
"Knobi", ruft die Mutter etwas lauter aus der Küche. "Knobi, komm doch mal!"
"Was ist denn", murmelt Knobi und geht langsam in die Küche.
Als sie ihn erblickt, lacht sie: "Ja, wie siehst du denn aus? Was hast du dir denn angezogen?"
Knobi steht im Türrahmen und hat Vaters Sachen an: die grüne Kordhose, das blauweiß gestreifte Hemd und das dunkle karierte Sakko. Die Sachen sind ihm natürlich viel zu groß, alles schlackert an ihm herum.
"Mama, wann kriege ich denn mal so ein Sakko?" fragt Knobi verträumt. Mit diesen Sachen fühlt er sich schon ein bißchen größer
"Später, Knobi!" sagt die Mutter. "Hör mal bitte zu. Du bist doch schon ein großer Junge. Gehst du mal in den Keller und holst die Wäsche aus der Maschine? Davor steht der Korb. Und sei so gut, trage den Wäschekorb mit der Wäsche dann noch auf den Dachboden, ja?"

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"Was, ganz allein? Auf den Dachboden?" fragt Knobi ungläubig.
"Ja, ich weiß", erwidert die Mutter, "du hast die Wäsche noch nie allein hinaufgetragen, aber ich finde, du bist doch schon so groß und könntest das ruhig mal probieren. Ich hänge die Wäsche dann später selbst auf."
Doch da fängt Knobi gleich an zu protestieren:
"So, so! Ich soll die Wäsche da hochtragen? Nehehehe, mit mir nicht. Ich bin doch nicht euer Diener!"
"Knobi!" sagt die Mutter jetzt streng. "Ich will jetzt nicht mit dir diskutieren. Ich habe keine Zeit dazu. Ich koche gerade, wie du siehst, und der Papa hat sich Arbeit aus dem Büro mitgebracht. Du weißt, dass wir nachher noch weggehen wollen. Geh jetzt bitte und mach das!" "Ich sag‘s ja", knurrt Knobi, "ich sag‘s ja. Immer bestimmst du rum. Immer!"
Die Mutter hat für Knobi jetzt aber keine Zeit und sagt böse: "Ich warne dich Knobi, du machst das jetzt und zwar sofort, sonst erlebst du was! Und ziehe gefälligst die Sachen wieder aus. Du weiß genau, dass sie zur Altkleidersammlung kommen. Ich habe keine Lust, diese Sachen ein zweites Mal zu waschen."
"Ich möchte auch was geschenkt bekommen," mault Knobi.
"Knobi!" ermahnt ihn die Mutter.
Knobi zieht den Kopf ein und verschwindet aus der Küchentür. Na also, denkt er, da haben wir‘s ja wieder. Ich sag‘s ja. Immer dasselbe. Die bestimmen, und ich muss alles machen.

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Seufzend begibt er sich in Richtung Keller. Auf der Treppe hat er einige Schwierigkeiten, die Stufen hinabzusteigen. Immer wieder tritt er auf die viel zu langen Hosenbeine von Vaters Hose. Die hat er nämlich immer noch an. Im Keller ist es für ihn dann auch gar nicht so einfach, die Wäsche aus der Maschine zu holen. Immer wieder rutschen die Ärmel von Vaters Jacke herunter; er greift ständig in das Innere des Ärmels.
"Verdammter Mist", flucht Knobi und fühlt sich dabei schon etwas besser. Fluchen tut er nämlich gern. Er kommt sich dabei immer groß vor. Die Großen fluchen ja auch immer.
Irgendwie schafft er es aber. Die Wäsche liegt im Korb, und er versucht, ihn zu tragen. Auch das ist schwer; ständig schlackern irgendwelche Stofffetzen herum. Mühsam schleppt er den Korb die Treppe hinauf. Nach dem dritten Stockwerk kommt endlich die Treppe, die zum Dachboden führt.
Alle Bewohner in Knobis Haus teilen sich den Boden. Jede Familie hat dort ihren Platz. Einerseits um Wäsche aufzuhängen, andererseits um Sachen wegzustellen, die man im Moment in der Wohnung nicht mehr braucht, und die dort nur Platz wegnehmen würden. Viele Wäscheleinen sind kreuz und quer auf dem Dachboden gespannt, und überall steht Gerümpel herum. Knobi ist eigentlich sehr gern dort oben, und er beschwert sich immer, wenn Vater oder Mutter hinaufgehen, ohne ihn mitzunehmen. Denn auf dem Dachboden lässt es sich so wunderbar in alten Sachen herumwühlen, und das macht Knobi ganz besonders gern.

