AUGUST 2018

Die zickigste beste Freundin der Welt


Ich saß herum und wusste nicht, was ich tun sollte. Meine Freundin Kathi stand bei Lea und Rebecca und sie unterhielten sich angeregt. So machte sie es mit mir nie! Dann erzählte sie mir aber immer, ich sei ihre beste Freundin. Ich? Wenn, dann Lea oder Rebecca! Immer hing sie mit ihnen rum. Und wenn ich mit Kathi in der Pause zusammen war, dann ließ sie mich manchmal einfach stehen und ging irgendwohin, schaute zickig nach hinten, ob ich ihr gefolgt war.
Und dann gab es die Momente, wo sie wirklich meine beste Freundin zu sein schien. Dann schrieb sie beim Chatten "Hi Sweety" und "HDGGGGDL". Meine Meinung über sie änderte sich alle zehn Minuten. War sie nun eine echte Freundin oder nicht?
Das schlimmste war vorallem, dass Lea und Rebecca MICH nicht mochten. Und Kathi mochte jeder. Und sie hatte einmal zu mir gesagt: "Weißt du eigentlich, wie doof das ist, wenn man verschiedene Leute mag, die sich nicht mögen?"
Ich hatte nur den Kopf geschüttelt. Ich wusste es wirklich nicht. Wie auch? Kathi war von Anfang an verwöhnt gewesen und auch auf der Grundschule, wie jetzt auch, total beliebt. Und ich sollte sie auch noch bedauern? Ich, die alle höchstens "ganz nett" fanden und mehr nicht? Sie verstand das nicht.
Ich trank etwas aus meiner Wasserflasche, weil mir urplötzlich heiß im Gesicht geworden war, als ich daran dachte.
Frau Spill kam ins Klassenzimmer. Lachend kam Kathi zu ihrem Platz neben mir. Mir war nicht nach Lachen. Ich versuchte ihr so immer zu zeigen, dass ich das alles nicht okay fand. Aber sie ignorierte das total!
Nachdem der lange Schultag rum war, ging Kathi mit Lea in eine andere Richtung, ohne auch nur Tschüs zu mir zu sagen. Sie war merkwürdig. Einmal war sie schrecklich nett, dann einfach nur bescheuert!
Ich ging allein zur S-Bahn. Kathi wurde auch immer mit einem Porsche oder Mercedes abgeholt (ihre Familie hatte 3 Autos!) und dann wollte sie mir immer wieder weismachen, dass ihre Familie nicht reich war. Haha!
Ich hollte mir eine Streuselschnecke und biss hinein. Endlich was Vernünftiges zu essen! Von den ollen Trauben die ich mitbekam, wurde man sowieso nicht satt.
Etwas, was mich fröhlich machte, war das perfekte Timing bei der S-Bahn. Sie kam gerade, als ich die Stufen zum Bahnhof hinaufgegangen war und ich bekam sie.
Eine Station später stieg meine beste Freundin ein, die auf einer anderen Schule war.
"Hi" sagte ich und lächelte. Wir unterhielten uns eine Weile. Leider war unser Weg mit der S-Bahn viel zu kurz.
Als ich als erste aus der Bahn ausstieg, dachte ich daran, dass ich mir es im Traum nicht vorstellen konnte, mit Kathi so ausgelassen zu reden. Nein! Und meine beste Freundin, Miriam, würde sie nie im Leben übertrumpfen. Nicht diese verwöhnte, reiche, beliebte aber total eingebildete...Kathi.
Ich wurde allmählich traurig. Alle fanden Kathi toll, weil sie so 'crazy' war und immer gut drauf, total cool wirkte und so. Anfangs hatte ich mich gefreut, dass sie allem Anschein nach mich am meisten mochte. Aber das glaubte ich nicht mehr. Lea und Rebecca mochte sie viel mehr. Ein Rätsel blieb allerdings, warum sie mich als beste Freundin bezeichnete.
Als ich zu Hause war, holte ich mir eine Pizza aus dem Ofen, die genau jetzt fertig war. Wieder perfektes Timing! Ich wurde allmählich glücklich. Ich beschloss, Kathi einmal sitzen zu lassen. Allerdings hörte sie sich am Telefon wirklich immer an wie die beste Freundin, aber heute hatte sie keine Chance. Ich war sauer auf sie.
Ich nahm mir ein Telefon mit ins Zimmer. Kathi rief mich jeden Tag an.
So machte ich etwas am Computer, las und machte Hausaufgaben. 17:34! Endlich! 'Kathi' stand auf dem Display vom Telefon. Ich drückte auf die rote Taste. Ha, was würde sie jetzt wohl denken?
Eine Minute später rief sie mich wieder an. Wieder drückte ich auf die rote Taste. Dies wiederholte sich noch zweimal. Das war's.
18:22. Sie rief wieder an! Ich drückte wieder auf die rote Taste. Dann vibrierte mein Handy plötzlich. Eine SMS von Kathi! 'Hey, ruf mich mal an!'
'Telefon kaputt' schrieb ich. Das war glaubwürdig, so wie ich sie immer weggedrückt hatte. Es hatte richtig Spaß gemacht, auch sie mal sitzen zu lassen, auch wenn ich ihr jetzt nicht die Wahrheit sagte!
Jetzt klingelte mein Handy. Mist! Das HAndy konnte ja schlecht auch kaputt sein. Ich seufzte. Es machte meist Spaß, mit Kathi zu telefonieren, aber irgendwie war mir nicht danach.
