APRIL 2020

MILLA

„Milla!“ Ich drehe mich in meinem Bett auf den Bauch. „Milla! Es ist schon 7:30! Schwing dich aus dem Bett!“ Ich höre Schritte und ein Duft von Rosenparfum kommt mir in die Nase. Dann wird mir die Decke weggerissen und eine Stimme ist nah an meinem Ohr: „Muss ich dich immer wecken? Glaub mir ich hab was Besseres zu tun, zum Beispiel meine Haare föhnen!“ Die Stimme gehört nicht zu meiner Mutter sondern, zu meiner älteren Schwester Mona, die ich nur Motte nenne, denn sie ist genauso lästig! „Ja ja! Musst du so schreien? Ich schlafe vielleicht, aber taub bin ich nicht!“ Ich bleibe liegen und Motte stampft aus dem Zimmer. Aber es ist nicht mehr gemütlich, nur noch kalt und unbequem. Ich schäle mich aus meinem Bett, schlüpfe in irgendeine Hose und irgendein T-Shirt, die zusammen passen, stelle mich vor den Spiegel und kämme mir die Haare. Blöde Motte, muss immer motzen, jeden Morgen das Gleiche! Ist mir doch egal, wenn ich zu spät komme, die Schule ist langweilig ... Cleo schwärmt nur noch von Justin mit dem sie UNBEDINGT zusammen sein will. Charly, die ich eine Abwechslung von Cleo nenne, ist auch nicht besser, Jasper hier und Jasper da! Ist der Buchstabe J in Mode oder warum sind alle in irgendwelche J`s verknallt? Mir kann so etwas nicht passieren! Ich bin geimpft gegen das Verliebtheits-Syndrom!
Ich gehe ins Bad, das nicht abgeschlossen war,schnappe mir meine Zahnbürste, schrubbe mir die Zähne und gehe an meiner verwunderten Schwester vorbei. Eine Sekunde später knallt die Wohnungstür. Das kann ja ein toller Schultag werden ...
Es ist Mitte September, die Blätter liegen in kleinen und großen Haufen auf dem Schulhof verteilt. Der Herbst hat an die Tür der Jahreszeiten geklingelt! Der Schulhof ist leer, nur ein paar Ältere sind da und hören laut Musik auf ihren Handys. Der Schulflur ist auch leer, man hört laute Stimmen von aufgeregten Lehrern, die versuchen ihre Schüler zu beruhigen, die vielleicht einen Affen entführt und als neues Haustier in die Schule mit gebracht haben. Ich muss über diese Vorstellung grinsen.
Aber als ich vor meiner Klassentür stehe, wird mir warm, weil ich weiß, dass gleich alle flüstern werden. „Die ist zu spät“, werden sie zischen, und Fabio wird seinen alten Satz sagen: „Milla ist schon wieder zu spät!“ Und dann werden alle lachen. Ich spiele mit dem Gedanken einfach wieder nach Hause zu gehen, meine Schwester würde mir schon eine Entschuldigung schreiben... aber schließlich drücke ich die Klinke runter. Natürlich flüstern alle und Fabio vergisst nicht seinen Satz zu sagen:" Milla ist zu spät!“ Ich werfe ihm einen Blick zu und sage: „Lernst du diesen Satz immer vorm Schlafen gehen? Du hast dafür einen Orden verdient!“ Manche lachen und manche schauen ängstlich in ihr Buch.
„Nette Begrüßung, Milla!“ sagt Frau Schmitz (die Jungs nennen sie nur Schnittchen!“) Ich setze mich auf meinen Platz und schaue so an die Tafel, als wäre ich nicht 15 Minuten zu spät. Cleo schiebt mir einen Zettel zu. ´Stress mit Motte?´ schreibt sie, ich nicke ihr zu. Meine Finger haben noch keine Lust zu schreiben. An der Tafel steht `Herbstfest´! Na toll .. wir müssen in der Stunde Sachen bemalen, Gedichte schreiben und Blätter ausschneiden. Frau Schmitz schaut mir gerade über die Schulter, als ich den Satz ´Die Blätter fallen munter von den Bäumen runter´ schreibe. Sie lächelt.
