April 2018

Wolfsjunge



Im tiefdunklen Wald lebte eine Fee, die Fee der Tiere. Jedes Tier, das sich verletzt hatte, rief die hilfsbereite Fee, denn sie konnte Tiere heilen. Jeden Abend flog sie durch den Wald um zu sehen, ob es allen Tieren gut gehe, da hörte sie ein leises Schluchzen. Langsam flog sie auf das komische Geräusch zu. Da entdeckte sie einen kleinen Wolf. Der Wolf schien noch nicht lange dort zu liegen. „Kleiner Wolf, was ist denn nur los mit dir?“, doch der Wolf gab ihr keine Antwort.
„Hast du Angst?“, fragte die Fee. Leise antwortete ihr der kleine Wolf: „Ich bin ganz alleine…“ „Warum?“ „Ich erkläre es dir.“ „Na gut du kleiner Wolf, ich bringe dich zu mir nach Hause, da kannst du dich stärken, und dich ausruhen.“
So brachte die Fee den kleinen Wolf zu sich nach Hause. Die kleine Fee hatte ein wunderschönes Haus, wo genügend Platz für weitere Tiere wäre. Die Fee bereitete sofort zu Hause ein genüssliches Festmahl für das kleine Wolfsjunge und sich vor. Als das kleine Wolfsjunge wieder gestärkt war, erklärte es der Fee was passiert war. „Die „Wilderer“ sind gekommen, und haben meine gesamte Familie auseinandergejagt, und vielleicht sogar erschossen…“, schluchzte das kleine Wolfsjunge. „Keine Angst, ich werde dir helfen, deine Familie wieder zu finden, das ist schließlich meine Arbeit. Ich bin die Fee der Tiere, und helfe dir gerne.“ „Aber wo soll ich inzwischen wohnen?“ „Natürlich bei mir, du bist nicht das erste Tier, das von einer Familie getrennt worden ist. Du kannst in der Zwischenzeit bei mir wohnen, und fressen.“ „Muss ich den ganzen Tag hier in deinem Haus bleiben? Ich bin doch ein Wolf, wir sind immer im Freien…“ „Ich weiß dass Wölfe immer im Freien sind, und deshalb darfst du auf meinem Spielplatz so lange spielen, wie du willst. Aber du musst jeden Abend um 18:00 Uhr wieder hier im Haus sein, sonst kann ich deine Familie nie wieder finden.“
Das Wolfsjunge versprach es der Fee. In der Nacht, hörte die Fee das kleine Wolfsjunge schluchzen. Sie schlich zu seinem Schlafzimmer, und spähte durch eine kleine Spaltöffnung. Auf dem Boden, im feinen Heu, lag das Wolfsjunge. >Anscheinend hat es nur geträumt> dachte die Fee.
Als es Morgen wurde, weckte sie den kleinen Wolf, und sprach: „Dein Essen steht draußen, du kannst es fressen wenn du Lust hast. Ich muss nun zu den Tieren gehen, die mich gerufen haben, heute werde ich den ganzen Tag lang im Wald sein, und werde nicht vor 19:00 Uhr wieder zurückkehren. Wenn du Hunger hast, habe ich dir hier auf dem Boden noch reichlich Futter hergestellt. Du kannst also so viel fressen wie du willst. Aber denk dran, du musst mit dem Essen auskommen, bis ich wieder zurück bin. Wenn jemand zu Besuch kommt, mach nicht die Türe auf.
Gehe nur auf den Spielplatz und nicht vor das Gitter, sonst könnten dich die Wilderer sehen, und wer weiß, was sie mit einem Wolfsjungen wie dir anfangen. Du musst rechzeitig vom Spielplatz wieder zurück sein, sonst kann ich deine Familie nie wieder finden.“
Sobald die Fee weggeflogen war, machte sich das kleine Wolfsjunge an die Arbeit den Futtertopf zu leeren; aber so viel es auch fraß, der Futtertopf wurde nur noch voller. So hatte das kleine Wolfsjunge dann doch bald genug, und wollte auf den Spielplatz gehen, doch als es gerade dabei war, die Türe zum Spielplatz zu öffnen, da hörte es ein Geräusch, und weil das Wolfsjunge so neugierig war, wollte es sehen, wer diese entzückenden Laute von sich gab. Leise schlich es vor das Gitter und spitzte die Ohren.
