Nelly Däs- Ein Jugendbuch 2007
Das war 1948
Seit Stunden schon war Eugen unterwegs. Er hatte Hunger, und durstig war er auch. Sicher hatte er schon 20 km geschafft, so glaubte er, und bis zum Abend würden es noch einmal soviel sein. Dann war er bald bei seiner Tante. Was würde sie sagen, wenn er plötzlich vor ihr stand? Lebte sie überhaupt noch? Diese Frage beschäftigte ihn sehr.
Eugen war müde und erschöpft. Er wollte sich ein bißchen ausruhen, nur ein bißchen, und er setzte sich am Straßenrand auf eine Böschung. Erschrocken fuhr er hoch, als er aus tiefem Schlaf durch eine Stimme geweckt wurde. Ja, was haben wir denn hier?" Ein Mann stand über ihn gebeugt, riesengroß, und lachte auf ihn hinunter. "Na, komm schon und erzähl, was mit dir los ist. Du willst doch irgendwohin, oder? Ich kann dich mit meinem Lastwagen mitnehmen."
Als Eugen neben ihn auf den Beifahrersitz gerutscht war, fragte der Mann lachend:
„Bist wohl ausgerissen?"
Eugen erschrak und schüttelte den Kopf. Gott sei Dank! Der Mann war viel zu sehr damit beschäftigt, das Auto in Gang zu bringen, um weitere Fragen zu stellen. Der schwere Lastwagen rumpelte über die schlechte Landstraße, und Eugen wurde richtig durchgeschüttelt.
"Sitz nicht so verkrampft, Junge! Wir haben noch 38 km bis zur nächsten Ortschaft."
"So weit?" fragte Eugen. "Ich bin heute doch schon 20 km gelaufen."
"Oh, das ist aber eine Leistung. Wo kommst du denn her?"
"Von Suntar."
"Was, von Suntar?"
Der Mann lachte schallend und schlug sich auf die Schenkel.
"Weißt du, wie weit du gelaufen bist?" fragte er Eugen. "Genau acht Kilometer!"
Eugen schaute ihn erschrocken an. Das konnte doch nicht sein! Er war so müde und hatte noch einen so langen Weg vor sich. Wie sollte er das schaffen?
„Wie heißt du eigentlich?" fragte der Mann.
„Eugen Werner."
"Aha, ein Deutscher. Und wo willst du hin?"
"Zu meiner Tante. Sie wohnt in Kosnezko bei Njurba."
Eugen flog nach vorn, so abrupt bremste der Fahrer. Als der Laster stand, sagte der Mann:
"Aber da bist du falsch! Njurba ist gerade entgegengesetzt!"
Entsetzt schaute Eugen den Mann an.
"Was machen wir da? Ich kann dich doch jetzt nicht zurückschicken? Weiß deine Tante, wann du kommst?'«
"Nein, nicht genau. Ich habe ihr nur geschrieben, daß ich in den nächsten Tagen komme. Meine Mutter hatte kein Geld", log Eugen weiter, "da wollte ich zu Fuß zur Tante."
Der Mann gab Gas und fuhr weiter.
"Wir machen das so“, schlug er vor. Im nächsten Dorf, das ist Retschka, lasse ich dich bei einer Frau, bis ich wiederkomme. Das ist etwa in einer Woche. Ich hole Ersatzteile für Maschinen, dann nehme ich dich mit zurück. Oder du versuchst, mit einem anderen Auto mitzufahren. Auf keinen Fall darfst du zu Fuß weitergehen!"
Eugen war blaß geworden. Er hatte Angst. Der Mann versuchte ihn zu trösten. "Kopf hoch, du läßt dich doch nicht unterkriegen!"
Eugen erholte sich langsam von seinem Schrecken. Es war zu dumm, daß er falsch gelaufen war! Oder vielleicht doch nicht? Man würde ihn suchen, aber nicht hier, sondern in Richtung Njurba. Er atmete auf und mußte lachen. Sie würden ihn nicht finden!
Lange, sagten beide nichts. Jeder hing seinen Gedanken nach. Als sie Retschka erreichten, hielt der Fahrer an.
"Ich laß dich gleich am Anfang des Dorfes heraus. Und hier hast du fünf Rubel. Kauf dir etwas dafür!"
Eugen war überglücklich. Er bedankte sich und winkte bald darauf dem davonfahrenden Laster nach. Dann ging er auf ein Haus zu, das etwas abseits am Wald stand. Es sah einladend aus. Ein kleiner Zaun umgab den Garten, in dem Gemüse und Kartoffeln wuchsen. Am Gartentor blieb Eugen stehen. Sollte er hineingehen? Da kam auch schon ein schwarzer Hund angerannt, er bellte fürchterlich. Eugen erschrak und wollte davonlaufen, als eine Tür in dem Häuschen aufging und eine alte Frau herauskam.
"Was soll das, Dunka! Kommst du her! Schämst du dich nicht, das Kind so zu erschrecken! Komm her, Junge!“ rief sie. "Ich paß schon auf, Dunka wird dir nichts tun.“ Langsam ging Eugen auf das Haus zu.
"Weißt du'“, sagte die alte Frau, "Dunka ist nur besorgt um ihre Kinder. Sie hat zwei Junge, und da verbellt sie alle Fremden."
Eugen blieb ganz still stehen, als Dunka auf ihn zulief.
"Brav, Dunka", sagte die alte Frau. Und zu Eugen: "Du mußt mit ihr sprechen. Sie tut dir nichts."
Der Hund beschnupperte Eugen eingehend, lief um das Haus herum und verschwand.
"Wer bist du?" fragte die alte Frau. "Wo kommst du her?"
Eugen wußte nicht, was er sagen sollte. Er konnte die alte Frau nicht belügen.
„Ich suche einen Schlafplatz für die Nacht", sagte er schließlich. Kann ich bei Euch schlafen, Frau?"
"Aber sicher, mein Söhnchen komm herein. Bestimmt hast du Hunger und Durst. Eine Schüssel Milch und ein ordentliches Stück Brot habe ich sicher für dich."
Sie zog Eugen in das Haus, das nur aus einem großen Zimmer und einem Stall bestand. In dem Zimmer war ein großer Pitsch , davor eine Bank mit zwei Eimern Wasser, daneben ein Becher zum Wasserschöpfen. Dem Pitsch gegenüber stand ein Kleiderschrank, rechts eine alte Truhe, auf der eine Katze schlief, und ein Tisch mit vier Stühlen.
Auf dem Tisch stand eine Petroleumlampe. In einer Ecke hing eine kleine Ikone mit der Muttergottes. Alles war sauber und gemütlich.
„Im Winter schlafen wir auf dem Pitsch", erzählte die alte Frau, "jetzt im Sommer aber auf der Ofenbank dahinten. Dunka mit ihren Kindern und ich."
Eugen setzte sich an den Tisch und brockte Brot in eine Schüssel mit Milch. Es schmeckte herrlich, er glaubte, so etwas Gutes noch nie gegessen zu haben. Er schmatzte laut und schaute immerzu die Frau an. Wie schön muß es sein, eine Großmutter zu haben, dachte er.