In der Pause werde ich mit Fragen und Wünschen bombardiert. Zuerst von Cleo:
„ Kannst du vielleicht noch mal einen Brief schreiben?“ Ich nicke, obwohl ich keine Lust dazu habe, aber ich muss es machen! Cleos Motto ist, glaube ich, ´Die Milla macht das schon! Tippt gerne geheime Briefe für Justin.´ Das stimmt sogar, seit Anfang Herbst schrieb ich jede Woche auf dem Computer einen netten Brief an Justin, der uns schon zweimal geantwortet hatte! Natürlich nicht mit meinem Namen, ich nannte mich nämlich >Lady Anonymus<.
Eine zweite Frage kommt mir von hinten an den Kopf geschossen: „Fragst du Jasper kurz, ob er mich mag?“ Das war Charly „Klar!“, sage ich und schnappe Cleos Arm. Da sehen wir Jasper, er ist schon in der Achten! Ich nenne ihn den
´grünen Affen, der Kekse frisst´ oder einfach nur den ´Affen´. „ Hey Affe!“, rufe ich und tippe ihm an die Schulter. „Was isn?“, nuschelt er „ Charly will ´ne Antwort!“, stelle ich klar. Cleo kichert. „Kriegt sie aber nicht! Und jetzt verpiss dich endlich!“, sagt er nicht sehr freundlich. Dann ignoriert er meine Fragen. „Der Affe ist taub“, sage ich zu Cleo. „Der Affe hat dich gehört“, sagt der Affe. Sein Freund Marcel kommt dazu: „Ich bin sein Bodyguard! Haut ab ihr kleinen Kinder! Er ist vergeben an Miss Sunshine!“ Er verschränkt die Arme. „Sei ruhig du Affenhalter“, zische ich, aber als Marcel droht, uns mit einem Stuhl abzuwerfen, rennen wir lachend weg. „Was sie wohl an dem Affen findet?“ fragt Cleo „Keine Ahnung!“, seufze ich.
Als wir Charly erzählen, was eben passiert ist, muss sie ziemlich lachen. Die restlichen Schulstunden vergehen schnell. Wir basteln, schreiben und malen nur! Als ich Alex (meinem besten Freund) von Jasper erzählen will, ignoriert der mich völlig! Obwohl wir uns schon seit der Fünften kennen! Ich bin traurig, aber das Justingelaber von Cleo lenkt mich ab. „Guck mal, wie seine Haare fliegen!“, quiekt sie. „Ja, ganz toll!“ sage ich und beiße in mein Käsebrötchen. Wir sitzen gerade auf der Reifen- Schaukel, und schauen den Jungs beim Fußball zu. Das ist nicht gerade spannend, aber Cleo will Justin ja unbedingt anhimmeln...
Zuhause ist es nicht besser, meine Ma liegt auf der Couch und versucht zu schlafen. Die Arbeit war anstrengend für sie, um 4 Uhr morgens aufstehen und um 17 Uhr erst zu Hause. Ich verkrümele mich in mein Zimmer und schaue Fernsehen, nichts Spannendes .. Also schlafe ich auf dem Bett ein und träume wirres Zeug. Zum Glück müssen wir morgen erst um 14 uhr beim Herbstfest in der Schule sein.
Als ich aufwache ist es 10 Uhr, ich stehe auf, schlurfe in die Küche und trinke einen Tee, danach gehe ich ins Bad, ziehe mir irgendetwas Schickes an, ein schwarzes T-Shirt, eine Kette, enge Jeans, Chucks und eine weiße aufgeknöpfte Bluse. Ich beiße in einen Apfel. Draußen ist es windig aber schön irgendwie. Die Blätter regnen von den Bäumen runter. Es ist das perfekte Wetter, um einfach auf einer Bank zu sitzen und zu lesen. Um halb zwei mache ich mich auf den Weg zur Schule. Cleo würde schon da sein ..
