Juni 2020

Mary Longertown



Vor ein paar Jahren lebte in einem Staat der USA mit dem Namen Alabama ein Mädchen. Es hieß Mary Longertown. Mary war damals 13 Jahre alt und wohnte in der Stadt Birmingham.

Ihre Mutter, eine gebürtige Brasilianerin, bekam Mary selten zu Gesicht, denn Kanya Longertown arbeitete auf einem Schiff, das Reis aus China exportierte. Ihr Vater war ausgebildeter Lehrer und unterrichtete an einer Schule in St. Louis. St. Louis ist eine Stadt in dem Staat Missouri, der neben Tennesee liegt. Tennesee wiederum ist ein ein Nachbarstaat von Alabama. Die Schule, an der John Longertown unterrichtete, war also auch weit entfernt. Deshalb besaß Mary ein Kindermädchen namens Nancy Steward. Sie war ein dummes, gemeines und ungebildetes Mädchen. Mit ihren neunzehn Jahren hatte sie wenig Lebenserfahrung sammeln können. Denn sie hatte nie etwas anderes gesehen als ihre Heimatstadt Birmingham. So konnte Mary sie leicht austricksen. Einmal als Mary sechs Jahre alt war hatte sie in einem Geschäft eine Puppe gesehen. Sie gefiel Mary auf Anhieb. So bat sie Nancy um 1$. Nancy willigte ein. Aber statt dass Mary 1$ nahm, nahm sie gleich 10$ aus der Box. Mary sagte später zu Nancy, dass sie sich einen Dollar genommen habe. Nancy hatte da nur genickt, denn sie musste es wohl oder übel so hinnehmen. Denn sie wusste nicht, wie ein Dollar aussah. So hatte sich Mary die Puppe gekauft. Als ihr Vater in den Sommerferien zurück kam, bewunderte er die Puppe und fragte Nancy, wo sie her sei. Nancy antwortete, dass Mary sich die Puppe für einen Dollar gekauft hatte. Mr Longertown war erstaunt, denn er glaubte nicht, dass es Puppen für 1$ gibt. Deshalb ging er ins Dorf um das Geschäft aufzusuchen. Als er sah, dass die Puppe 10$ kostete, war er sehr sauer. Noch heute wird er rot vor Zorn wenn er die Puppe sieht.

Es war 3 Uhr nachts in Birmingham als Mary aufwachte. Sie hatte schlecht geträumt, dass ihr Vater in den Sommerferien nicht kommen konnte. Was für ein Albtraum, dachte sich Mary. Nach 10 Minuten war sie wieder eingeschlafen. Um die Mittagszeit wachte sie wieder auf, weil Nancy in ihr Zimmer kam und sagte, dass ein Brief angekommen sei. „Hast du ihn etwa gelesen“?, “ fragte Mary Nancy.
„Nein“, antwortete diese, „er war an dich adressiert.“
Vorsichtig öffnete Mary den Brief:



Liebe Mary,
Ich weiß, dass du mich dafür hassen wirst, aber ich kann in diesen Sommerferien nicht kommen. Ich nehme an einer Lehrerfortbildung in Seattle teil. Ich komme aber ganz bestimmt in den Herbstferien, und außerdem kriegen wir, nachdem ich die Fortbildung besucht habe, mehr Geld. Dann bin ich nämlich Professor.
Ich hoffe, du bist mir nicht sehr böse
Mit lieben Grüßen: John Longertown


Mary erschrak, sie las den Brief wieder und wieder. Plötzlich sah sie am Ende des Briefes noch einen kleinen Text. Er war nicht mit der Schreibmaschine geschrieben, sondern mit der sauberen Handschrift ihres Vaters.


Ach, Mary, weißt du, ich wollte es dir schon lange sagen, aber es gab nie einen richtigen Zeitpunkt. In den Herbstferien sag ich es dir.