„Warum siehst du mich so an?" fragte die alte Frau. „Ich habe nie eine Großmutter gehabt", sagte Eugen. „Ich wünschte, ich hätte eine."
„Wenn du willst, kannst du zu mir ‚Babuschka’ sagen, das wäre schön. Dann habe ich einen Enkel!" Eugens Augen strahlten.
"O ja! Babuschka, Babuschka! Das klingt gut. Noch nie in meinem ganzen Leben habe ich ‚Babuschka' gesagt.“
Die alte Frau war gerührt. Sie spürte, daß der Junge einsam war, und wollte ihn liebhaben.
„Wie heißt du?"
„Eugen Werner", sagte er.
„Aha, ein Deutscher!"
„Woher weißt du, daß ich Deutscher bin, Babuschka?"
„Durch deinen Namen."
Eugen überlegte, ob er ihr alles erzählen sollte. Zu meiner Babuschka muß ich Vertrauen haben, dachte er. Und er erzählte ihr alles.
Lange sagte die alte Frau nichts. Sie saß da, die gefalteten Hände im Schoß. Das Haar hatte sie streng nach hinten gekämmt, ihr Gesicht war faltig, die Hände voller Schwielen. Sie sah Eugen liebevoll an.
„Du bleibst bei mir. Ich schicke dich nicht zurück. Wenn mein Sohn Kolka kommt, werden wir nach deiner Tante und deiner Mutter suchen. Der schreckliche Krieg hat so viele Familien auseinandergerissen; und wir werden sie finden, darauf kannst du dich verlassen. Kolka ist sehr gescheit. Tagsüber arbeitet er bei der Post in Moskau, und abends studiert er in der Abendschule. Naturwissenschaften. Deshalb treibt er sich viel in den Wäldern Sibiriens herum. Jeden Sommer verbringt er zwei Monate in der Taiga mit Timofej, dem alten Jäger“.
Sie erzählte immer weiter und merkte nicht, daß Eugen schon eingeschlafen war.
Auch die Babuschka ging schlafen, aber in dieser Nacht schlief sie schlecht. Es gab so viel zu bedenken. Als Eugen aufwachte, wußte er zuerst nicht, wo er war. Dann sah er die Babuschka neben dem Herd stehen.
„Guten Morgen, mein Söhnchen! Schau, was ich habe!“
Sie hielt ihm zwei kleine Welpen hin. Die waren ganz schwarz, und der eine hatte eine weiße Pfote.
„Möchtest du einen Hund?"
„O ja, Babuschka! Wie schön die sind, wie niedlich! Ist das wahr, Babuschka? Ich bekomme wirklich einen Hund und der gehört mir ganz alleine?"
„Aber ja! Such dir einen aus."
„Ich nehme den schwarzen mit der weißen Pfote. Er soll Scharik heißen, weil er aussieht wie eine schwarze Kugel."
Liebevoll drückte Eugen seinen Scharik an sich. „Ich habe einen Hund! Einen Hund der mir alleine gehört, jubelte er ganz laut." Eugen war überglücklich.
In Rasch lebte er sich bei der Babuschka schnell ein. Er hatte ein Zuhause gefunden und fühlte sich wohl.
Im Dorf erzählte die Babuschka, daß sie Besuch habe von Bekannten aus der Ukraine. Keiner fragte viel, jeder hatte mit sich zu tun. Vom Waisenhaus hörte man nichts.
Eugen und die Babuschka gingen oft in den nahen Wald. Sie sammelten Pilze und Beeren, Kräuter für Tee und Heu für die Ziege.
„Der Winter ist lang und hart. Da brauchen wir alles esbares und sehr viel Heu für die Tiere", erklärte ihm die Babuschka.
Im Herbst kam Kolka auf Urlaub. Er war nicht einverstanden mit dem Plan seiner Mutter und versuchte ihr klarzumachen, daß irgendwo Eugens Mutter auf den Sohn wartete.
„Wir suchen sie, dann geht er zu ihr.“
Davon wollte Kolkas Mutter nichts wissen. Sie hatte Eugen schon viel zu gern. Auch Kolka mochte den Jungen gut leiden, und manchmal ertappte er sich bei dem Gedanken, seiner Mutter recht zu geben.
„Aber wir müssen vernünftig sein“, sagte er eines Tages, „und an seine Mutter denken. Sie ist schon so viele Jahre ohne ihren Sohn. Wir könnten es so machen: Du behältst Eugen bis zum nächsten Sommer. Ich werde von Moskau aus seine Mutter suchen. Finde ich sie nicht, bleibt er bei uns. Finde ich sie, mußt du ihn ihr zurückgeben."
Damit war seine Mutter einverstanden. Bis dahin war noch lange Zeit!
Bevor Kolka zurück nach Moskau fuhr, meldete er Eugen zur Schule an.
Im nächsten Sommer, so hatte er Eugen versprochen, sollte er mit ihm drei Monate durch die Taiga wandern. Er wollte sich mit Timofej, einem Taiga
jäger, treffen, um nach unbekannten Pflanzen zu suchen.
„Du wirst sehen, wie schön es in der Taiga ist. Dafür brauchst du aber noch Stiefel und eine Regenjacke, einen Rucksack und noch viele andere Sachen. Das bringe ich alles aus Moskau mit. Den Mai, Juni und Juli über bleiben wir dort."
Eugen wartete mit Ungeduld auf den nächsten Sommer. Kolka hatte ihm einen Kalender gemacht, auf dem er jeden zu Ende gegangenen Tag durchstrich.
„Die Zeit vergeht zu langsam, Babuschka", klagte er. „Geduld, mein Söhnchen. Ungeduldige Menschen machen viel falsch. Geduld kann man lernen, und du hast viel Zeit dazu, den ganzen Winter über. Also lerne es, mein Söhnchen!"
Immer wenn Eugen ungeduldig werden wollte, dachte er an Babuschkas Worte.
Ob Kolka seine Mutter und Tante Marta finden würde? Eugen hatte sie nicht vergessen. Und Kolka wollte sie suchen, das hatte er ihm versprochen.
Kurz vor Weihnachten kam ein Brief von Kolka, aber von Tante Marta oder Eugens Mutter stand nichts drin. Babuschka atmete erleichtert auf.
Und dann kam ein Paket für Eugen mit einer Steppjacke und ein Paar dicken, warmen Filzstiefeln. Die waren sehr teuer, schrieb Kolka, aber sein kleiner Bruder sollte nicht frieren und es gut haben.
Tagsüber wurde es allmählich schon ganz schön warm. Nachts fror es zwar noch, doch der Frühling ließ sich nicht mehr aufhalten. Scharik und Dunka tobten um das Haus, auch sie spürten den Frühling. Eugen hatte diesen Winter viel über die Taiga gelesen. Die Lehrerin vom Dorf besuchte die Babuschka öfter und brachte aus der Schulbibliothek die Bücher für Eugen mit. Als Kolka schließlich seine Ankunft ankündigte, war Eugen mächtig aufgeregt.
