Februar 2017

Vier Hufe für Emily - Eine Freundschaft beginnt

Mißmutig schaute Emily durch das Autofenster hinaus in den strömenden Regen. Verächtlich schnaubte sie beim Anblick der kargen Feldlandschaft durch du Nase. Prompt kam von vorne: "Emily sei doch nicht so. Du wirst sehen, hier auf dem Land wird es dir gefallen", sagte ihre Mutter mit leicht tadelnder Stimme. Emily tat als hätte sie nichts gehört. Ihre Eltern wussten, dass sie sauer war, weil sie jetzt in einem kleinen Dorf wohnen würden. Weit weg von Köln, das ihr viel besser gefallen hatte, weil sie dort in der Großstadt mit ihrem Rollstuhl nicht gar so sehr auffiel. Seit einem Unfall vor vier Jahren konnte Emily nicht mehr laufen. Ihre Eltern bewachten seitdem alles was sie tat, aus Angst sie könnte sich verletzen. Emily war seither immer stiller geworden. In der Schule sprach sie mit keinem; ihre beste Freundin Sarah spielte plötzlich nur noch mit Wendy, dieser Zicke. Aber es war Emily egal. Sollte sie doch, sie konnte ja eh nicht mehr Ball oder Fangen mitspielen. Bei diesem Gedanken fiel ihr Blick auf das Buch, das neben ihr lag. Ein wunderschönes Pferd galloppierte darauf über eine Wiese. Eine einzelne Träne rollte über ihre Wange, doch da sagte ihr Vater schon: "Emily, Schatz, wir sind da." Ärgerlich wischte Emily die Tränen fort und sah auf. Das war es also, ihr neues, schreckliches Zuhause. "Nun bin ich ein Landei", dachte Emily traurig, als ihr Blick auf das kleine Haus fiel, das auf einem kleinen Hügel vor ihnen emporragte. Ihr Vater hob sie hoch und setzte sie in ihren Rollstuhl. Schon wollte ihre Mutter beim Schieben helfen. "Lass das!", sagte Emily trotzig und gab dem Stuhl einen ärgerlichen Schubs. Ihre Eltern warfen sich einen traurigen Blick zu. "Kommt, lasst uns ins Haus gehen!", rief ihr Vater scheinbar fröhlich. "Ihr könnt mich mal", dachte Emily und lenkte ihren Rolli fort von dem Haus und ihren Eltern. Sollten die doch alleine gucken, sie würde sowieso nicht hierbleiben. Es regnete jetzt, aber das merkte Emily gar nicht, weil sie so wütend war. Wie lange sie so gerollt war, wusste Emily nicht, als sie plötzlich im Schein einer Laterne stand. Ein kleines Mädchen, etwa so alt wie sie, mit blondem Pferdeschwanz, schaute sie ganz verwundert an. Emily war ganz in Gedanken gewesen und hatte gar nicht bemerkt, wo sie war. Abweisend und zurückhaltend sah sie das fremde Mädchen nur an. "Wer bist du?", fragte es. "Geht dich gar nix an!", schnappte Emily nur. "Puh! Was bist du denn für Eine?", entgegnete das Mädchen verärgert. "Na dann nicht. Also wenn du hier weiter nass werden willst, ich nicht!", sagte das Mädchen, zuckte die Schultern und verschwand wieder durch eine Tür. Zähneklappernd starrte Emily ihr nach und sah sich um. Es war beinahe dunkel geworden und sie konnte nur noch die Umrisse einiger Zäune erkennen und das vor ihr war offensichtlich ein Stall. "Na, ganz toll", dachte Emily und wünschte sich noch mehr in ihr gemütliches Zimmer nach Köln zurück. Doch was sollte sie jetzt tun? Wo sie war, wusste Emily nicht mehr, und der Weg war auch in der Dunkelheit verschwunden. Vorsichtig näherte sich Emily dem Stall und sah ängstlich hinein. Ihr Herz macht einen Sprung und sie bekam feuchte Hände. Sie war in einem Pferdestall! Staunend, weil sie es nicht fassen konnte; wanderte ihr Blick an der langen Reihe Boxen entlang. Hier und da sah Emily eine neugierige Nase und ein paar Pferdeohren in ihre Richtung schauen. Pferdegeruch und der Geruch von gepuztem Leder strömte ihr in die Nase. Sie erschrak, als eine Stimme ihren Traum unterbrach. Das Mädchen von vorhin stand neben ihr. "Magst du Pferde"? Emily konnte nur nicken. "Ich bin Lucy", sagte das Mädchen und streckte Emily die Hand hin. Emily sah, dass sie grinste und musste plötzlich auch lachen. "Hallo, ich bin Emily", sagte sie und nahm die ausgestreckte Hand. "Und was machst du hier, so ganz allein?", fragte Lucy mit einem Blick auf ihren Rollstuhl. Sofort sank Emilys Stimmung wieder auf den Nullpunkt. "Ach, wir sind gerade erst hier angekommen. Meine Eltern meinen, die Luft wäre gut für mich", erzählte Emily niedergeschlagen. "Du magst nicht hier sein, oder?" Emily schüttelte den Kopf. "Ach du, so schlimm ist es hier gar nicht." "Du klingst schon wie meine Mutter", entgegnete Emily und musste dabei grinsen. "Komm, ich zeig dir mein Pferd!", rief Lucy und rannte los. Da fielen Emily die Pferde wieder ein, und sie folgte Lucy. Sie schien ganz nett zu sein, und Emily liebte Pferde. Auch wenn sie jetzt nicht mehr reiten konnte, zogen Pferde sie immer noch magisch an. Ihre Mutter wollte nicht, dass sie mit Pferden umging. Es könnte ihr ja was passieren. "Aber hier sieht es ja keiner", dachte Emily und war mit einem Schlag viel fröhlicher. Lucy blieb stehen und kraulte einem großen Schimmel mit sanften Augen den Hals. "Das ist Chester. Ist er nicht schön? Er gehört mir ganz allein", erzählte Lucy stolz. Aber Emily hörte kaum zu. Ihr Blick hing an einem Pferd in der Box links daneben. Dieses Pferd schien sie gar nicht zu sehen, sah nur auf den Boden seiner Box und lies plötzlich ein leises, trauriges Wiehern hören. "Was hat sie?", fragte Emily und zupfte Lucy am Ärmel. "Sie ist traurig. Fenja vermisst ihre Besitzerin. Ein kleine Mädchen, ihre Eltern haben ihr einfach das Reiten verboten und sind von hier weggegangen. "Wie traurig. Da würde ich mich auch nicht wohlfühlen." Nachdenklich betrachte Emily die kleine Stute. Sie war hübsch, das sah man auch unter dem schmutzigen Fell. Lucy bemerkte Emilys Blick und meinte: "Wir haben versucht sie zu striegeln, aber sie lässt uns nicht in die Box." "Armes Mädchen", murmelte Emily leise, "Hast wohl Angst?" Und und in diesem Moment hatte Emily ganz vergessen, dass sie selbst traurig war. Sie wollte diesem Pferd helfen, das auch allein war und sich von niemandem verstanden fühlte. Emily spürte plötzlich, dass dieser Tag und Fenja der Anfang von etwas Besonderem war. Vielleicht war das Leben auf dem Land ja doch nicht so schlimm.


Eva,16 Jahre




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