September 2017

Liebesmord


Es war am Mittwoch dem 13. Oktober 2016 um sechs Uhr am Abend in der Villa von den von Charletts in Brunnen. Die Frau des Hauses, Victoria Hudson von Charlett hatte den Butler, Mark Stutz, für den Nachmittag freigegeben. Ihr Mann, Leonard von Charlett, war zusammen mit seinen Freunden bei einer Feier in Küssnacht am Rigi. Victoria war also alleine zu Hause. Als der Butler am Abend nach Hause kam, rief er zur Frau hoch: „Ich bin wieder da, Frau Hudson.“ Denn Victoria mochte es nicht ´von Charlett´ genannt zu werden. Der Butler zog seinen Mantel aus und wollte soeben anfangen das Abendessen zuzubereiten. Er ging in das Wohnzimmer, und als er es dann sah, staunte er bei diesem Anblick. Victoria hing in einem Seil mitten im Wohnzimmer. Ein Stuhl lag umgekippt auf dem Boden. Ihr Kopf hing schief herunter und sie war ganz blass. Mark blieb einen Moment lang stehen und versicherte sich, dass er nicht träumte. Er hob die Augenbrauen an und dachte: „Ich rufe lieber den Herrn von Charlett an.“ Dann rief er Leonard an, der dann die Polizei verständigte. Als Allererstes traf die Polizei und die Kriminalkommissarin ein. Später kamen dann Leonard, der ja auf einer Feier gewesen war, und Victorias Schwester, Sarah Hudson.
Die Kommissarin, Allessia Görmann, befragte den Butler. Einige andere Polizisten holten die Leiche herunter. Allessia kannte Victoria sehr gut, da sie im gleichen Quartier wohnten. Sie konnte einfach nicht fassen, dass Victoria Selbstmord begangen hätte. Darum fing sie an, die Untersuchungen einzuleiten. Sie sammelte einige Beweismittel. Leonard war aus völlig aus dem Häuschen. Der Butler aber nahm das Ganze ganz cool und sagte nichts dazu.
Am nächsten Tag war das meiste Chaos von der Villa von Charlett verschwunden. Die Kommissarin saß in ihrem Stuhl bei der Kantonspolizei und hatte in der ganzen Nacht kein Auge zugemacht. Sie hatte darauf bestanden, dass die Leiche zur Autopsie geführt werden sollt, und jetzt wartete sie darauf, dass die Ergebnisse endlich vorlagen. Als dann um drei Uhr am Nachmittag die Ergebnisse endlich bei ihr eintrafen, stand folgendes darin: In Victorias Blut befand sich eine erhöhte Menge von einem Schlafmittel. Zudem hatte der Körper mehrere blaue Flecken, eine kleinere blutende Wunde auf der Lippe und Spuren von Sperma am Körper. Leider konnte die DNA der Spermen nicht bestimmt werden. Allessia kam der Verdacht, dass es nicht Selbstmord war, sondern Mord. Victoria könnte vergewaltigt worden sein und dann getötet! Da sie nicht genug Beweismittel hatte, musste sie alle Personen befragen.
Gleich danach fuhr sie mit dem Polizeiwagen nach Brunnen, um den Butler und Leonard zu befragen. Als sie bei der Villa ankam, war nur der Butler, Mark Stutz, zu Hause. Sie fing mit den Fragen an: „Wo waren Sie gestern zwischen vier und und sechs Uhr nachmittags?“ Zuerst stottete der Diener ein wenig. Dann antwortete er: „Ich... Ich war spazieren.“ Frau Görmann schriebt das Ganze sorgfältig auf. Nach einigen weiteren Fragen hörte man die Vordertür auf und wieder zu gehen. Leonard von Charlett kam ins Wohnzimmer herein. Er sah nicht sehr überrascht aus, als er die Kommissarin bemerkte. „Aha, was gibt es Neues?“, fragte er. Zuerst verstand Allessia nicht, dann antwortete sie: „Ich möchte Ihnen gerne einige Fragen stellen. Wo waren Sie gestern zwischen vier und sechs Uhr nachmittags?“ „Ich war bei einer Feier zusammen mit einigen Kollegen. Die können es bezeugen. Victorias Schwester, Sarah, war auch da. Warum fragen Sie denn?“ „Einfach so. Wohin sind Sie danach gegangen?“, fragte Frau Görmann weiter. Leonard antwortete: „Danach bin ich zu Sarah gegangen. Wir haben ein wenig diskutiert und gegessen.“ „OK. Ich melde mich dann vielleicht wieder. Auf Wiedersehen.“ Mit diesen Worten verließ Allessia die Villa von Charlett.