Babuschka, gehen wir am gleichen Tag noch in die Taiga?" fragte er.
"Nein, mein Söhnchen. Es sind noch viele Vorbereitungen dafür nötig. Eine Woche dauert es ganz bestimmt, bis ihr loszieht."
Eine Angel sollte Kolka ihm mitbringen, er konnte sie sogar selbst bezahlen. Und einen Schlafsack, denn den brauchte man in der Taiga, hatte die Babuschka gesagt.
Ja, Eugen hatte mit der Vorbereitung schon begonnen. Der Schuster im Dorf hatte ihm ein Paar schöne Stiefel aus dunkelbraunem Leder geschenkt. Es waren die schönsten Stiefel im ganzen Dorf. Babuschka hat ihm aus Schaffell eine warme Jacke genäht, eine Mütze und Handschuhe. Eugen war also gut gerüstet! Und dann war es soweit. Heute oder morgen mußte Kolka kommen. Eugen konnte nicht verstehen, daß die Babuschka gar nicht aufgeregt war und noch Kuchen backen konnte. Er hatte für nichts mehr Zeit,
er stand den ganzen Tag an der großen Straße und wartete auf den Autobus, mit dem der große Bruder kommen sollte.
Als Kolka endlich schwer beladen ausstieg, lief Eugen auf ihn zu und umarmte ihn. Kolka lachte über das ganze Gesicht.
"Wie mächtig du gewachsen bist!"
Eugen war stolz auf Kolka. Alle Dorfbewohner standen vor ihren Häusern und winkten ihnen zu.
„Willkommen daheim!“ riefen sie. Kolka lachte, und winkte fröhlich zurück, seine Augen strahlten.
Dann ging es ans Planen und Vorbereiten. Was war nicht alles nötig! Ein Beil, ein fünfzig Meter langes Seil, Schlafsäcke, Kochgeschirr, Angeln mit Ersatztei¬len, Kleidung, Lebensmittel, Arznei und das, was Timofej bei Kolka bestellt hatte.
Endlich konnte es losgehen. Nachdem die Rucksäcke gepackt waren, nahmen Kolka und Eugen Abschied von der Babuschka und machten sich am 7. Mai auf den Weg.
Wir treffen uns am 1. Juni mit Timofej an der Biegung des Flusses Vilyuy (Filjui). Bis dahin haben wir Zeit genug, um unterwegs zu fischen und zu jagen. Ich muß mein kleiner Bruder noch einiges beibringen, was ein Taigajäger unbedingt können muß."
Dunka mußte diesmal bei Babuschka bleiben. Scharik durfte mit, er war inzwischen tüchtig gewachsen.
Kolka und Eugen waren nun schon neun Tage unterwegs. Der Abschied von der Babuschka war besonders Eugen schwergefallen. Aber es war ja nicht
für lange und das tröstete ihn. Eugen fragte und fragte, und Kolka erklärte ihm alles mit viel Geduld.
Abends waren beide immer todmüde. Sie machten ein großes Lagerfeuer, denn nachts war es noch empfindlich kalt. Das Feuer durfte nicht ausgehen.
„Es gibt viele große und kleine Flüsse in der Taiga'“ sagte Kolka, „aber nur wenige sind in den Karten verzeichnet. Die Taigajäger haben ihre eigenen Namen für sie. Nie darfst du vom Wasser weggehen. Höchstens so weit, daß du jederzeit zurückfindest! Wasser ist das Wichtigste in der Taiga. Hast du Wasser, hast du auch zu essen. In allen Flüssen und Bächen sind Fische. Das Wasser ist klar und kalt, du kannst also aus jedem Fluß trinken. Du mußt aber aufpassen, daß du nicht hineinfällst.
„Ich kann schwimmen", sagte Eugen stolz.
„Das ist gut", lobte Kolka ihn. „Aber in einem reißenden und kalten Fluß hilft dir das wenig."
Eugen wollte immer wieder Neues über Timofej hören.
„Wie alt ist er?“
„Wie alt? Das weiß ich nicht. Ich habe ihn vor einigen Jahren gefragt, da sagte er, viel zu alt. Ich habe mir darüber keine weitere Gedanken gemacht. Wir sind Freunde und da spielt das Alter keine Rolle.“
„Und wie sieht er aus?"
„Mittelgroß, sehr stämmig, weißes Haar und graugrüne Augen. Sein Gesicht ist voller Furchen, die Haut wie aus Leder. Er ist der beste Taigajäger, den es weit und breit gibt! Nur einmal hat er die Taigaverlassen, aber das ist schon viele Jahre her. Er spricht nicht gern darüber. Er wohnt in einem unzugänglichen Sumpfgebiet. Nur wenige kennen den Weg dorthin. Aber das wirst du ja alles sehen. Am 1. Juni treffen wir ihn.“
“Das sind ja noch genau sechs Tage", rechnete Eugen ungeduldig aus.
Die Nacht war so kalt, daß Kolka früh aufwachte. Er fror. Das Feuer war fast erloschen. Schnell legte er ein paar Stücke Holz nach, blies kräftig in die Glut und fachte das Feuer erneut an.
Als es stark genug brannte, ging Kolka zum Fluß hinunter. Sie lagerten schon zwei Tage an einem Nebenarm des Vilyuy. Er wusch sich, goß sich mit dem Kochtopf Wasser über den Kopf, um den restlichen Schlaf zu vertreiben, füllte den Kochtopf neu und ging zum Lagerplatz zurück. Er hängte den Topf an einen Dreifuß aus Eisen über das Feuer. Dann holte er Speck und Brot aus dem Rucksack.
Eugen schlief noch tief und fest. Scharik tat auch so, als ob er noch schliefe, nur ab und zu blinzelte er zu Kolka hinüber.
Als Kolka dann den Speck in die Pfanne tat und er zu schmoren anfing, hielt es Scharik nicht mehr aus. Er stand auf und kam zu Kolka, der Duft erwekte seine Begierde.
„Na, mein Freund, mir scheint du hast Hunger? Dann weck mal dein Herrchen!"
Scharik verstand, was er sollte. Er ging zu Eugen und stupste ihn mit der Schnauze ins Gesicht. Eugen erschrak und fuhr auf.
„Du verrücktes Vieh!“ schimpfte er, drehte sich um und kuschelte sich tiefer in seinen Schlafsack.
Kolka lachte: „Nichts da, mein Lieber! Aufstehen! Ab zum Fluß! Spritz dir einige Wassertropfen ins Gesicht und putz dir die Zähne."
„Ich hab sie erst gestern geputzt, sie sind gar nicht schmutzig, da schau!"
„Na gut", sagte Kolka. „Wir haben ja auch gestern erst gefrühstückt."
„Du bist ein ganz großer Spielverderber", maulte Eugen, nahm Handtuch, Zahnputzzeug und ging zum Fluß.