"Hallo?"
"Hi", sagte Kathi. "Warum ist euer Telefon kaputt?"
"Keine Ahnung" erklärte ich beiläufig.
"Kapierst du Mathe?"
Typisch! Ruft mal wieder wegen den Hausaufgaben an... Sie ruft aber immer zuerst bei Lea und Rebecca an! Warum? Tja. Ich kann ihr meist eher die Antwort geben. Warum dann? Weil sie die beiden mehr mag. Warum sagt sie das nicht?
"Hm", sagte ich, "hab ich noch nicht gemacht."
"Können wir das zusammen machen?"
So lief es oft. "Ja okay" murmelte ich, kramte meine Sachen heraus und schaute mir die Aufgabe ein. Total einfach! Aber hallo. Das kriegte doch wohl auch Kathi hin, oder? Genau so eine Aufgabe hatte sie heute perfekt gelöst! Darauf machte ich sie aufmerksam.
"Nee, das war doch ganz was anderes!" konterte sie mit einem missbilligenden Unterton. Oh, wie sie nerven konnte! Ich hatte keine Lust, mit einer eingebildeten Lügnerin zu telefonieren!
Upps. Wie sauer ich war...
"Na ja", murmelte ich, "es war eigentlich dasselbe?"
"Und warum sollte ich dann deshalb bei dir anrufen?"
"Keine Ahnung", sagte ich wieder. Weil sie mich nerven wollte? Gute Idee!
"Siehst du?! Sag mal, warum bist du eigentlich so komisch im Moment?"
Aaarrghhh! Wer war denn hier komisch?! "Wieso?" fragte ich.
"Na ja, du siehst immer so traurig aus und machst nie was mit mir, also, in den großen Pausen."
"Weil ich keine Lust habe, dir immer hinterher zu latschen!" kam es laut über meine Lippen. Upps. Wollte ich das sagen? Aber im Nachhinein war ich stolz drauf.
"Hä? Wie?"
Ich wurde wieder ruhiger. Leider! Oh Mann, das war DIE Chance, ihr alles zu sagen, was mir auf dem Herzen lag! Ich holte tief Luft.
"Wir laufen rum in der Pause und du lässt mich dann stehen und läufst irgendwohin."
"Nein, ich wollte ja, dass du mitkommst!"
"Siehst du?"
"Was?" Oh, wie dumm sie war!
"Dass du immer willst, dass ich dir hinterher laufe, obwohl ich keine Ahnung habe, wohin es geht! Und ich will zufälligerweise nicht immer da hin. Okay, ich kann dir zuliebe mitkommen. Aber kannst du mir nicht mal sagen, wohin? Und warum kriegst du es nach der Schule nie hin, 'Tschüs' zu sagen und warum bist DU schon die ganze Zeit so komich zu mir?"
Wow. Ich war stolz auf mich, hatte aber Angst vor Kathis Reaktion.
"Hä? Hallo? Das stimmt doch alles überhaupt nicht!", fragte sie verstört oder sagen wir besser: GEstört.
"Natürlich stimmt das!", sagte ich.
"Und du glaubst, ich will dich damit nerven oder wie?"
"Nein, aber... Es nervt trotzdem!"
Doch! Doch! Doch! Das glaube ich!
Kathi wurde still. "Mann, was laberst du eigentlich, das ist doch überhaupt nicht wahr!"
"Doch, ist es. Du veräppelst mich schließlich öfter als ich dich! Oder war das wirklich ernst gemeint, als du mir immer wieder diese Zettel zugeschoben hast, wie 'Ich mag dich nicht mehr', 'Du magst mich nicht mehr' und so?!"
Ja, das tat sie immer - nur aus Spaß. Wie das nervte!
"Quatsch!"
"Dann ist ja gut."
Kathi wurde still. "Lea und Rebecca sind nie so."
"Und?" fragte ich. Was sollte das jetzt schon wieder?!
"Na ja, die sind immer voll nett."
"Das seh ich", sagte ich, "Lachen sich über jeden Scheiß kaputt, den du ihnen erzählst und finden dich richtig cool."
"Sag mal, was ist eigentlich mit dir los?"
Das fragte ich mich allerdings auch, auch an mich gerichtet. Aber ich war verdammt stolz, dass ich das über die Lippen bekommen hatte.
"Ich weiß nicht", sagte ich, "Ich bin eben nicht mehr so schüchtern, wie du am Anfang immer gesagt hast und das hast du jetzt davon! Ich sagte dir eben meine Meinung und das ist wahr! Und du sagst, das stimmt alles nicht... Das ist ja wohl total durchgeknallt, was? Natürlich stimmt das!"
"Mann, was ist denn auch so schlimm daran?"
"Vieles", murmelte ich, "ich komm damit einfach nicht klar und wenn du das nicht verstehst, dann informier dich mal bitte darüber, was richtige Freunde sind!"
"Hä, wie meinst du das?" Warum war Kathi so schrecklich schwer von Begriff?!
"Damit meine ich, dass DAS keine richtige Freundschaft ist!"
"Wieso?"
Ich seufzte. Mann, sie war echt dumm... So sauer auf sie war ich echt noch nie gewesen. Na ja...
"Weil es so ist!", sagte ich, "und umso mehr frage ich mich, warum ich deine beste Freundin bin!"
"Wer hat das denn gesagt?"
Vergesslich war sie auch noch...
"Du!", sagte ich.
"Hä? So'n Quatsch..."
"Muss gehen", sagte ich, "bye."
War ich froh, als ich die rote Taste drückte. Ich seufzte. Puh! Natürlich musste ich NICHT irgendwohin gehen aber ich hätte das keine Sekunde länger ausgehalten....