Am nächsten Tag fuhr Allessia nach Schwyz, wo Sarah Hudson wohnte. Sie wohnte alleine in einer kleinen Wohnung. Als die Kommissarin klingelte, hörte sie ein Gerangel und Schritte. Wenig später wurde die Türspalte ganz knapp geöffnet, so dass man gerade noch ein Auge sah. Frau Görmann stellte sich vor: „Guten Tag, ich bin Allessia Görmann. Ich komme von der Kriminalpolizei Schwyz und möchte gerne Sarah Hudson einige Fragen stellen. Ist sie zu Hause?“ Von der anderen Seite der Tür hörte man eine weibliche Stimme antworten: „Das bin ich. Ich muss mich nur noch umziehen, denn ich war gerade im Bad.“ Man hörte wie sie sich von der Tür entfernte. Dann rief sie von weiter weg: „Kommen Sie nur herein.“ Allessia hörte wieder Schritte und eine Tür, die sich schloss. Allessia trat hinein. Die Wohnung war sehr einfach eingerichtet und hatte sehr wenig Platz. Sarah kam aus dem Schlafzimmer heraus und hatte nur ein T-shirt und Jeans, mit Löcher bei den Knien. Im Wohnzimmer, das zugleich Küche und Gästezimmer war, war ein kleiner Tisch und zwei Stühle. Auf dem Tisch stand einen Haufen voller Sachen. Sarah packte sie schnell weg, insbesondere versuchte sie eine Kiste zu vertuschen. Allessia konnte nicht sehen, was es war. Beide Damen setzten sich an den Tisch. „Also, Sie haben Fragen. Worüber denn?“, fing Sarah an. Allessia begann mit der ersten Frage: „Wo waren Sie am Mittwoch zwischen vier und sechs Uhr nachmittags?“ „Ich war zuerst auf einer Feier mit einigen Kollegen. Dort traf ich Leonard und wir gingen hierher und haben ein wenig geplaudert. Danach bin ich zum Kebab Laden gegangen und habe einen Kebab gegessen. Warum fragen sie denn? Ist es wegen Victoria?“, sagte Sarah. Sie kratzte sich dabei ab und zu. In der Wohnung war es sehr kalt und Allessia musste deswegen niesen. Dabei machte sie ihre Hände schmutzig: „Könnte ich hier vielleicht meine Hände waschen?“, fragte sie Sarah. „Nein leider nicht. Mir wurde hier das Wasser abgestellt.“ „Aha!“, Allessia holte ein Taschentuch hervor und putzte sich die Nase und die Hände. “Dann zur nächsten Frage: War Victoria ihrem Mann treu?“ „Ja, ich glaube schon. Ich rede zwar nicht sehr oft mit Victoria, aber ich glaube nicht, dass sie Leonard betrügen würde,“ sagte Sarah. Allessia schrieb das Ganze sorgfältig in ihrem Notizbuch auf. „Können sie sonst irgendetwas über Victoria und sich sagen? Vielleicht warum sie eine Luxusvilla hat, und Sie, naja, nur eine Wohnung?“ „Ja, das kann ich. Es ist für mich zwar ein unangenehmes Thema aber, was soll´s. Victoria und ich sind Zwillinge. Wir wurden in eine sehr reiche Familie hineingeboren. Da Victoria als Erste herauskam, hat sie das Geld unserer Eltern, die letztes Jahr starben, geerbt. Ich habe nichts bekommen, aber ich lebe jetzt damit und bin zufrieden”, erzählte Sarah. „Wer erbt denn jetzt das Geld?“, fragte Allessia. „Ich glaube, dass ich es erbe. Aber ich weiß es nicht. Vielleicht hat Victoria ein Testament geschrieben”, kam es von Sarah. Frau Görmann bedankte sich und verließ die Wohnung. Doch sie vergaß ihr Päckchen mit Taschentüchern und wollte es holen. Doch die Tür war schon zugemacht worden. Allessia dachte: „Das ist doch auch egal!“ Dann stieg sie in ihr Auto und fuhr zurück in ihr Büro. Dort holte sie einen Durchsuchungsbefehl für die Villa von Charlett. Zusammen mit anderen Polizisten fuhr sie nach Brunnen. Die ganze Villa wurde durchsucht. Nach zehn Minuten kam ein Polizist an sie heran und sagte: „Ich glaube ich habe etwas gefunden: Zwei Ohrringe und ein Ehering.“ „Diese gehörten beide Victoria. Wo haben Sie diese denn gefunden?“, fragte die Kommissarin. „Beim Butler!“ Der Butler wurde gebeten, zur Kommissärin zu kommen. „Können Sie beweisen oder kann jemanden bezeugen, dass Sie zwischen vier und sechs Uhr nicht hier waren?“ Der Butler schüttelte den Kopf und wurde dann in Arrest gestellt. Keiner konnte bezeugen, dass er Spazieren gegangen war und an den Schmuckstücken befanden sich Blut von Victoria und seine Fingerabdrücke.