Kolka pfiff vor sich hin, er war mit sich und der Welt zufrieden. In sechs Tagen würden sie Timofej treffen, und dann würde es erst richtig schön werden.
Plötzlich hörte er vom Fluß her einen Schrei! Kolka fuhr in die Höhe. Da noch mal! Das war Eugen! Diesmal schon etwas entfernter. Kolka ließ alles fallen und hastete zum Fluß hinunter.
Da sah er Eugen in den Fluten untergehen. Ein eisiger Schreck durchfuhr ihn
„Eugen, Eugen!" schrie er. „Halt dich oben!"
Doch Eugen konnte ihn nicht hören, das Brausen des Wassers übertönte jeden Laut. Kolka rannte am Fluß entlang.
So kann ich Eugen schneller einholen, dachte er. Im Laufen zog er seine Pelzjacke aus und ließ sie einfach fallen. Mit den Augen suchte er den Fluß ab. Eugen trieb etwa in der Mitte, verschwand und kam wieder an die Oberfläche. Es sah aus, als ob Eugen die Nerven behielte und versuchte, mit dem Strom zu schwimmen.
Kolka hetzte den Fluß entlang. Er schrie, um Eugen auf sich aufmerksam zu machen, stolperte über Gestrüpp, schlug mit dem Kopf gegen herabhängende Äste. Weiter, nur weiter! Es mußte ja doch eine Stelle geben, wo er Eugen einholen konnte.
Plötzlich versperrte ein umgestürzter Baum seinen Weg. Er stolperte, fiel hin und blieb mit seinem rechten Fuß in einem Baumloch hängen. Ein wahn¬sinniger Schmerz durchfuhr ihn. Er blieb einige Sekunden liegen, dann trieb ihn die Angst um Eugen weiter. Konnte er ihn überhaupt noch retten? Er hatte ihn aus den Augen verloren. Wenn Eugen ertrunken wäre was sollte er nur seiner Mutter sagen?
Kolka schleppte sich weiter am Ufer entlang, wäh¬rend er den Fluß scharf beobachtete. Nichts war von Eugen zu sehen. Verzweifelt und am Ende seiner Kräfte ließ er sich auf die Erde fallen. So blieb er liegen.
Eugen versuchte, oben zu bleiben, und er merkte, daß er an das andere Ufer getrieben wurde. Von Kolka sah er nichts. Als der Fluß eine scharfe Biegung nach links machte, kam Eugen aus dem Sog heraus. Mit großer
Wucht wurde er an den Rand der Böschung geschleudert. Äste eines dichten Gestrüpps hingen da übers Wasser. Eugen griff danach. Das Wasser zog seine Beine weg. Ganz langsam hangelte sich Eugen an den Ästen entlang Zentimeter um Zentimeter. Endlich hatte er es geschafft, das Wasser unter ihm tobte und schäumte. Eugen zog sich auf das Gestrüpp. Weil er so leicht war, gab es kaum nach. Erschöpft blieb er liegen, aber seine Hände hielten krampfhaft die Zweige umklammert.
Als er sich etwas erholt hatte, schaute er sich um. Nichts als dichtes Gestrüpp, soweit er sehen konnte. Eugen stand auf und arbeitete sich mühsam vorwärts. Manchmal fiel er hin, zerkratzte sich Gesicht und Hände, gab aber nicht auf. Endlich erreichte er eine kleine Lichtung am Fluß. Er fror und schlotterte am ganzen Leibe. Angestrengt schaute er auf die andere Seite. Da bewegte sich etwas, und er konnte Scharik erkennen. Eugen rief und fuchtelte mit den Händen, aber leider sah Scharik ihn nicht. Die Angst, unentdeckt zu bleiben, war schrecklich. Verzweifelt brach er einen Ast ab und warf ihn nach dem Hund. Kurz vor der anderen Uferseite klatschte er ins Wasser.
Ruckartig hob Scharik den Kopf, schaute erst ins Wasser und dann zu Eugen.
„Er hat mich gesehen!“ schrie Eugen. „Er hat mich gesehen! Es ist wahnsinnig, er hat mich gesehen.“
Scharik hüpfte auf und ab, bellte zu Eugen herüber und machte Männchen und zeigte ihm alle Kunststückchen, die er gelernt hatte.
Eugen lachte und weinte vor Freude. „Ja, ja, bist mein guter Hund!" Dann verschwand Scharik.
Entsetzt starrte Eugen auf den leeren Platz. Scharik war verschwfunden. Doch da kam ihm der Gedanke, daß der Hund sicher Kolka holen wollte.
Aufmerksam schaute Eugen auf die andere Seite. Sich hinzusetzen, traute er sich nicht aus Angst, Kolka zu übersehen, wenn er ihn suchte. Er brach mehrere Zweige ab und legte sie sich so zurecht, damit er sie in den Fluß werfen konnte, um Kolka auf sich aufmerksam zu machen. Dann wartete er voller Ungeduld. Die Kälte kroch ganz langsam an ihm hoch, und ihm war erbärmlich zumute.
Wenn Kolka ihn hatte retten wollen und dabei ertrunken war? Eugen weinte verzweifelt.
Unterdessen wurde Kolka von einem heftigen Schmerz in die Wirklichkeit zurückgeholt. Sein Fuß tat höllisch weh, und sobald er ihn bewegte, wurde ihm schwarz vor Augen. Ich muß den Stiefel ausziehen, war sein erster klarer Gedanke. Doch das war leichter gedacht als getan, der Fuß war dick geschwollen und an ein Ausziehen nicht zu denken.
Kolka stand mühsam auf, humpelte bis zum nächsten Busch und säbelte sich mit seinem Taschenmesser einen dicken Zweig ab. Der würde ihm helfen, zum Lagerplatz zurückzukommen. Er mußte unbedingt versuchen, den Stiefel auszuziehen, und dann Schnapskompres¬sen machen.
Nur langsam kam Kolka voran, die Schmerzen wurden immer schlimmer. Es zuckte und brodelte im Fuß wie tausend Teufel. An Eugen mochter er nicht mehr denken, für ihn stand fest, der Junge ist ertrunken.
Als Kolka den umgestürzten Baum erreichte, der an seinem Unglück schuld war, lief ihm Scharik ent¬gegen.
Laut bellend sprang er an Kolka hoch.
„Ja, ja, bist ein guter Hund! Bist ein braver Hund! Warum weißt du nicht, wo Eugen ist? Wenn er ertrunken wäre! O mein Gott, wie soll ich das nur ertragen!"
Kolka stöhnte vor Schmerz, er schlug voller Wut und verzweifelt auf den umgestürz¬ten Baum. Scharik war verängstigt zur Seite gesprungen. Aber dann kam er zurück, hüpfte um Kolka herum, biß sich an seinem Ärmel fest und zog ihn fort. Da begriff Kolka, daß Scharik ihm etwas zeigen wollte. Er vergaß seinen Fuß und rannte hinter Scharik her, der laut bellend vorauslief.