Am nächsten Tag in der Schule war Kathi wie immer. Nur, dass sie mir während Erdkunde einen Zettel zuschob: 'Was sollte das gestern?'
'Das, was ich gesagt hab' schrieb ich zurück. Kathi hörte auf zu schreiben.
In der großen Pause ging ich absichtlich woanders hin als zu Kathi. Sie hatte auch nichts dagegen - wie immer!
Lea und Rebecca standen zusammen. Rebecca rief: "Komm mal!"
Sie meinte mich. Ich kam zu ihnen. "Was ist denn?"
"Kathi hat uns gestern von eurem Telefonat erzählt..."
Ich ging weg. Eine Standpauke von den beiden konnte ich mir sparen.
"Warte!"
Was war denn jetzt?
"Es war cool", sagte Rebecca.
"Was?"
"Was du gesagt hast", erklärte sie, "wirklich. Ich hab das ganze mal mit anderen Augen gesehen. Sie hat mir nämlich alles erzählt. Fand ich sehr wunderlich, dass sie das nicht kapiert hat. Sorry, dass wir so blöd zu dir waren... Wir dachten, du wärst total doof und so, weil du manchmal so komisch warst zu Kathi und Kathi... ja, sie war einfach echt nett!"
"Verarschen kann ich mich auch selber..." murmelte ich und ging.
"Im Ernst!", rief Rebecca und ich drehte mich um. "Du wirst schon sehen..."
Mein Kopf wurde heiß. Es war alles verwirrend...
Die Pause war noch 5 Minuten lang, als wir reingelassen wurden. Kathi stapfte gleich zu den beiden. Was war jetzt? Ich hatte mich extra näher rangestellt um mithören zu können.
"Was habt ihr eigentlich da in der Pause besprochen?"
Sie redete also über mich. Da war ich ja mal gespannt...
"Wir haben über euer Telefonat geredet."
"Hä?" Gott, wie konnte man so dumm und so beliebt sein?
"Ja. Weißt du was, Kathi, ich verstehe sie. Echt! Ich hab gemerkt, was wirklich bei euch los ist. Und, weißt du was? Wir wollen uns versöhnen."
"Hm, wieso?"
"Hast du was dagegen?"
"Nö, aber..."
"Also! Kathi, ich finde sie hat recht, das ist keine echte Freundschaft!"
"Spinnt ihr jetzt alle?" rief Kathi.
Wortlos gingen Lea und Rebecca zu mir. Wir redeten ausgelassen miteinander... Mann, war das cool! Nur das konnte ich mit den Gesprächen mit meiner besten Freundin vergleichen!