Doch es war nichts mehr zu hören. Das kleine Wolfsjunge wollte schon wieder umkehren, denn es erinnerte sich daran, was ihm die Fee gesagt hatte. Doch als es umkehrte und zum Spielplatz gehen wollte, hörte es wieder dieses Geräusch. Als es sich dann jedoch wieder umdrehte, hörte es nichts mehr. Dieses Spiel wiederholte sich noch zweimal. Da blickte sich das kleine Wolfsjunge um und sah, wie ein Rudel Wölfe vor dem Gitter vorbeistreifte und ihn rief. Und es erkannte seine Familie.
Die Wolfsmutter sagte: „Wir haben dich wieder gefunden; ist das das Haus der guten Fee?“ „Ja, sie hat mich aufgenommen, aber ich dachte die Wilderer hätten eu…“ „Das ist jetzt nicht so wichtig mein Sohn. Aber sag, hast du eine kleine Stärkung für uns?“ Das kleine Wolfsjunge überlegte kurz. Da rief es seiner Familie zu: „Ja, ich habe einen Fressnapf, man kann so viel daraus fressen wie man will und er wird nicht leer, da haben bestimmt alle genug. So kommt doch zu mir.“
Das kleine Wolfsjunge öffnete das Gitter und brachte die Schüssel auf die Wiese vor das Haus. Die Wölfe fraßen , doch der Fressnapf wurde erstaunlich schnell leer, wurde nicht wieder voll. Das Fressen im Fressnapf wurde immer weniger, bis schließlich nichts mehr übrig war. Die Wölfe blickten das Wolfsjunge an und sprachen schon etwas böse: „ Wir dachten im Futternapf wäre genug essen für uns alle drin…“
Das kleine Wolfsjunge konnte sich nicht erklären, warum der Futternapf leer geworden war. „Du kommst jetzt mit, du bist ein Wolf und lebst in der freien Natur, nicht in einem Haus wo dir das Essen vor die Nase gestellt wird," sprach der Wolfsvater. „Ein echter Wolf muss sich sein Fressen verdienen, das heißt, du musst dafür töten und raufen, wenn es sein muss. Und du bist doch ein echter Wolf oder? Rudel, ich frage nun euch: Ich bin der Rudelführer und der Vater dieses Wolfes. Ist man ein echter Wolf, wenn man sich das Fressen vorstellen lässt?“ Im Chor antwortete das gesamte Rudel: „Nein, ein echter Wolf ist nicht auf die Hilfe anderer angewiesen.“ Da sprach eine Wolfsschwester: „Wölfelch- chen, Wölfelchen. Jeder, der hier im Rudel dabei ist, musste einmal eine ganze Woche alleine ohne Eltern und ohne dem Rudel verbringen. Nur der, der es schafft, wird in das Rudel aufgenommen. Unser Rudel besteht nur aus den tapfersten Wölfen, zu denen du wahrscheinlich nicht gehören wirst.“ Das kleine Wolfsjunge kannte sich nicht mehr aus, war das etwa seine Familie? So böse und kaltherzig? Das kleine Wolfsjunge begann zu schluchzen. „Seht euch das an, mein eigener Sohn ist nicht würdig, dem Rudel meines Mannes beizutreten,“ rief die Wolfsmutter.
Da rannte das kleine Wolfsjunge so schnell wie es konnte ins Haus und verschloss die Tür hinter sich. So hatte seine Mutter noch nie mit ihm gesprochen. Es war verzweifelt.
Langsam wurde es Abend. Die Fee kehrte nach Hause zurück. Erstaunlicherweise fragte sie nicht mal nach, wie es dem kleinem Wolfsjungen denn ergangen war. Doch plötzlich sprach sie: „ Du sollst nun eine eigene Familie gründen, denn dein Rudel will dich nicht mehr bei sich haben, weil ich dir geholfen habe. Sei nicht traurig, ich habe dir ein Weibchen mitgebracht; mit ihr sollst du eine Familie gründen. In drei Tagen werdet ihr schon zu viert sein.
Und wie es die Fee auch versprach, so wurde es Wirklichkeit. Denn schon nach drei Tagen waren in der kleinen Wolfsfamilie zwei junge Wölflein auf die Welt gekommen, deren Äuglein nur so strahlten.
Wenn unsere Wolfsfamilie noch nicht gestorben ist, dann lebt sie noch heute.



Sandra Resch, Autor/in Steinegg/Südtirol/Italien
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