Mary stutzte, was sollte das. Was hatte ihr Vater ihr bis jetzt verheimlicht? Nancy störte ihre Gedanken: „Willst du denn nicht verraten, was in dem Brief steht und von wem er ist?“
„Er ist von Dad, er kann nicht kommen“, antwortete ihr Mary.
„Mr. Longertown kann nicht kommen“, fragte Nancy besorgt, denn wie Mary wusste, bekam Nancy, wenn Mr. Logertown kam, immer einen dicken Batzen Geld von ihm.
„Nein, er kommt nicht“, sagte Mary.
„Aber wieso denn nicht?“, fragte Nancy.
„Deshalb, er geht auf eine Lehrerfortbildung, zufrieden?“
Nancy erwiderte: „Das kannst auch mit ein bisschen mehr Respekt sagen!“
Mary schrie Nancy an: „Was bildest du dir eigentlich ein? Du bist bloß ein dummes Kindermädchen. Ich bin hier die Wohlhabende von uns beiden! Außerdem bist du nur 6 Jahre älter als ich.“
Mary bemerkte, wie eingebildet sie gesprochen hatte und rannte schnell in ihr Zimmer, bevor Nancy reagieren konnte.

Mary saß an ihrem Schreibtisch und schaute sich ihre alten Fotos an. Nancy kam herein und sagte: „Na, guckst du dir wieder die alten Kamellen an?“
Mary antwortete nicht, denn sie wollte sich nicht schon wieder mit Nancy streiten. Aber sie war froh, dass Nancy nicht nachtragend war. Da Nancy keinen Widerspruch hörte, zog sie ab und Mary vertiefte sich erneut in ihre Fotos. Plötzlich sah sie ein Bild, das sie noch nie gesehen hatte. Es stellte eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren dar. Neben der Frau stand ein Kind, das ihr überhaupt nicht ähnelte. Das Kind hatte blonde Haare und brav geflochtene Zöpfe, während die Frau ihre Haare offen trug. Auf der Rückseite des Bildes stand in einer kleinen Kursivschrifft geschrieben: „Kanya Longertown und ihre kleine Tochter Mary.“
Mary stiegen Tränen in die Augen und sie schniefte laut. Warum musste ihre Mutter auf einem Schiff, das Reis aus China transportierte, arbeiten. Warum konnte sie nicht in irgendeinem Ort in Alabama arbeiten, dachte sich Mary. Sie hatte ihre Mutter das letzte Mal gesehen als sie fünf war. Das war schon acht Jahre her. Und ihren Vater sah sie auch nur in den Ferien. Dafür sah sie eine leider jeden Tag: Nancy. Diese dumme Kuh war nur sechs Jahre älter als Mary und langsam war Mary groß genug, um auf sich selbst aufzupassen, sie brauchte kein Kindermädchen mehr.
Ich will meine Mum besuchen. Jetzt sofort! Ich werde fahren, aber womit? Mit dem Auto von Nancy. Genau.“Sofort sprang Mary auf und kramte ihre Landkarte hervor. Sie wollte die Strecke von Birmingham nach Hongkong (denn ihre Mutter befand sich gerade dort) auf der Karte anschauen. Aber sie erschrak über die Länge dieser Strecke. Kaum schaffbar für eine Dreizehnjährige. Sie musste von Birmingham zu dem Hafen von New York und dann ... Plötzlich hatte sie eine Idee - eine verrückte, unmögliche, aber auch verlockende Idee. Warum sollte sie auf dem direkten Wege nach China fahren? Konnte sie nicht aus der Chinareise eine Weltreise machen?
Mary hatte schon immer darauf gebrannt, neue Kontinente zu entdecken. Denn sie hatte bis jetzt nur Alabama gesehen, denn ihr Vater bevorzugte Inlandsurlaube. Mary wünschte sich, in Peru in den Anden nach Spuren der Inkas zu suchen. In Ägypten bei einer Pyramidenausgrabung mitzuwirken. Mit einem australischem Koala um die Wette zu klettern oder einfach nur in die glitzernden Wellen eines Meeres zu springen. Doch diese Wünsche waren ihr bis jetzt unerfüllt geblieben, dies sollte sich nun ändern!


Es sind ungefähr zwei Wochen vergangen. Mary hatte sich schon ernste Gedanken über ihre“Weltreise“ gemacht. Sie wollte von Birmingham entlang des Alabama River bis nach Montgomery, dann wollte sie über den Tennesee Kanal bis zur Stadt Meridian in Mississippi. Alles weitere zur Strecke wollte sie sich in Meridian überlegen. Mary hatte ihr ganzes Gespartes zusammen gebracht. Genau 10.000$, eine Menge Geld. Damit würde sie lange überleben. Und wenn das Geld zur Neige ginge, könnte sie sicher irgendwo etwas verdienen. Nur bei zwei Sachen hatte Mary Zweifel. Wie konnte sie mit Nancys Auto wegfahren, ohne bemerkt zu werden? Und würde ihr Vater nicht Suchtruppen schicken um sie zu finden? Aber Mary wusste, dass sie es schaffen würde.

