Mai 2020

Ist es Freundschaft?

Als ich klein war, hatte ich viele Freunde in meiner Spielgruppe. Viele kannte ich schon, als ich erst ein paar Monate alt war. Wir sahen uns einmal in der Woche und hatten viel Spaß miteinander.
Dann zogen wir um; die Freunde blieben zurück. Dort wo ich hinzog, gab es einen Kindergarten und ich war nun schon alt genug um dorthin zu gehen. Meine Freunde waren nicht hier; und meine Worte wollten nicht heraus. Ich behielt sie für mich. Sie waren das einzige, was ich nicht zurücklassen musste. Die Kinder in diesem Kindergarten blieben "die Kinder", sie wurden nicht zu meinen Freunden. Meine Worte wurden meine Freunde und - ich behielt sie für mich. Wir zogen wieder um. In der Zeit hatte ich schon einen Bruder bekommen. Ich schenkte ihm ein paar Worte. Leider verstand er sie noch nicht, er war noch zu klein. Einen neuen Kindergarten mit neuen und fremden Gesichtern sollte ich besuchen. Ich tat es und es war gut. Mit der Zeit bekam ich wieder Freunde. Freunde, die nicht nur Freunde sind, wenn ihnen langweilig ist und sie ihre "besten" Freunde nicht um sich haben. Nein, es waren Freunde, die mit mir befreundet sein wollten, weil sie mich mochten. Sie mochten mich, obwohl ich meine Worte für mich behielt. Sie verstanden. Umzug - schon wieder. Es tat mir weh, wegzugehen. Es tat mir weh, Freunde zu verlassen. Es tat mir weh, kaum Bekanntes, fast Vertrautes zurückzulassen. Meine Worte für diesen Schmerz behielt ich für mich.
1. Schultag - an einem Ort mit "Fastfreunden" und "nicht-so-ganz"- Freundinnen mit "Hast-du Geld?"- Freunden und "Mach-was- ich-will"- Freundinnen. Sie mochten mich nicht meinetwegen, ich behielt meine herzlichen Worte für mich. Ich suchte mir "Freundinnen", die anders waren als der große Rest und hoffte, sie würde mich verstehen und "mich" mögen. Leider sprach ihr Herz eine fremde Sprache und sie hörten meine Worte nicht, die ich mit meinen Augen sprach.
Dann geschah etwas, was ich nie gedacht hätte. Mama ging und nahm uns mit, mich und meinen Bruder, wir zogen wieder um. Wieder verließ ich alle kleinen Freundschaftspflänzchen ohne Chance, sie gießen und pflegen zu können. Schmerz! Angst! Unsicherheit!
Ohne Worte.
Auch heute bin ich oft allein; Freunde sind schwer zu finden. Wenn ich Freunde finde, muss ich sie dann auch gleich wieder verlassen?? Ich habe Angst. Angst vor Freundschaft. Angst vor dem Schmerz, den man hat, wenn man Freunde verlassen muss. Vielleicht ziehen wir morgen um; dann werde ich meine Worte in meinen Koffer packen und sie für mich behalten, als wären es gute Freunde.

Ende

© Julia Schüssler, Aurich / Realschule




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