Während der Wochenendtagen passierte nicht viel.
Am Montag gingen die Untersuchungen weiter. Frau Görmann hatte übers Wochenende viele Informationen gesammelt. Unter anderem hatte sie herausgefunden, dass Victoria in ihrem Testament das Geld in zwei gleiche Teile aufgeteilt hatte. Ein Teil war für Leonard, der andere für Sarah. Zudem hat sie herausgefunden, dass der Butler seit längerem von den von Charletts nicht bezahlt wurde, und dass Frau Hudson von Charlett seit Wochen die Stelle als Diener gekündigt hatte.
Als sie bei der Kantonspolizei ankam, hörte sie eine schlechte Nachricht von ihrem Chef: „Wir haben Mark Stutz wieder freigelassen. Er kommt als Mörder nicht in Frage, denn wir haben einen Zeugen, der sich gemeldet hat und...“ „Was?“, kam es von Allessia, „das beweist noch nichts.“ „Wir haben noch mehr“, setzte der Chef fort, „In der offiziellen Polizeiakte steht, dass Mark Stutz homosexuell ist!“ Allessia machte grosse Augen. Der Butler wäre momentan aus dem Spiel. Doch sie war sicher, dass es jamand war, der Victoria gut kannte. Sie hätten alle ein Motiv. Die nächste verdächtige Person wäre Sarah.
Allessia wartete auf den Nachmittag und fuhr dann zu Sarah. Sie klingelte mehrmals, doch niemand kam an die Tür. Dann versuchte sie die Tür einfach aufzumachen. Sie war nicht geschlossen und die Kommissarin konnte hineingehen. Noch immer gab es überall diese Unordnung. Am Boden lagen Bücher, Kleider Schmutz und Kondome. „Hallo“, rief Allessia durch die Wohnung. Sie hörte ein Gerangel vom Schlafzimmer. Allessia öffnete vorsichtig die Tür zum Schlafzimmer und schaute hinein. Sarah stand vor dem Kleiderschrank, dem einzigen Möbel, abgesehen vom kleinen Bett, und lächelte. Sie hatte nur eine Decke um den Körper und war sonst halbnackt. Jeder merkte sofort, dass sie etwas im Schrank verbarg. Alle Kleider und Bügel lagen auf dem Boden vor dem Schrank. „Guten Tag“, fing Sarah an. „Sie müssen nichts vor mir verstecken“, antwortete Allessia. Aus dem Schrank hörte man ein Murmeln. „Sie werden ihn noch ersticken“, sagte die Kommissarin. Sarah machte einen Schritt nach vorne und die Schranktür öffnete sich mit einem Knall und ein halbnackter Mann mit einer Decke fiel hinaus. Er versuchte sein Gesicht zu verbergen, doch Allessia erkannte ihn: „Leonard von Charlett! Was machen Sie denn hier?“ Leonard stand auf und verdeckte seinen Körper mit einer Decke. Endlich kapierte es Allessia und regte sich langsam auf: „Leonard, warum musste Victoria sterben! Damit Sie Ihre Sachen hier machen können? Sie war ihnen stets treu.“ „Sie wissen es also. Dann kann ich ja alles erzählen. Sie sterben ja nachher sowoeso”, fing Leonard an. Allessia bekam eine Gänsehaut. Sie saß in der Falle. Sie befand sich jetzt in einem Raum zusammen mit dem Mörder und war ganz auf sich alleine gestellt. Sie versuchte zur Tür zurück zu gehen, aber Leonard war schneller und schloss die Tür. Dann setzte er fort: „Eine Scheidung würde zuviel kosten und ich und Sarah wollten jetzt zusammensein und das Geld brauchten wir auch jetzt. Meine Geschäfte gingen mies und Victoria wollte mir kein Geld mehr geben. Jetzt hat sie mit ihrem Leben bezahlt. Die Show war gut, nicht wahr? Es sah genau aus wie ein Selbstmord. Und ich hatte ein Alibi. Ich hätte nicht gedacht, dass jemand dahinter käme.“
„Haben Sie sie denn nicht geliebt? Sie liebte Sie über alles! Und dazu haben Sie noch zuerst mit ihr geschlafen, bevor Sie sie getötet haben!“, unterbrach Allessia. „Nein, ich habe nicht mit ihr geschlafen, noch nie. Darum war es ja so langweilig mit ihr. Sie war mir untreu. Als ich sie zusammen mit diesem Mark Stutz im Bett sah, konnte ich nicht anders. Ich musste sie töten”, setzte Leonard fort. „Ich habe gemeint, Mark Stutz ist schwul. Und warum durfte er dann leben?“, unterbrach die Kommissarin ihn schon wieder. „Ich habe mit ihm eine Vereinbarung getroffen. Er behält seinen Job und dann erzählt er nichts. Doch was das Schwulsein betrifft, davon weiss ich nichts. Ich habe ihn nur im Bett mit Victoria gesehen“, erklärte Leonard. Während der ganzen Erzählung stand Sarah neben Leonard und lehnte ihren Kopf an seinem Arm.