Am Nachmittag rief Kathi mich an. "Hey... Du hängst jetzt nur noch mit Lea und Rebecca rum, oder?"
Ich sagte besser nichts. Ich wusste nicht, worauf sie hinauswollte.
"Hm?"
Ich sagte wieder nichts. Sie musste schon weiterreden, bevor ich Kommentare dazu abgab.
"Hallo! Noch dran?"
"Ja, ja", murmelte ich, "Wieso?"
"Na ja, ihr macht alle nichts mehr mit mir - warum?"
"Wegen dem, was ich dir gesagt habe", sagte ich, "tut mir Leid, dass ich dir die beiden vergrault habe, aber es ist eben so. Du warst lange genug beliebt. Siehst du, wie blöd das ist? So habe ich mich immer gefühlt!"
"Hast du gar nicht..."
"Doch, habe ich! Du findest das ja auch nicht okay..."
Sie seufzte. "Es tut mir leid! Treffen wir uns morgen?"
"Wo?"
"Nach der Schule in der Cafeteria?"

Also trafen wir uns.
"Was ist?", fragte ich. Ich hatte einen schönen Schultag mit Lea und Rebecca verbracht. Sie waren tolle Freunde!
"Ich fühl' mich scheiße - weil du mich kaum noch beachtest und nur noch mit Lea und Rebecca rumhängst!"
"Tja", sagte ich, "Das war bei dir auch so!"
"Das hab ich aber nicht so gemacht..."
"Doch!"
"Dann hab ich's eben so gemacht, egal!", rief sie, "Es tut mir Leid!"
"Kann ja jeder sagen", murmelte ich, "Du hast mich echt oft enttäuscht."
"Jaa", sagte sie, "Können wir nicht wieder Freundinnen sein?"

Ich hatte ein "Hmpf" von mir gegeben. In den nächsten Tagen gesellte sich Kathi zu uns. Sie hielt etwas eher die Klappe als sonst und war viel netter. Auf Dauer?
Lange, lange "testete" ich sie, bis ich merkte, dass sie sich wirklich gebessert hatte.
"Hey, Kathi", sagte ich dann, "Friends?"
"Friends!" rief sie freudig und lächelte.

Für Tara, Diana, Ari, Laura und Sarah!



Carmen, Autor/in Köln

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