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Jedesmal entdeckt er etwas Neues: Comic-Hefte, Weihnachtsschmuck eine knorrige, alte Wurzel. Babyschuhe, eine Kindergeige, das Schaukelpferd von früher, einen großen Spiegel, einen Sack mit Duplosteinen, alte Ordner und Hefte und vieles andere mehr. Alles das liegt allein schon auf dem Platz von Breuers, Knobis Familie.
Ganz besonders großen Spaß bereitet aber Knobi das Herumschnüffeln auf anderen Plätzen. Seine Eltern finden das weniger gut und sagen jedesmal, wenn er sich dahin schleichen will, dass er auf keinen Fall etwas anfassen dürfe. Aber wie soll er da jemals einen Schatz oder sonst etwas Wertvolles finden können! denkt sich Knobi. Und er ist überzeugt davon, dass auf dem Dachboden Schätze liegen können. Die Frage ist nur, wo?

Nun, Knobi hat es also geschafft. Er steht auf dem Dachboden mit zu langer Hose, zu großem Hemd und Sakko und stellt den Wäschekorb ab. Jetzt ist er gar nicht mehr sauer auf seine Mutter, die ihn immer rumschickt. Jetzt ist es eigentlich ganz schön, allein hier oben zu sein. Bei der alten Frau Masswe war er noch nie gucken!

Die alte Masswe wohnt auch im Parterre wie Knobi, nur auf der linken Seite. Sie wohnt dort ganz allein mit ihrem Wellensittich, der Peter heißt. Zu dem spricht sie immer:
"Peter, Peter, du, du, du!"
An ihrem Fenster zur Straßenseite hin hat sie einen Spiegel befestigt. So kann sie darin genau beobachten, wer im Haus aus und ein geht, ohne selbst am Fenster gesehen zu werden.

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Die alte Masswe kann in die Zukunft sehen. Sagt sie jedenfalls. Sie hat Knobis Eltern einmal die Karten gelegt. Knobi war dabei. Sie verteilte ganz gewöhnliche Spielkarten auf dem Tisch, guckte die Karten an, dann die Mutter, dann den Vater und schließlich fing sie an zu erzählen.

Währenddessen schaute sie immer wieder abwechselnd auf Knobis Eltern und die Karten. Sie erzählte von einem großen Ereignis, das kommen würde, von einer Krankheit, von Geld, Glück und langem Leben. Knobi verstand das alles nicht so richtig. Zu Hause haben Knobis Eltern dann über die alte Masswe geschmunzelt:
"Die alte Masswe wird ja immer wunderlicher", sagte der Vater. "So ein Unsinn. Allgemeines trifft ja irgendwie immer zu." Trotzdem ist die alte Masswe für Knobi seitdem sehr geheimnisvoll.
"Du bist gut!" sagte sie einmal zu Knobi. "Du bist ein guter Mensch. Das erkenne ich an deinen Nasenknochen." Ja, sie meint, sie kann bei jedem im Gesicht erkennen, ob er gut oder böse ist.

Knobi steht auf dem Dachboden und geht langsam auf den Platz der alten Masswe zu. Vielleicht ist sie eine Hexe? Vielleicht eine Zauberin? Unheimliche Gedanken schwirren in Knobis Kopf herum. Auch dieser Platz liegt fast im Dunkeln. Als Knobi davor steht, sieht er zuerst eine uralte Nähmaschine mit Trittbrett. Die schiebt er vorsichtig zur Seite, um an die hinteren Dinge heranzukommen.