Sie ist da! Natürlich auf der Reifen- Schaukel. „Hi“, sage ich. „Hi“, sagt sie. „Sollen wir rein gehen?“, frage ich, sie nickt. Viele Lehrer und Ältere sind schon da, sie haben Tische mit Kuchen und anderen Sachen vorbereitet. Wir gehen in unsere leere Klasse und schauen aus dem Fenster.
Um 14 uhr ist mehr los, das Herbstfest beginnt, alle sind aufgeregt, wegen der Aufführungen. Es werden Tänze, Lieder und Herbstgedichte aufgeführt. Damit ich Alex endlich erzählen kann, was mit dem Affen passiert ist, setze ich mich neben ihn. „Hi!“, sage ich, er schaut nicht auf. Egal was ich sage, er schaut mich nicht an. Ich bin stinksauer auf ihn. Es werden Fotos gemacht, die zickige Lynn aus unserer Klasse schmeißt sich Alex an den Hals. Obwohl mir das egal sein könnte, rege ich mich auf und stampfe zu einem der Tische mit Kuchen und Saft. „Warum guckst du so sauer?“, fragt Cleo. „Guck mal wie Lynn sich an Alex ranmacht!“, rufe ich wütend. Zum Glück hat es kein anderer gehört. „Das ist doch nicht wichtig! Ihr seid doch nur Freunde... oder?“, fragt Cleo und beißt in ihren Kuchen. „Ja.. schon“ murmele ich.
Plötzlich kommt Jusin an den Tisch: „Hey, hat jemand Lust, beim Fußball zuzugucken?“ Ich schüttele den Kopf, aber Cleo nickt. Strahlend geht sie mit Justin mit, ich zwinkere ihr zu. Charly, meine Abwechslung von Cleo, stellt sich neben mich. „Er hat geantwortet!“, ruft sie. „Wow, cool!“, rufe ich, wir führen einen Freudentanz auf. Sie verschwindet jetzt mit Hannah, um ihm ´auszuspionieren´, das weiß ich. Ich stehe immer noch alleine am Tisch und trinke mein drittes Glas Saft, zum dritten Mal stellt sich jemand neben mich. „Na, Langeweile?“, fragt Markus. „Japp!“ Wir stehen und labern über Schule und sonst was.
Das Fest ist vorbei und ich freue mich auf mein Bett. Ich bin auf dem Weg nach Hause, es ist kalt. Ich höre Schritte hinter mir. „Hi“, sagt eine bekannte Stimme. Es ist Alex. Ich bin sauer und sage nichts. „ Sind deine Ohren zugefroren?“, fragt er. „Lass mich in Ruhe!“, sage ich und gehe schneller. „Was hast du?“ Er hat mich wieder eingeholt. „Das sollte ich dich fragen! Du ignorierst mich und lässt dich lieber von Lynn anmachen!“ Er kratzt sich am Kopf. Aber ich bombardiere ihn weiter mit Fragen: „Warum bist du so komisch in letzter Zeit? Was soll das?“ Er kratzt sich am Kopf. „ Sorry..., es ist weil...na ja, weil..“ stottert er und hebt ein Blatt vom Boden auf. Mit einem Filzer kritzelt er etwas drauf, und drückt mir das Blatt in die Hand. Er rennt weg. „Hey was soll das?, rufe ich, aber er ist schon weg. Ich nehme das Blatt in die Hand, darauf steht:´ICH LIEBE DICH.´ Mein Herz macht einen Überschlag, ich muss schmunzeln und renne ihm nach: „Hey, warte doch mal!“
Und die Blätter unter mir wirbeln durch die Herbstluft.


Whitney, Jahre Jahre




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