Sina März 2020



Sie zeigte zum Fenster.
Überrascht von ihrem Ausruf sah ich von meinem Buch auf. Ich
hatte zuerst nicht verstanden, was sie gemeint hatte, aber jetzt erkannte
ich es. “Es ist so weiß!” Ja, es war wirklich seltsam
weiß draußen. Der ganze Himmel sah aus wie eine einzige
große Wolke. Ich drehte mich zum anderen Fenster und erkannte,
dass auch da der Himmel einheitlich weiß war. Es sah wirklich
seltsam aus. Nach Schnee sah es aus. Aber es schneite nicht, obwohl
wir schließlich schon Dezember hatten und es schon recht kalt
war. Aber es schneite nicht. Sie sah, wie ich, noch immer aus dem
Fenster, da sagte sie: “Wie kann es so weiß sein und nicht
schneien?” Ja, wie kann das? Wie gebannt konnten wir unsere Köpfe
nicht abwenden.
Jetzt flog ein Vogel über den Himmel, wohl ein Rabe oder so etwas.
Sie gab es noch im tiefen Winter hier. Sie blieben, flogen nicht irgendwohin,
wo es wärmer war. Ich mochte Vögel, vor allem Rabenvögel.
Sie sahen so intelligent aus, und stolz. Ich mochte sie. Und sie blieben.
Aber sehen konnte ich ihn nicht mehr, Sina auch nicht. Hätte
es auch nicht gekonnt, wenn er noch da gewesen wäre. Sie hatte
nämlich wieder den Kopf gesenkt. “Schon seltsam” ,
murmelte sie. “Ja “,sagte ich, “aber auch irgendwie
schön.” “Ja “,sagte sie, “stimmt wohl. Auch
wenn’s nicht schneit. Noch nicht.”
Ich nickte und drehte meinen Kopf vom Fenster weg, zurück zu
meinem Buch. Da fragte ich mich, ob er wirklich so weiß gewesen
war, wie ich ihn in Erinnerung hatte oder ob er eben nur anders als
gewöhnlich war. Ich blickte wieder zum Fenster. Doch, er war
so weiß, der Himmel. Wirklich unfassbar, dachte ich. Ohne eine
Schattierung, ohne Form oder Farbe. Einfach weiß.
Etwas raschelte. Papier. Ich sah zu Sina, weg vom weißen Himmel,
der nicht schneien wollte, obwohl es ihn dafür gab. Sie hatte
in ihrem Buch weitergeblättert, daher das Geräusch. Wenn
man mich danach fragen würde, was mir bei dem Geräusch durch
den Kopf geht, was ich damit assoziiere, da würde ich nicht überlegen
müssen. Sina, an sie würde ich denken. An sie und an unsere
Bücher, die wir immer zusammen lasen.
“Ich will nicht mehr warten,” , sagte da Sina, “man
weiß, dass es kommt, man weiß es, aber man muss warten
und kann nichts tun. Man kann es nicht hinhalten, aber auch nicht
abkürzen, die Zeit vom Warten.” Ich war überrascht,
Sina so viele Worte sagen zu hören. Lange hatte sie keine ganzen
Sätze mehr gesagt. Aber wovon sie sprach, wusste ich nicht. Ich
musste an den Himmel denken, und den Schnee, der nicht kam, noch nicht.
Sie blickte kurz zu mir, erklärte dann: “Ich meine Weihnachten,
immer dieses Warten. Man sieht, dass es bald soweit ist, aber man
kann nichts machen außer warten.” Ich starrte sie an. An
den Himmel dachte ich nicht mehr. ”Mehr kann man nicht machen.”
Ich konnte nichts sagen, sah sie sprachlos an und dachte dann doch
nur immerzu an den weißen Himmel, den Boten vom Schnee. Ja,
man konnte nichts machen, außer warten. Aber mir schien
es plötzlich so entsetzlich absurd, dass ich noch vor einigen Minuten
gedacht hatte: “Es soll endlich schneien, es ist schon Dezember,
so spät ist es schon. Der Bote ist schon da.” Wie hatte ich
das nicht denken können?! Der Schnee würde kalt sein, wenn
er kommt. Menschen würden frieren, weil sie kein Zuhause haben
und die Hirsche und Rehe würden sich die Hufe blutig laufen im
Wald und Vögel würden sterben, weil sie wegen der dicken Schneedecke
nicht genügend Nahrung finden würden und Pflanzen würden
sterben und es würde mehr Autounfälle geben... Ich schämte
mich. Wie hatte ich nur so etwas leichtfertig denken können? Nur
weil es bald passieren würde, es Anzeichen gab, warum zum Teufel
musste man darauf warten, es erwarten, mit dem Blick darauf gerichtet
voran gehen?!
Es war noch nicht so spät. Man sah den Himmel. Es würde passieren,
ja. Aber schneien würde es sowieso. Jetzt tat es das nicht, jetzt
gab es keinen Schnee. Nur den schönen weißen Himmel, den
kalten Boten vom Schnee.
Sieben Jahre später starb meine kleine Schwester
Sina wegen Aids, an einer Lungenentzündung. Sie hatte an jenem
Tag, an dem der Himmel so weiß gewesen war, gewusst, dass sie
erkrankt war. Ich hatte es auch gewusst. Vielleicht hatte sie darauf
gewartet, dass die Krankheit ausbrechen würde. Sieben Jahre lang.
Ich hatte an jenem Tag, als der Himmel so weiß gewesen war, damit
aufgehört.
Ich warte nicht mehr auf den Schnee. Denn es
schneite als sie starb. Irgendwo schneite es.



© Für meine kleine Schwester Sina





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