Lunalivon Herta Däubler-Gmelin
Mit freundlicher Erlaubnis des Verlag Peter Grohmann,Dresden 



Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es war, als wir noch Kinder waren. Das war nach dem Krieg, vieles war zerstört, auch Familien; mein Vater war in Kriegsgefangenschaft und Geld hatten wir auch nicht. Wir gingen noch in die Schule und so hatten wir viel Zeit zum Spielen und Raufen, zum Träumen und Erzählen. Die schönsten Stunden waren jedoch für mich immer die am Abend. Wir gingen zeitig zu Bett damals, das war wärmer und Fernsehen gab´s sowieso nicht. Dafür erzählte unsere Mutter eine Geschichte. Wir vier Kinder kuschelten uns also eng im Bett zusammen, draußen war es noch nicht ganz dunkel und besonders im Sommer konnte man durch das offene Fenster die Amsel singen hören. Ich liebe diesen Singsang noch heute. Und dann, wenn es warm und gemütlich wurde, fing meine Mutter an zu erzählen und alle Geschichten, wie soll es bei einer Gutenacht-Geschichte auch anders sein, fingen an mit: Es war einmal...oder so ähnlich. Ich liebte diese kleinen Erzählungen, am liebsten aber hatte ich ihr Märchen von der kleinen Meerjungfrau.Einst lebte im Reich der großen Meere eine wunderschöne Meerjungfrau. Sie hatte lange goldene Haare und ein wunderschönes Kleid aus lauter kleinen, grünschimernden Schuppen mit zwei kleinen Schleppen am Ende, die so aussahen wie der Schwanz einer kleinen Forelle. Lunali, so hieß die kleine Meerjungfrau, war die Tochter der großen Göttin Luna, die mit ihrem sanften Lichte das Meer verzauberte, als ihre Tochter geboren wurde. Ihr Vater war der Kaiser der Meere, ein mächtiger, großer, dunkler Herrscher, der Lunali, die einzige Tochter, über alles liebte und sie mit Geschenken und Reichtum über die Maßen verwöhnte. Und so sollten wir annehmen, daß Lunali die glücklichste Meerjungfrau im weiten Reich der großen blauen Ozeane war. Doch sie war es nicht. Denn obwohl die Zeit der Hochzeit für Lunali gekommen war, hatte sie gar kein Interesse an den jungen Bewerbern, die ihr Vater, der mächtige Kaiser, für sie zur Brautwahl aus der ganzen Unterwasserwelt hatte kommen lassen. Sie saß nur gelangweilt auf ihrem wunderschönen Korallenthron und schaute mit träumerischen traurigen Augen an allen hoffnungsvollen jungen Kandidaten in die Ferne. Die Wahrheit war, Lunali war todunglücklich, denn sie hatte sich schon lange heimlich verliebt in einen kleinen Meerjungen namens Alikim, der arm war und unbedeutend in den Augen ihres Vaters, des mächtigen Kaisers der Meere, nicht gut genug und weit unter ihrer Würde.

Und so mußte sich Lunali immer heimlich, nachmittags, wenn ihr Vater seine Minister empfing, mit ihm treffen. Dann ließ sie ihren aus den wunderschönen Korallen gebauten Wagen anspannen mit ihren purpurroten und azurblauen Seepferdchen.
Doch eines Nachmittags war keine Audienz für die Minister, die Politik ist auch ein Geschäft, das einmal Pause macht. Und so hatte ihr Vater plötzlich Zeit und ihm fiel auf, welch großes Geheimnis seine Tochter hütete. Da wurde der Kaiser der Meere sehr zornig und tobte vor Wut, als Lunali am frühen Abend nach Hause kam: "Wenn ich dich noch einmal mit diesem Alikim, diesem Habenichts, sehe, der nicht einmal in meinem Reich zu Hause ist, dann sperre ich dich ein!" schrie er Lunali an. "Ich werde diesen Fremdling aus meinem Reich werfen lassen", so lauteten seine barschen Worte und Lunali weinte sehr. Sie kannte zu gut die Macht ihres Vaters. Um ihn zu besänftigen, schmeichelte und schmuste sie mit ihm und versprach, Alikim nie wieder zu sehen. So vergaß der Vater die Drohung, ihren Geliebten aus dem Reich der Meere werfen zu lassen. Und die Welt schien für kurze Zeit wieder in Ordnung zu sein.

Am nächsten Tag, kurz bevor die Zeit für die Audienz des Ministerrats gekommen war, kam Lunali mit dem strahlendsten Lächeln auf ihren Vater zu, denn sie beherrschte wie alle Meerjungfrauen die Kunst des Bezauberns. »Pappilein«, schmeichelte sie ihm, der zwar sehr mächtig war, aber im Grunde seines Herzens auch sehr gutmütig. »Pappilein, ich fahre ein wenig spazieren.« »Ja, gut«, brummte der Kaiser der Meere und fügte jedoch drohend hinzu: »Wehe triffst du dich mit diesem Alikim. Dann werde ich dich mit dem Erstbesten verheiraten, der mir heute noch über den Weg läuft.« »Nein, nein«, antwortete Lunali schnell und damit er keine Zeit zum Nachdenken hatte, verschwand sie eilig aus seinem Blickfeld.

Doch der Kaiser der Meere war wie alle Väter, die um ihre Tochter zu sehr fürchten, mißtrauisch geworden und schickte ihr vorsichtshalber zwei Wärter nach. Sie waren dünn wie Spinnweben und pechschwarz, aber die schnellsten und eifrigsten Spione im ganzen Ozean. Und so konnten sie mühelos dem kleinen Korallenwagen von Lunali folgen.