Kolka biß die Zähne zusammen. Er war einer Ohnmacht nahe, so weh tat ihm sein Bein.
„Weiter, ich muß weiter", schrie er laut vor sich hin. „Eugen lebt, und Scharik hat ihn gefunden!"
Dann kam er zu der Stelle, wo Scharik stehengeblie¬ben war und laut bellte. Sosehr sich Kolka auch anstrengte, er sah zunächst nichts. Doch Scharik bellte weiter. Auf einmal bemerkte er, daß sich auf der anderen Seite etwas bewegte. Er sah, wie Eugen sich langsam vom Boden erhob. Kolka rief seinen Namen, doch das Getöse verschluckte jeden Laut.
Kolka winkte mit beiden Armen, und dann sah er, wie Eugen Stöckchen ins Wasser herüberwarf.
„Er hat mich gesehen, Scharik! Du bleibst hier, und ich hole schnell die Seile."
Mit Hilfe seines Stockes humpelte Kolka ins Lager und kam bald mit dem Seil zurück.
Eugen stand immer noch auf der gleichen Stelle und verfolgte aufmerksam, was Kolka tat, während Scha¬rik aufgeregt hin und her sprang und bellte.
Kolka zog sich aus und auch seinen linken Stiefel. Den rechten spannte er dann unter eine Wurzel und zog ihn vom Fuß, obwohl ihn der Schmerz fast besin¬nungslos machte, hielt er durch.
Er knüpfte das eine Ende des Seiles an einem Baum fest, das andere schlang er sich um den Bauch, dann ging er langsam ins Wasser. Es war furchtbar kalt, aber seinem Bein tat das gut. Er schwamm mit kräftigen Stößen auf die andere Seite.
Scharik verfolgte alles sehr aufmerksam. Er stand ganz still da.
Die Strömung trieb Kolka stark ab. Doch mit der Kraft, die er hatte, kam er etwa fünfzig Meter unterhalb von Eugens Standort ans Ufer. An den Ästen zog sich Kolka aus dem Wasser.
Beide fielen sich in die Arme und lachten vor Freude und Erleichterung.
„So, Eugen, häng dich auf meinen Rücken und schling deine Arme um meinen Hals. Deine Beine binde ich an meinem Bauch fest, dann kann der Sog dich nicht wegreißen."
Kolka ging wieder ins Wasser. Ihm war schlecht vor lauter Anstrengung und Schmerzen.
An dem Seil zog sich Kolka hinüber zu Scharik. Als die zwei fast schon am Ufer waren, sprang der Hund ins Wasser und wurde sofort von der Strömung erfaßt. Eugen schrie auf und ließ Kolkas Hals los. Hätte Kolka ihn nicht festgebunden, wäre Eugen wieder in große Gefahr geraten. Mit einer Hand griff Kolka nach hinten und bekam Eugen zu fassen.
Scharik arbeitete sich mit aller Kraft ans Ufer. Nur wenige Meter entfernt kam er heraus, schüttelte sich und lief zu Eugen und Kolka. Die zwei lagen völlig erschöpft auf der Erde und keuchten. Scharik fiel wie ein Wirbelsturm über Eugen her. Er leckte sein Gesicht, zauste ihn an den Haaren und wußte vor Freude nicht wohin.
Nachdem Kolka sich etwas erholt hatte, begann er langsam, sich anzuziehen. Das kostete ihn große Anstrengung, denn als er seine Stiefel nahm, wurde ihm erneut schlecht. Er fiel rücklings ins Gras. Eugen sah ihn erschrocken an.
„Was ist?"
Wortlos deutete Kolka auf sein Bein. Es sah nicht gut aus. Der Knöchel war unförmig angeschwollen. Was sollten sie tun?
„Wir gehen zurück zum Lagerplatz", sagte Kolka. „Du trägst die Seile und meine Pelzjacke, die irgendwo unterwegs liegen muß. Ich humple langsam hinterher. Mach gleich das Feuer wieder an."
Schnell band Eugen das Seil vom Baum los, rollte es über seinen Arm und verknotete es fachgerecht, wie er es von Kolka gelernt hatte. Dann schaute er zu Kolka, der mühsam in Richtung Lager humpelte. Das Seil umgehängt, in jeder Hand einen Stiefel, so ging Eugen an Kolka vorbei.
Scharik lief zwischen den beiden hin und her. Er konnte sich nicht entscheiden, bei wem er bleiben sollte.
„Geh, lauf zu Eugen!" rief Kolka ihm zu. Da bellte er freudig auf und lief davon.
Dicht am Lagerplatz fand Eugen die Jacke. Das Feuer war ausgegangen. Eifrig suchte er etwas trockenes Holz, holte aus dem Rucksack Streichhölzer und zündete es wieder an. Der fertige Tee hing noch über der Feuerstelle. Er war inzwischen kalt geworden, trotzdem trank Eugen eine Tasse davon. In der Pfanne war noch der gebratene Speck; essen konnte man ihn nicht mehr, denn er war zu einem Tummelplatz der Ameisen geworden.
Schnell leerte Eugen die Pfanne, säuberte sie und stellte sie wieder aufs Feuer. Dann holte er neuen Speck und schnitt zwei dicke Scheiben ab.
Als Kolka zum Lagerplatz kam, roch es schon nach Gebratenem.
„Oh, der Koch ist bei der Arbeit!" rief Kolka. „Ich habe einen riesengroßen Hunger!"
Eugen zog den Schlafsack dichter ans Feuer, und Kolka ließ sich mit einem tiefen Seufzer darauf nieder. Teller und Tasse, Brot und Messer legte Eugen griffbereit für Kolka zurecht, dann ließ auch er sich auf seinen Schlafsack fallen.
Scharik machte sich über den weggeworfenen Speck genüsslich her.
Nach dem Frühstück mußte Eugen eine Flasche mit Wodka aus dem Rucksack holen.
„Gib her", sagte Kolka, „Wir beide müssen einen kräftigen Schluck trinken, sonst werden wir krank“. Zuerst füllte er Eugens Tasse.
„Trink, mein kleiner Bruder, trink ohne abzusetzen. Schütte es einfach in dich hinein!“
Und genauso machte es Eugen. Er verschluckte sich, hustete und schüttelte sich wie ein Hund.
„Oh, pfui Teufel! Schmeckt das scheußlich!" Kolka lachte.
„Wenn du ein richtiger Mann werden willst, mußt du schon einen kräftigen Schluck vertragen."
„Lieber will ich kein richtiger Mann werden", sagte Eugen und schüttelte sich erneut.
Dann goß sich Kolka gleich zweimal hintereinander seine Tasse voll. Der Fuß tat entsetzlich weh.
„Ich muß den Schmerz töten", sagte er grinsend.
Eugen spürte, wie ihm der Wodka zu Kopf stieg. Er zog schnell die nassen Sachen aus und schlüpfte in seinen Schlafsack. Dann schlief er auch schon. Scharik legte sich ganz dicht neben ihn und bewachte seinen Schlaf.