Allessia begann das Ganze langsam zu verstehen. Leonard hatte Victoria aus den drei häufigsten Motiven getötet: Geld, Eifersucht und Liebe. „So jetzt ist die Zeit wohl gekommen“, sagte Leonard, „ jetzt müssen Sie sich von ihrem Leben verabschieden. Ich sehe schon die Schlagzeile von morgen: «Polizistin ertrinkt in eigener Badewanne».“ Allessia versuchte vorsichtig ihre Dienstwaffe hervorzunehmen, doch Leonard war wieder schneller als sie und nahm ihr die Pistole sofort wieder weg. Dabei fiel die Waffe aus dem Fenster.
Allessia wurde geknebelt und gefesselt und dann fuhren alle drei zu ihr nach Hause. Hier wurde Allesia in die Badewanne gelegt und festgebunden. Leonard öffnete den Wasserhahn leicht und sagte: „Auf nimmer Wiedersehen!“ Dann verließ das Paar die Wohnung und Allessia spürte, wie das Wasser langsam die Badewanne füllte. Leonard war leider ein guter Knotenbinder und Allessia konnte sich nicht von den Seilen befreien.
Plötzlich klopfte es an der Haustür. „Hallo, Frau Görmann? Hier ist Mark Stutz. Ich möchte Ihnen etwas erzählen”, klang es von der Tür. Leonard hatte vorher die Tür eingetreten, darum war die Tür nicht geschlossen. Da Leonard Allessia gut am Mund geknebelt hatte, konnte sie nichts anderes sagen als: „Mmmhhh!“ Zudem versuchte sie mit den Füssen und Händen Lärm zu machen. Das Wasser lief jetzt bis zum Rand und Allessia musste den Atem anhalten. Jetzt konnte nur noch Mark Stutz sie retten. Er trat ein und ging zuerst in das Wohnzimmer und dann ins Schlafzimmer, von wo er das Wasser laufen hörte und Allessias Stampfen. Er ging ins Badezimmer, wo er sofort erkannte was geschehen war und Allessia befreite.
Sie fuhren zusammen zur Kantonspolizei, wo die Suche nach Sarah und Leonard eingeleitet wurde. Und es dauerte nicht lange, bis Sarah mit dem Zug in Seewen ankam und bei der Polizei ein volles Geständnis ablegte. Sie sagte auch, dass Sie nichts damit zu tun hatte und das alles Leonards Idee war. Als Allessia fragte: „Wo ist Leonard?“ antwortete sie: „Ich bin abgehauen und er ist weitergefahren. Er wollte zur Grenze und weit weit weg.“ Es wurde langsam Abend.
Um sieben Uhr traf eine Meldung vom Kanton Neuenburg ein: „Ein Auto ist gegen einen Lastwagen gefahren. Der einzige Insasse, identifiziert als Leonard von Charlett, ist umgekommen.“ Eine Woche später wurden Sarah und Mark vor Gericht gestellt. Sie bekamen beide eine milde Strafe, weil sie der Polizei geholfen hatten.
Allessia Görmann wurde zur Kriminalchefin befördert.
Die Leiche von Leonard von Charlett wurde geborgen und begraben.


Henning, 13 Jahre aus der Schweiz




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