Mary hatte Angst vor dem, was kommen wird. Nancy war einkaufen und Mary stand nun da mit gepackten Taschen und Nancys Autoschlüssel. Langsam steckte sie den Schlüssel in Nancys Auto und drehte ihn um. Ebenso langsam öffnete sie die Autotür und warf ihre Sachen auf den Rücksitz. Mary war mit dreizehn Jahren gewiss noch nie Auto gefahren. Und auch dass es strafbar war, machte das Autofahren zu einer heiklen Angelegenheit. Aber davon ließ sich Mary nicht beeindrucken und fuhr los. Sie drehte sich nicht ein einziges Mal zu ihrem Haus um. Die alten Sachen waren Mary nun gleichgültig, das, was auf sie wartete, war viel besser und interessanter. Mary fuhr sicher, denn als Nancy das Auto (ein Geschenk“von Mr Longertown) bekommen hatte, musste sie damit prahlen, dass sie Auto fahren konnte und hat Mary genau gezeigt, wie es geht. Mary kramte ihre Landkarte hervor und schaute sich die Strecke noch einmal an. Als sie die Landkarte weglegte, sah sie die Post von Birmingham. Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Warum schrieb sie ihrem Vater nicht einen Brief. Mary fand die Idee erst absurd, aber dann nam sie ein Blatt Papier und fing an zu schreiben:


Dad
Du weißt genau, dass ich enttäuscht bin von deinem Verhalten. Nachdem du diesen Satz gelesen hast, wirst du sicher denken, dass ich keinen Respekt hätte. Aber ich kann auch sagen, dass du keinen Respekt hast. Denn wie ich ja nun gesehen habe, geht dir deine berufliche Karriere der Familie vor. Ich werde für längere Zeit eine Reise machen. Ich möchte dir eine Gelegenheit geben einen Teil deines Fehlers gutzumachen. Entweder du lässt mich meine Reise machen und suchst mich nicht auf. Oder ich werde dich für den Rest meines Lebens hassen und nie wieder zu dir zurückehren wollen. Entscheidest du dich für die erste Antwort, werde ich gerne heimkommen, lass mir nur meine Zeit. Dieser Brief ist keine Drohung, sondern bloß eine nettgemeinte Information an dich. Ich hoffe, dass du es auch mit mir nett meinst und mich reisen lässt. Aber komme ja nicht auf die Idee und lasse mich suchen, weil du Angst hast, mir könnte was passieren. Daheim kann mir genauso viel passieren, denn Nancy passt nicht eine Sekunde auf mich auf, sie geht nur ihren eigenen Interressen nach.
Deine (im Moment nicht an dem Titel interessierte) Tochter.

Mary betrachtete ihren Brief, klang er zu hart? Und konnte Mary ihren Vater wirklich hassen, wenn er anfing sie zu suchen? Mary wollte im Moment sich darüber keine Gedanken machen. Deshalb schrieb sie schnell die Adresse auf den Brief, huschte ins Postgebäude, gab den Brief ab und fuhr weiter, dem Abenteuer entgegen.

Mary fuhr nun schon eine lange Zeit, als sie plötzlich ein großes Schild bemerkte. Auf diesem stand:

Goodbye lovely Birmingham. I hope, I can see you again.
Here is the end of Birmingham.

Was so viel bedeutete wie: Auf Wiedersehen schönes Birmingham. Ich hoffe, ich kann dich wiedersehen. Hier ist das Ende von Birmingham.
Mary dachte nach, was sie in Birmingham schön gefunden hatte. Nicht viel, vielleicht die Blumen oder ihr Zimmer, aber sonst war nichts schön in Birmingham, rein gar nichts. Mary fuhr schnell weiter, nun hatte sie endlich ihren Heimatort verlassen. Nun konnte sie neue Gebiete kennenlernen. Mary fuhr einen Umweg, denn sie hatte zu viel Angst über normale Straßen zu fahren, man könnte vielleicht sehen, dass sie erst dreizehn ist oder sie müsste ihren nicht vorhandenen Führerschein zeigen, eine grauenvolle Vorstellung.
Mary sah älter aus als sie ist, deshalb wurde sie auch nicht entdeckt.