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Viele Sachen liegen da durcheinander: ein alter Kochtopf ein großer Strohhut, ein Damenstiefel, ein Schuhkarton voll leerer Garnrollen, ein Karton voll Kleiderbügel, eine geschnitzte Holzfigur, bei der das linke Bein abgebrochen ist und ein großes Gemälde von einer Frau, die genau denselben Strohhut aufhat, der hier liegt. Das ist sicher die alte Masswe, denkt Knobi, früher als sie noch jung war, also die junge Masswe. Und während er das Bild so von allen Seiten betrachtet, entdeckt er dahinter plötzlich ein kleines, verschnürtes Paket. Knobis Neugier wird immer größer. Er schaut sich um. Ziemlich dunkel ist es hier.
Er überlegt: Ob ich das Paket aufmachen kann? Knobi überlegt nicht lange, da versuchen seine zitternden Finger schon den Knoten des Pakets zu öffnen. Er kann nichts dagegen tun, seine Finger binden rasch das Paket auf, und bevor er sich darüber klar wird, liegt es geöffnet vor ihm.
Was ist denn das? - fragt sich Knobi.
Ganz normale Holzklötze!
Normal? Nein, doch nicht so normal. Jeweils ein kleiner Gummi ist über eine Seite der Klötze gespannt.
Knobi nimmt einen Klotz in die Hand, zupft an dem Gummi, lässt ihn an dem Gummi hängen und um sein Handgelenk kreisen. Was bedeutet das nur? Wieso waren die so doll verpackt? grübelt er. Wozu sollen die gut sein? Er weiß es nicht. Enttäuscht will Knobi die Klötze wieder zurücklegen, da kommt ihm plötzlich eine Idee:
Ich könnte mich doch damit etwas größer machen.

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Und schon streift er sich - dschschschschd - den Gummi des einen Klotzes über den einen Fuß und- dschschschschd- den Gummi des anderen über den zweiten Fuß.
Knobi steht nun auf den Holzklötzen, die fest an seinen Füßen haften. Ha, denkt er, jetzt bin ich etwas größer, und er marschiert stolz umher.
Aber was ist das? Knobi guckt an sich selbst herunter. Er sieht seine Hände! Die Ärmel von Vaters Sakko sind gar nicht mehr zu lang! Die Hose ist ihm gar nicht mehr zu groß! Auch das Hemd passt! Alles passt wie angegossen! Knobi stutzt. Wie ist denn das nur möglich?
Er geht zum großen Spiegel, der auf Breuers Platz steht und schaut sich darin an. Was er sieht, ist nicht Knobi. Nein, es ist sein Vater!
Vater hier auf dem Dachboden? fährt es Knobi sofort durch den Kopf, und er dreht sich dabei erschrocken um. Nein, sein Vater ist nicht hier, Knobi sieht nichts als Wäscheleinen und Gerümpel.
Wieder richtet er seinen Blick zum Spiegel hin. Da sieht er wieder Vater; und er bat genau die Sachen an, die Knobi vorhin angezogen hat.
Vorsichtig wackelt er mit dem Kopf. Und siehe da: Wie er fast vermutete, sein Vater wackelt im Spiegel auch mit dem Kopf.
Es gibt keinen Zweifel mehr, weiß Knobi, er ist Vater! Er ist es nicht wirklich, klar, aber er sieht genau so aus. Selbst sein Gesicht hat sich in Vaters Gesicht verwandelt, stellt er fest.

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Wie von Sinnen hüpft er vor dem Spiegel herum und fragt sich, ob er das alles nur träumt oder ob er vielleicht verrückt geworden ist.
Nachdem er so eine Weile herumgehüpft ist und schließlich begriffen hat, dass es kein Traum ist, streift er sich die Holzklötze von den Füßen ab und guckt wieder in den Spiegel:
Sofort steht Knobi wieder da. Mit zu langer Kordhose, zu großem Hemd und Vaters Sakko. Seine Hände sind nicht mehr zu sehen, sie sind verschwunden unter den zu langen Armen.
Nun streift sich Knobi die Klötze wieder über, - dschschschschd -‚ und - Vaters Sachen passen wieder, im Spiegel steht wieder Vater!

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