Februar 2018

T h e r a


Die Straßen von Kordesch waren überfüllt von Menschen. Wenn man versuchte die Straßenseite zu wechseln, landete man meist einige Meter weiter weg. Ein kleines Mädchen schlängelte sich geschickt durch die Menschenmassen. Ein dicker vor Wut glühender Fleischer rannte hinter ihm her. Als er es sah, machte er eine hastige Bewegung, stapfte auf es zu und riss ihm die Würstchen aus der Hand. „Das machst d...“ fing er an, doch da war Thera schon wieder weg. Sie rannte zu dem Laden des Fleischers zurück. In den Schaufenstern lagen Salamis und saftige Schinken auf einem langen Tisch und an der Decke hingen lauter tote Hähnchen. Thera griff sich etwas von jedem und rannte so schnell sie konnte nach Hause. Ihr Plan hatte geklappt. Sie hatte den Fleischer mit einer Kleinigkeit so weit weg gelockt, dass er so schnell nicht wieder kam.
Endlich konnte ihre Mutter sich satt essen. Bestimmt würde sie dann auch wieder gesund werden. Als Thera zu Hause ankam, sah sie, wie ihre Mutter eine Tasche packte. „Was machst du da?“ fragte sie unsicher. „Du fährst zu deinem Onkel nach Itorackon“, antwortete sie mit Tränen in den Augen. „Er holt dich in einer halben Stunde hier ab“, sagte sie. Inzwischen zitterte sie richtig. „Ich...“, begann sie, aber sie sprach nicht zu Ende. Auch Thera brachte kein Wort mehr heraus, sie war wie erstarrt. SIE HATTE NOCH FAMILIE? Ihre Mutter hatte noch nie ihre Familie erwähnt. Sie hatten nie viel Geld, darum hatte sie ja auch den Fleischer bestohlen.
Da klopfte es auch schon an der Tür. Als Thera aufmachte, stand da ein piekfeiner Mann. „Du bist also Thera.“, sagte er etwas verwundert. „Äh, ja, das bin ich.“ Sie war auf alles gefasst gewesen, aber doch nicht auf einen stinkreichen noch ziemlich jungen Mann. „Ich heiße Thorin Nitos Claudenius Proton.“, sagte er. „Aber du darfst mich Niet nennen.“, fügte er schnell hinzu. „Wo ist deine Mutter?“ „Nicht da!“, antwortete Thera. Und hoffte, dass Niet keine weiteren Fragen stellte; die Mutter wollte ihn nicht sehen. „Oh schade! Wo sind deine Koffer?“
Die Fahrt dauerte lange, zwischendurch mussten sie anhalten, weil es Thera so schlecht wurde, dass sie sich fast übergeben musste, aber dann ging es wieder. Als sie endlich vor einer riesigen Villa ankamen, stockte Thera der Atem. In diesem Haus sollte sie ab heute wohnen, ein Traum wurde wahr. Es war ein sehr großes und prachtvolles Haus, es erinnerte auch ein bisschen an ein Märchenschloss, aber eben ohne Türme, es war einfach wunderschön. Niet brachte sie bis vor ihr Zimmer, dann bekam er einen Anruf und verschwand mit den Worten: „Ich muss weg und werde erst tief in der Nacht zurück sein, fühl dich wie zu Hause.“
Sie trat in ihr Zimmer und wusste nicht mehr, ob das alles noch echt wahr oder doch nur ein Traum, aber wenn es wirklich ein Traum war, dann war es der schönste Traum der Welt. Zu ihrem Zimmer konnte man nicht wirklich Zimmer sagen, eher Saal, hier hätten 20 Elefanten hinein gepasst und noch 10 Giraffen dazu. In der Mitte stand ein riesengroßes Bett, die eine Wand war voller Kleiderschränke, an einer anderen waren ganz große Bilder mit Landschaften. Thera ging zu ihrem Bett und ließ sich fallen, sie war so müde, dass sie sofort einschlief. Mitten in der Nacht weckte sie ihr Hunger auf, sie war immer noch in ihren Sachen und musste erst mal überlegen, wo sie war. Da fiel ihr der gestrige Tag wieder ein, wie ihr Onkel gekommen war und sie hierher gefahren sind, wie sie ihn gefragt hatte, ob das alles wirklich ihm gehörte und wie er so plötzlich verschwunden war. Sie fragte sich, ob er inzwischen wieder zu Hause war und vergaß ihren Hunger. Ein paar Minuten später schlief sie wieder ein.
„Thera. Frühstück!“, rief eine junge Stimme vor ihrem Zimmer. Ein freundliches Mädchen schob einen Servierwagen ins Zimmer. Als sie mit dem Frühstück fertig war, suchte sie ihren Onkel auf, um ihn zu fragen, wo er letzte Nacht gewesen war. Doch er sagte nur, dass sie das nichts anginge. Dann gab er ihr ein Bündel Geldscheine. „Kauf dir etwas Neues zum Anziehen. Deine jetzigen Sachen sehen aus wie dreckige Lumpen. Du kannst mit dem Mädchen fahren, ihr Name ist Thalia.“