Auch Kolka schlief bald ein, nachdem er sein Bein mit Wodka eingerieben hatte.
Es wurde schon dunkel, als Kolka erwachte; er wollte aufstehen und etwas Holz für die Nacht herbeischaffen. Als er sich aufrichtete, wurde ihm schwarz vor Augen. Aufstöhnend legte er sich wieder zurück.
„So ein verdammter Mist!" schimpfte er.
Schwanzwedelnd kam Scharik zu ihm und leckte sein Gesicht.
„Hast ja recht! Wir leben alle drei, und das ist die Hauptsache. Das bißchen Schmerz geht bald vorüber!“
Als auch Eugen aufwachte, bat Kolka ihn, Holz zu holen.
„Geh aber nicht zu weit weg. Ich muß dich immer im Auge behalten."
Eugen stand auf, und sofort wurde ihm speiübel. Das war der Wodka. Schnell mußte er hinter einen Baum springen und sich übergeben.
„Oh, mir ist so schlecht", jammerte er. „Ich muß sterben! Nie wieder trinke ich Wodka, nie in meinem ganzen Leben mehr!"
„So schnell stirbt es sich nicht. Komm, hol Holz! Sonst wird dein Leben nicht allzulange dauern“, brummte Kolka. „Wir brauchen ein Feuer in der Nacht wegen der wilden Tiere, es hält uns Luchs und Wolf fern.
Mit dem Beil in der Hand ging Eugen zur nächsten Tanne. Er hackte die Äste ab, soweit er hinaufreichte, und schleppte sie zu Kolka. Der zerbrach sie in kleine Stücke und legte das Holz griffbereit neben sich.
„Ich kann doch nicht schlafen heute nacht", sagte er, „mein Fuß tut entsetzlich weh. Du mußt noch Wasser holen, aber ich seile dich an. Zum Fluß darfst du nie mehr ohne Seil um den Bauch. Ich kann nicht mehr laufen. Du mußt jetzt zeigen, was du kannst."
Die Schläge von Eugens Axt hallten durch den Wald. Er arbeitete schnell und sicher. Bei Kolka hatte er in den letzten Tagen viel gelernt, das konnte er jetzt gut gebrauchen.
Als genug Holz für die Nacht geschlagen war, nahm er den Teekessel und den kleinen Eimer, um Wasser zu holen. Kolka schlang Eugen ein Seilende um den Bauch, während Eugen das andere Ende um einen dünnen Baum in Kolkas Nähe binden mußte.
„SO kann ich dich herausziehen, falls du wieder hineinfällst", witzelte Kolka.
„Du behandelst mich ja wie ein kleines Kind!" maulte Eugen.
„Du bist wohl noch nie ins Wasser gefallen?"
„Langsam, langsam, mein Kleiner. Ich meinte es nicht so. Ich bin doch froh, daß ich dich wiederhabe." Eugen zockelte los, Scharik hinterdrein. Es dauerte nicht lange, da kam er schon mit dem Wasser zurück. „Hier, nimm das Handtuch", sagte Kolka, „tauch es in den Eimer und mache mir damit kalte Umschläge. In meinem Bein zockt und pocht es wie in einem Motorenwerk!"
Eugen versuchte, so vorsichtig wie möglich zu sein, trotzdem verzog Kolka das Gesicht vor Schmerzen. Um ihn abzulenken, bat Eugen ihn, ihm von Timofej zu erzählen.
„Warte, mein Brüderchen, sei nicht so ungeduldig. Es dauert ja nicht mehr lange, und wir treffen Timofej und seinen Hund Barbos."
„Hat er einen großen Hund?"
„Das wirst du noch alles sehen, gib jetzt endlich Ruhe und schlaf!“
Gehorsam schloß Eugen die Augen und schlief bald ein. Nur Kolka konnte keinen Schlaf finden. Er mußte über so vieles nachdenken. Zudem wußte er nicht, wie er sein Bein halten oder legen sollte. Es zuckte und riß fürchterlich im Knöchel. Viel hatte er von dieser schönen Taiganacht nicht. Sonst horchte er auf die verschiedenen Stimmen der Nacht, auf das Fiepen der Mäuse, auf das Rascheln der Bäume. jetzt aber wartete er ungeduldig auf den Morgen.
Als es etwas heller wurde, schlief Kolka doch noch ein. Der Nebel war vergangen, die Luft war frisch und rein.
„Ich könnte Bäume ausreißen!" rief Eugen. Scharik sprang sofort auf und zauste ihn an den Haaren. War sein Herr so gut aufgelegt, dann war auch er es.
„Na dann, auf geht's!" Eugen schlüpfte aus dem Schlafsack und gähnte.
Bedrückt sah Kolka ihm zu. Bei ihm war an ein Aufstehen nicht zu denken. Er wollte Eugen nur nicht erschrecken.
„Stehst du nicht auf?" fragte ihn Eugen.
„Nein, heute mußt du schon alleine die Bäume ausreißen. Mein Fuß muß noch Ruhe haben. Geh und hol Wasser zum Teekochen. Leg auch die Angel aus, wir brauchen etwas zum Frühstück."
Eugen lachte vor sich hin.
„Weißt du, Kolka, daß ich gestern ins Wasser gefallen bin, hat auch sein Gutes gehabt."
„Wie meinst du das? Was kann daran gut sein?“
„Meine Zahnbürste ist weg. Ich brauche mir jetzt die Zähne nicht mehr zu putzen, solange wir in der Taiga sind!“
„Dann bist du ein Ferkel!" Eugen lachte laut.
„Egal! Nenne wie du es willst. Ferkel oder nicht. Ich habe keine Zahnbürste, und das ist eine Tatsache."
Eugen ging Wasser holen. Als er ein Stück fort war, rief Kolka ihn zurück.
„Was habe ich dir gestern gesagt, mein Brüderchen?" fragte er. Eugen überlegte, kam aber nicht darauf.
„Schlag mich tot, ich weiß es nicht mehr."
„Gib mir das Seil her", dabei zeigte Kolka auf den Strick, der immer noch an dem Baum festgebunden war. Eugen wurde ärgerlich.
„Ich will das nicht", sagte er und stampfte mit dem Fuß auf.
„Nichts zu machen, Brüderchen, komm her! Ich kann für dich nichts mehr tun, wenn du noch mal in den Fluß fällst. Du weißt, daß um diese Jahreszeit fast alle Flüsse der Taiga reißendes Wasser führen. In den Bergen taut der Schnee. Das ganze Wasser braust zu Tal und füllt die Flüsse." Kolka band Eugen fest. „SO jetzt ab mit dir."
Wenn ihm auch das Seil um seinen Bauch nicht paßte und er sich lächerlich vorkam, so war Eugen doch auch stolz, daß er jetzt der Mann im Lager war. Er mußte für alles sorgen. Schnell lief er zum Fluß hinunter. Das Seil schleppte er hinter sich her. Scharik hielt das für eine Aufforderung zum Spielen. Er stürzte sich darauf, biß sich fest und brachte Eugen zu Fall. Eimer und Kochtopf polterten scheppernd zu Boden.