Mary hatte niemals gedacht, dass eine Reise so anstrengend sein könnte. Sie fuhr durch enge Gassen, über breite Hügel, entlang des Alabama Rivers. Hin und wieder machte sie Rast und dachte nach. Ein leichtes Gefühl von Heimweh beschlich sie oft. Doch sie versuchte es so gut sie konnte zu ignorieren.
Nach einer dreistündigen Fahrt erreichte sie Montgomery, der Abend dämmerte bereits und Mary musste sich wohl oder übel eine Unterkunft suchen. Sie parkte das Auto sicher und machte sich auf die Suche nach einem Gasthaus. Mary war nur in einem Vorort von Montgomery, denn sie hatte Angst, dass sie in der Innenstadt endeckt werden könnte. Doch war sie wirklich ein Verbrecher? In gewisser Weise schon, auch wenn sie sich nur an denen gerächt hatte, die zu ihr gemein gewesen waren. Deshalb blieb sie im Vorort und wollte einen großen Bogen um die City machen. Aber nun musste sie sich um die Unterkunft kümmern. Da sah sie am Ende der Straße ein kleines Hotel“mit dem Namen Wanderhotel. Das war das einzige Hotel, das Mary hier sah, und es machte einen recht gepflegten Eindruck. Mary griff in ihren Geldbeutel und holte 35$ heraus, würde das reichen? Bestimmt. Langam öffnete Mary die Tür und trat in das Hotel ein. Eine dickliche Frau mit wild abstehenden Locken eilte sofort zu ihr und rief mit einem französichen Akzent: „Bonjour Mademoiselle, wie kann isch ihnen denn helfen?“Ich möchte eine Unterkunft für diese Nacht haben“,“ antwortete Mary.
„Das ist gut, isch habe noch swei Räume frei. Folgen Sie mir bitte.“
Mary folgte der Frau, die sich als Madame Oignon vorstellte. Diese zeigte Mary nun ihr Zimmer, es war gemütlich, doch sehr klein. In dem Raum waren bloß ein Bett, ein Tisch und eine Badenische. Doch Mme. Oignon wollte dafür nur 11$ haben. Mary willigte und Madame Oignon wünschte ihr eine gute Nacht. Mary stellte ihre Tasche auf den Tisch und richtete sich erstmal ein. Später fiel Mary müde ins Bett.

Am nächsten Morgen wurde Mary von einem lauten Geräusch geweckt, es klang so, als würden 100 Teller gleichzeitig zerbrechen. Im nächsten Moment riss jemand laut krachend die Tür auf. Mary schreckte hoch und sah Mme. Oignon im Türrahmen.
„Was ist passiert?“, fagte Mary.
Madame Oignon antwortete: „Es ist nischts passiert, dem Koch sind nur die Teller `ingefallen, tut uns leid, wenn sie geweckt wurden.
„Nicht schlimm“, antwortete Mary.
“Na vielleischt kommen ie dann ja gleisch mit runter frühstücken?“
Mary aber verzichtete auf das Frühstück, denn sie wollte schnell weiter. So gab sie Mme. Oignon ihr Geld und machte sich auf den Weg ins Unbekannte.

Nachdem Mary gut eine halbe Stunde gefahren war, sah sie am Horizont ein Feuer lodern. Muss ich da vorbei, dachte sich Mary. Das Feuer war näher als gedacht. Schon nach zwei Kilometern erreichte Mary den Ort. Hunderte von Feuerwehrleuten waren dabei das Feuer zu löschen. Ein Laster mit Seife war auf der Autobahn verunglückt. Ein Polizist gab Mary die Anweisung sich rechts zu halten. Mary fuhr los, ganz vorsichtig und langsam, doch sie hatte Pech. Ein kleines bisschen der Seife war auf diese Seite der Fahrbahn gelaufen. Mary sah das nicht und fuhr direkt darüber. Ihr Auto begann zu schleudern, sie schlitterte geradeaus durch die Absperrung in das glühende Feuer. Verzweifelt schrie sie: „Dad, es tut mir leid.““Dann erreichte sie die Flammen und verschwand für immer dort drin. All die Kontinente, Meere, Berge, Flüsse und Wüsten hat sie nie gesehen und das wird so bleiben. Denn sie war tot.


Nurida, Gymnasium Lohmar




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