Kaum war Lunali außer Reichweite des Schlosses, traf sie natürlich mit Alikim zusammen. Die beiden Spione sahen dies und schwammen sofort zurück, um dem Kaiser der Meere Meldung zu machen. Der wurde so wütend und zornig, daß er seine Sitzung mit den Ministern unterbrach und sich selbst auf sein Seepferd setzte und losritt. Als er die beiden traf, bekam Lunali eine schallende Ohrfeige und Alikim wurde des Reiches verwiesen. Lunali wurde in den Palast gesperrt und von den beiden schrecklichen Spionen bewacht. Sie wurde so traurig, daß mit ihr all die bunten wunderschönen Seeanemonen den Kopf hängen ließen.

So viel Unglück konnte Luna, die sanfte Mondgöttin, nicht mehr mit ansehen. Sie verzauberte die beiden schrecklichen Wächter mit ihrem vollem Glanz und wies Alikim den Weg zu Lunali. Er befreite sie und nun ging es fort im Wagen mit den Seepferdchen. Sie flogen beide weit weg über die Grenzen des Reiches der Meere hinaus in das Land der Menschen. Und als es Morgen war und die Flucht der beiden bemerkt wurde, waren sie schon in unerreichbare Ferne geflohen und hatten keine Spuren hinterlassen, denn im Wasser kann bekanntlich auch der beste Fährtensucher nichts ausrichten.

Da war der mächtige Kaiser der Meere auf einmal gar nicht mehr so mächtig und er bemerkte, daß alle Herrschaft nichts ausrichten kann gegen die Macht der Liebe. Er wurde traurig und verlor jegliches Interesse an seinen ihm bislang so wichtigen Regierungsgeschäften.
In alle Winkel seines Reiches ließ er Boten aussenden mit der Bitte, daß beide doch zurückkommen sollen. Doch es war zu spät und seine Suche vergebens. Zuletzt, als alle Hoffnung schon aufgegeben war und der Kaiser der Meere vom Weinen schon ganz trübe Augen hatte, ließ sein enger Berater, der Hofnarr, der der weiseste von allen war, Meerewitt rufen, die alte, weise Seeschildkröte. Meerewitt schaute mit ihren großen braunen Augen lange auf den Kaiser derMeere und hatte Mitleid mit ihm. »Versprich ihnen, daß du sie beide lieben wirst und ihnen verzeihst, wenn sie zurückkommen«, sprach Meerewitt zum Kaiser der Meere, denn sie hatte keine Angst vor ihm, denn Weisheit fürchtet Macht nicht und Meerewitt war weise wie der Narr. Der Kaiser der Meere nickte nur und bei jeder neuen Tränenflut schwappte das Wasser am Rande ein wenig über, ganz so, wie man es bei Ebbe und Flut beobachten kann.Meerewitt machte sich auf eine lange beschwerliche Reise. Sie wußte den Weg genau, denn sie hatte ihn viele Jahrhunderte lang jedes Frühjahr zurückgelegt. Als sie am Rande der Meere angelangt war, schleppte sie sich an Land und legte ihre Eier in den noch sonnenwarmen Sand des nächlichen Strandes. Dann deckte sie vorsichtig ihre Nachkommen zu und küßte jedes einzelne sehr liebevoll. Und nun erinnerte sie sich wieder an Lunali und Alikim. Traurigen Herzens verließ sie ihre noch nicht geschlüpften Jungen, um beide zu suchen. Jeder Meter an Land fiel ihr schwer, denn Meeresschildkröten eignen sich nicht besonders für eine lange Reise über Land. Sie konnte auch immer nur nachts reisen, damit die Menschen am Tag sie nicht sahen und sie töteten, denn manche lieben das zarte Fleisch von Meeresschildkröten.
Schließlich nach vielen beschwerlichen Nächten kam Meerewitt an einen kleinen verlorenen Tümpel. Dort fand sie Lunali und Alikim in einer kleinen Hütte am Rande des Wassers. Sie waren arm, aber glücklich und hatten beide nicht mehr den Wunsch, in das Reich des hartherzigen Vaters zurückzukehren. Doch die Worte von Meerewitt rührten sie sehr und so zogen sie schließlich wieder hinab in das dunkle, geheimnisvolle Reich des mächtigen Kaisers der Meere. Und wenn sie nicht gestorben sind... ja was dann?
Ihr müßt einfach mal gucken und die Augen offen halten. Wenn ihr ein kleines, blondes, langhaariges Mädchen seht und einen dunkelhaarigen, fremdaussehenden Jungen, vielleicht sind das ja die Kinder von Lunali und Alikim? Ein Kleid aus kleinen grünschimmemden Schuppen kann man schließlich schnell aus- und wieder anziehen. Und wenn ihr dann noch einen Beweis braucht, vielleicht können ja beide ganz besonders gut schwimmen. Und schließlich gibt es ja noch Ebbe und Flut. Wenn euch das als Beweis noch nicht reicht, dann steht doch nachts heimlich auf, wenn eure Eltern schlafen und fragt Luna selbst, die große blaß schimmernde Göttin am Himmel. Wenn ihr sie lange genug betrachtet, dann wird sie euch bei sternenklarem Himmel mit großen Augen anschauen und... ist da nicht ein kleines Lächeln auf ihrem vollen Gesicht?