Scharik war wie toll vor lauter Ausgelassenheit. Er gab erst Ruhe, als Kolka mit ihm schimpfte. Beleidigt legte er sich ein Stück vom Feuer weg.
In kurzer Zeit angelte Eugen drei schöne große Forellen.
„Ist das nicht wunderbar?" rief er. „Kaum ist die Angel im Wasser, und schon hängt eine Forelle dran."
Kolka nahm einen Fisch, entgrätete ihn und gab ihn Scharik.
„Das mußt du auch immer so machen", sagte er zu Eugen. „Sonst kann es sein, daß dein Scharik mal an einer Gräte erstickt."
Vier Tage später holte Eugen einen großen Hecht aus dem Fluß. Er schrie vor Aufregung ganz laut. Kolka fürchtete das Schlimmste und zog wie ein Verrückter am Seil. Für Eugen war das eine komische Situation. Vorne zog der Hecht ihn fast ins Wasser, und hinten zerrte Kolka ihn die Böschung rauf. So blieb ihm nichts anderes übrig, als sich gegen beide zu wehren. Er gab dem Hecht mehr Leine, um Zeit zu gewinnen, sich einen festeren Halt zu schaffen. Scharik sprang um ihn herum und bellte aufgeregt. Der Hecht kämpfte lange um sein Leben, aber Eugen gab nicht auf. Dann hatte er es geschafft und zog ihn an Land. Der Hecht war so groß, daß Eugen erschrak. Mit einem Knüppel schlug er ihm einige Male über den Kopf. Scharik sprang auf den Hecht los und biß ihm ins Genick.
„Du bist ein ganz abscheulicher Hund“, schimpfte Eugen, „meinen Fisch so zuzurichten! Pfui, schäm dich!"
Scharik störte das Geschimpfe diesmal nicht. Er sprang wie ein Wilder um den Hecht herum.
„Zieh, Kolka, zieh mich rauf“, rief Eugen. „Ich habe einen riesigen großen Fisch gefangen. Ich kann ihn kaum tragen. Zieh doch!“
Kolka zog beide die Böschung herauf.
„Bist ein Teufelskerl, Eugen! Besser hätte ich es auch nicht machen können. Was meinst du, wie wir uns den Hecht schmecken lassen! Komm, hol gleich Wasser und gib mir den Fisch. Ich werde ihn putzen.¬ Dabei konnte Kolka sich kaum bewegen. Sein Bein sah schlimm aus ganz blau bis an die Wade. Sein Fuß war zu einem dicken, unförmigen Klumpen ange¬schwollen. Er hatte keinen Appetit und aß nur, um bei Kräften zu bleiben. Die Sorgen um Eugen quälten ihn sehr, denn der Fuß wurde nicht besser, trotz der Umschläge mit dem Schnaps. Seine einzige Hoffnung war, daß Timofej vorzeitig am Treffpunkt ankommen und ihnen entge¬gengehen würde.
Kolka zerlegte den Hecht in kleinere Stücke, spießte einige davon auf und hielt sie über das Feuer. Bald roch es herrlich nach gebratenem Fisch. Scharik ließ kein Auge von den Spießen.
„Du, Kolka, weißt du, an wen ich jetzt gerade denke?"
„Nein, aber sicher sagst du es mir."
„Ich denke an die Babuschka. Es wäre herrlich, wenn sie jetzt da wäre, um mit uns Fisch zu essen."
„Hast wohl Sehnsucht nach der Babuschka?" "Ja, sehr! Bei ihr war es schön, und auch bei Tante Marta.
Hast du nach meiner Mutter gesucht? Du wolltest das doch in Moskau tun!"
„Ja. Ich habe auch das Rote Kreuz in Moskau angeschrieben, war zweimal selber dort. Die sagten jedesmal, deine Mutter sei nirgends zu finden. Wir sollten warten. Das könne Jahre dauern, und wenn sie sie gefunden hätten, dann gäben sie der Babuschka Nachricht."
„Morgen ist der 1. Juni. Morgen wird Timofej sicher auf uns warten“, sagte Eugen. „Wird er uns suchen wenn wir nicht am Treffpunkt sind?“ Kolka lächelte.
„Ganz bestimmt sucht er uns, und da gibt es nur diesen Weg, um uns zu finden."
Die Schmerzen wurden immer unerträglicher. Kolka konnte es auch nicht mehr vor Eugen verbergen. Er stöhnte und jammerte. Mit Schlafen und Essen war es aus. Eugen machte immer wieder kalte Umschläge. Das war das einzige, was er tun konnte. Kolka konnte das Bein überhaupt nicht mehr bewegen.
„Geh, hol Hilfe!" schrie er Eugen an. „Geh, sonst muß ich hier ehlend sterben!" Erschrocken schaute Eugen ihn an.
„Woher soll ich denn Hilfe holen? Soll ich zurückgehen? Das dauert doch zu lange, bis dahin bist du ja verhungert!“
„Ist mir egal! Ich krepiere sowieso. Geh den Fluß entlang, bis du Timofej triffst. Er soll schneller kommen. Nimm Scharik mit und mein Gewehr.
Schießen habe ich dir ja beigebracht. Geh! Geh!" schrie Kolka. „Ich halte das nicht mehr aus. Es bringt mich um. Hol das Beil und hack mein Bein ab!"
Am ganzen Körper zitternd stand Eugen da und schaute auf seinen großen Freund, unfähig, sich von der Stelle zu rühren. Scharik spürte auch, daß etwas Schlimmes geschehen war. Er verkroch sich im Gebüsch und winselte.
Nach diesem Ausbruch holte Eugen aus dem Ruck¬sack die letzte Flasche Wodka und gab Kolka zu trinken.
„Trink! Trink einfach, bist du besoffen bist, dann kannst du vielleicht ein bißchen schlafen."
Eugen schleppte sehr viel Holz herbei, denn das brauchte Kolka für die Nacht. Es würde eine harte Nacht werden, so viel war sicher.
Kolka lag ganz still. War er bewußtlos? Oder tat der Wodka seine Wirkung? Eugen hatte Angst um ihn. Erleichtert, daß Kolka wenigstens nicht mehr schrie, schürte er das Feuer. Das nasse Holz brannte nicht so schnell. Es gab viel Rauch, und das war gut so, sonst wäre die Schnakenplage noch ärger gewesen. Manch¬mal waren sie so zerstochen, daß Gesicht und Hände dick geschwollen waren.
Am anderen Morgen Eugen machte gerade das Frühstück sprang Scharik plötzlich auf und fing an zu bellen. Dann lief er zum Fluß.
Erschrocken griff Eugen nach dem Gewehr und schaute zu Kolka. Der schlief nicht, er wimmerte leise vor sich hin.