In den nächsten Wochen sah sie ihren Onkel so gut wie nie. Mit Thalia erkundete sie die nahe Stadt und die Wälder. Nie kam sie dazu, ihren Onkel zu fragen, was er den ganzen Tag arbeitete und warum sie ihre Mutter nicht sehen kann und was sie überhaupt hier soll. „Ist mein Onkel immer so wenig zuhause?“ fragte sie Thalia, mit der sie sich angefreundet hatte. „Ja, sehr oft, er bekommt einen Brief und muss weg, so ist es meistens. Manchmal bekommt er auch Anrufe und muss los.“ , erklärte sie ihr.
An einem Morgen ging Thera in aller Frühe in das Büro ihres Onkels um zu sehen, ob da irgendwo einer der Briefe lag, die er ständig bekam und sie fand auch einen, doch als sie gerade das Büro verlassen wollte, klingelte das Telefon. Sie ging vorsichtig hin und nahm ab. „Ja?“, sagte sie mit einer tiefen heiseren Stimme. „Hallo, bist du das Niet? Ich hab einen neuen Auftrag für dich!“ sagte eine Männerstimme. „Klar bin ich es, wer soll es den sonst sein!“, antwortete sie. „Da hast du recht!“, gab der Mann zurück und lachte.
Plötzlich packte eine Hand sie von hinten und nahm ihr den Telefonhörer aus der Hand. Niet sah sie wütend an und zischte ihr entgegen: „Darüber reden wir noch später, verschwinde jetzt!“ Thera ging mit hängenden Schultern in Richtung Tür. „Wir müssen vorsichtiger sein, meine Nichte lebt bei mir“, hörte sie ihren Onkel in das Telefon sagen. Dann rief er ihr hinterher: „Mach die Tür zu!“ Thera zitterte vor Angst und vor Neugier. Was ging hier vor?
Die Neugierde gab ihr Mut, sie schlich sich in die Garage und versteckte sich im Sportwagen ihres Onkels. In den letzte Wochen hatte sie beobachtet, dass er nach einem Anruf immer mit dem Sportwagen davonfuhr. Sie musste auch gar nicht lange warten. „Das Gör knöpfe ich mir später vor“, knurrte Niet vor sich hin. „Thalia, suche Thera und halte sie im Haus fest, ich muss mit ihr reden wenn ich wieder da bin!“, rief Niet in Richtung Haus. Dann fuhr er mit dem Wagen davon. Thera machte sich ganz klein hinter den Sitzen und versuchte ruhig zu atmen.
Die Fahrt dauerte nicht lange, vor einem Stadthaus hielten sie an. Niet stieg aus und Thera beobachte, wie er sich an dem Schloss zu schaffen machte. Vorsichtig schlich sie hinterher, nachdem Niet im Haus verschwunden war. Thera nahm ihre Haarklemme und blockierte damit das Schloss, damit die Tür sich nicht schließen konnte. Sie schlich hinter Niet her. Ein paar Räume weiter hörte sie ein leises Klicken. Plötzlich gab es einen ohrenbetäubenden Lärm. In den Fenstern gingen schwere Rollläden runter. Niet kam aus den hinteren Räumen gerannt und war dabei, etwas in seiner Tasche zu verstauen. „Was machst du hier?“, schrie er Thera an. „Wir können nicht mehr raus, die Alarmanlage ist angegangen, und du dummes Mädchen sitzt mit in der Falle.“ Thera zitterte, doch dann nahm sie all ihren Mut zusammen, griff nach dem Arm des Onkels und zog ihn hinter sich her. Wenn sie Glück hatten, war die Tür mit der Haarklemme nicht verriegelt. Sie hatten Glück!
Wenige Sekunden später waren sie im Auto. Diesmal saß Thera auf dem Beifahrersitz. Niet warf den Motor an und fuhr los. Nach ein paar Kilometern hielt er an: „Was hast du dir dabei gedacht, mir zu folgen?“, fuhr er sie aufgebracht an. Dann fing er an zu lachen, bis ihm Tränen über die Wangen liefen. Thera sah ihn total verunsichert an. Hatte ihr Onkel den Verstand verloren? Erst brach er in ein fremdes Haus ein, dann schrie er sie an und dann lachte er sich fast zu Tode.
Plötzlich nahm er sie in die Arme und drückte sie ganz fest. „Danke!“, flüsterte er verlegen. „Ich glaube ich muss dir einiges erklären! Nimm die Tasche und schau, was darin ist.“ Thera holte einen faustgroßen Porzellanaffen mit roten Steinaugen aus der Tasche. Fragend sah sie Niet an. Niet startete den Motor und fuhr weiter. „Diesen Affen bringen wir ins Museum zurück. Der Direktor rief mich vorhin an, endlich wusste er, welcher Sammler das Stück gestohlen hatte.
Er gab mir den Auftrag, es zurück zu holen.“ „Also bist du ein Dieb!“ stellte Thera fest.
„Aber ein guter Dieb, so einer wie Robin Hood.“




Rebecca Seifert u. Josephine Rehak 11 Jahre aus Dresden/HoGa Schlos

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