Januar 2020

Der Rollstuhl


Ich bin ein Mädchen und heiße Michaela. An den Füßen bin ich gelähmt. Ich sitze in einem Rollstuhl. Vor ein paar Jahren saß ich noch in einem Wägelchen, doch eines Tages war es weg und der Rollstuhl stand an seinem Platz. Meine Mutter sagte damals:"Du bist jetzt groß genug!" Ich hasse aber meinen Rollstuhl, denn ich würde viel lieber laufen.
Eines Tages unterhielt ich mich mit meiner Mutter, und dann entschied sie:"Du musst selbst fahren lernen, deshalb gehst du in ein Heim, sechs Wochen lang. Dort sollst du dich auch erhohlen und andere behinderte Kinder treffen." Als ich das hörte, war ich furchtbar traurig. Und dann war es soweit, ich kam ins Heim. Die ersten drei Wochen wollte ich nichts essen und trinken, und die Nächte weinte ich durch. Ein paar Tage später sollte das ganze Heim einen Ausflug machen. Ich wollte nicht mit. Als die Betreuer mich in den Rollstuhl setzen wollten, ballte ich meine Fäuste. Doch es half nichts, sie nahmen mich mit. Ich wäre viel lieber im Heim geblieben. Die Betreuer schoben die Kinder, die nicht ohne Hilfe mit dem Rollstuhl fahren konnten. Manche hatten einen Motor am Rollstuhl, das waren Kinder, die auch zu schwache Arme hatten. Andere schoben den Rollstuhl selbst. Plötzlich prasselte ein Platzregen über uns nieder. Alle bemühten sich, schnell ins Trockene zu kommen. Die Straßen waren nass und rutschig. Einer der Jüngsten, und Kleinsten fuhr eine Böschung hinunter. Alle Betreuer eilten ihm sofort nach. Nun stand nur mehr ich allein auf der Straße. Ich bekam panische Angst, automatisch griffen meine Hände zu den Rädern. So fest ich auch schob, der Rollstuhl bewegte sich nicht. "Die Bremsen!, natürlich, die Bremsen!" Ich nahm den Bremshebel und rückte ihn auf die Seite. Dann begann der Rollstuhl immer schneller zu rollen. Blitzschnell fuhr ich den anderen hinterher. Da holte mich meine Betreuerin ein. Ich schrie: "Lass, lass! Ich kann jetzt alleine."
Klatschnass kamen wir im Heim an. "Das war ein Abenteuer!", beschrieb ich den Ausflug. "Und ganz besonders für dich!", antwortete meine Betreuerin. "Du kannst jetzt ganz alleine fahren. Wenn du willst, kannst du es diesen Sonntag deinen Eltern zeigen."
Ich fuhr noch einmal um meine eigene Achse herum, und dann "fuhr" ich schlafen.


©Sandra,10 Südtirol/Italien




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