Eugen hörte, wie Scharik mit einem Tier kämpfte. Es muß ein Wolf sein, dachte Eugen. Schnell lief er zum Fluß hinunter. Dort sah er, daß Scharik sich tatsäch¬lich mit einem außergewöhnlich großen Wolf in den Haaren hatte. Und Eugen sah auch, daß Scharik der Verlierer sein würde. Er zielte, kam aber nicht zum Schuß.
Plötzlich erschallte ein Ruf: „Barbos, zurück!" Dann ein lauter Pfiff. Eugen fuhr herum. Hinter ihm stand ein Mann.
Die Hunde gingen sofort auseinander, Barbos kam zu seinem Herrn. Scharik blieb sitzen und leckte seine Wunden.
„Wenn das Barbos ist", sagte Eugen, „sind Sie Timofej! Schnell, kommen Sie zu Kolka, er ist sehr krank."
Eugen rannte voraus, Timofej lief hinter ihm her. Allen voran Barbos; der arg mitgenommene Scharik torkelte hinterdrein.
Kolka hatte gehört, daß irgend etwas im Gange war, er richtete sich auf, so gut er konnte. Er schaute den Pfad hinunter, der zum Fluß führte. Als er Timofej erkannte, sank er erleichtert zurück und schloß die Augen.
„Gott sei Dank!" sagte er laut vor sich hin. „Jetzt wird alles gut."
Mit wenigen Schritten war Timofej bei Kolka, kniete sich neben ihn und umarmte ihn.
„Kolka, mein Söhnchen! Was machst du denn für dumme Sachen! Was ist los?"
„Timofej! Mein Fuß! Mein Fuß! Ich glaube, er ist gebrochen!"
Was Timofej nun zu sehen bekam, entsetzte ihn!
„Das ist ja furchtbar! Du mußt sofort in ein Krankenhaus! Nur da können sie deinen Fuß, ja, dein Leben retten. Du kannst den Brand bekommen!"
Kolka hörte alles wie im Nebel. Die Schmerzen waren so stark, daß er seine ganze Kraft brauchte, um nicht laut zu schreien.
„Wir haben keine Zeit zu verlieren", wandte sich Timofej an Eugen. „Wir müssen ein Floß bauen. Dazu dürfen wir nicht mehr als fünf Stunden brauchen. Wie heißt du eigentlich? Und warum bist du mit Kolka hier?"
„Ich heiße Eugen, und...
„Laß mal", fiel Timofej ihm ins Wort, „das kannst du mir ein anderes Mal erzählen. Jetzt haben wir keine Zeit dafür."
Mit der Axt und dem Seil, das er vom Baum löste, rannte Timofej zum Fluß hinunter. Dort fing er an, mitteldicke Bäume zu schlagen. jeder Hieb drang tief ins Holz.
„Komm", rief er Eugen zu. „Nimm deine Axt und hack die alle Äste ab. Wir binden die Stämme mit denSeilen zusammen. Es muß alles sehr schnell gehen. Sonst stirbt uns Kolka, bevor wir das Floß fertig haben.
Still und verbissen arbeiteten der alte Mann und der Junge. Barbos und Scharik blieben bei dem Kranken. Ein Kleidungsstück nach dem andern legte Timofej ab. Er war
in Schweiß gebadet, sein einziger Gedanke war, Kolka zu retten.
Gegen zwei Uhr nachmittags endlich war das Floß fertig und im Fluß verankert.
Timofej und Eugen liefen zum Lagerplatz.
„Was ist?" fragte Kolka. „Habt ihr das Floß fertig?" „Ja, mein Junge, und gleich geht es los mit der lustigen Flosdahrt! Du wirst sehen, morgen gegen Abend haben wir den Vilyuy Fluß erreicht. Von da aus ist es nicht mehr weit nach Jetgul. Ich habe dort einen Freund, der bringt dich mit einem Zugschlitten* ins Krankenhaus nach Beregul. Dann haben wir es geschafft, mein Junge, und deine Mutter kann dich bald wieder umarmen."
Eugen konnte nicht mehr denken. Todmüde und hungrig wie ein Wolf torkelte er hin und her. Timofej sah ihn besorgt an.
„Was ist? Mach bloß nicht schlapp! Sonst können wir uns gleich hinlegen und alles sein lassen! Ich brauche dich sehr, mein Junge. Ohne dich bringe ich Kolka nicht fort. Ich habe etwas zu essen in meinem Rucksack. Das kannst du dann auf dem Floß bekommen. Kopf hoch! Reiß dich zusammen!“
Eugen strengte sich doppelt an. Er wollte ja auch, daß sein großer Bruder, sein einziger Freund, gerettet wurde!
Timofej nahm Kolka auf den Rücken und trug ihn auf das Floß. Vorsichtig legte er ihn auf das vorbereitete Lager. Mit zwei dünnen Stricken band er ihn fest. Eugen schleppte seinen und Kolkas Rucksack aufs Floß. Dann ging er noch mal mit Timofej ins Lager und holte die restlichen Sachen.
„Wir müssen auf die Gewehre aufpassen", sagte Timofej. Er wickelte beide in eine Decke und band sie an Kolka fest. Barbos stand ganz ruhig da. Er hatte das schon oft gesehen und war schon mehrmals auf einem Floß gefahren. Scharik dagegen kannte so etwas noch nicht. Er war aufgeregt. Am Ufer lief er hin und her und sprang im letzten Augenblick zu Eugen aufs Floß. Timofej stieß vom Ufer ab. Sofort wurden sie von der Strömung erfaßt und flußabwärts getrieben. Eine lange Stange diente als Ruder.
*Einen Zugschlitten eine Art Trage besteht aus zwei langen Stangen, die durch Querverbindungen zusammengehalten werden. Er wird gezogen, die unteren Enden schleifen nach. Indianer haben ähnliche Schlitten.
„Am schwierigsten ist es an der Biegung", meinte Timofej. „Da müssen wir höllisch aufpassen."
Wäre der Anlaß zu dieser Floßfahrt nicht so ernst gewesen, hätte es eine lustige Reise werden können.
So aber mußten sie sehen, möglichst schnell und gut nach Jetgul zu kommen.
Vorbei an der Biegung, vorbei an umgestürzten Bäumen, die halb im Fluß lagen, vorbei an vielen schönen Stellen. Doch Eugen und Timofej hatten für die wilde Schönheit der Taiga keine Zeit. Das Floß trieb Jetgul zu.
Stolz und sicher stand Timofej vorn und steuerte es flußabwärts. Er hat Kraft und Ausdauer, dachte Eugen, er ist stark wie ein Bär.
„Schlaf ein bißchen, Eugen", riet Timofej ihm, "du mußt auch mal ans Ruder wenn wir im ruhiges Wasser kommen.
Erschrocken sah Eugen ihn an. „Das kann ich nicht!" sagte er. „Es gibt nichts, was man nicht lernen kann; ich zeige es dir, dann kannst du es auch."
Kolka war gleich wieder eingeschlafen, aber es war mehr Ohnmacht als Schlaf.
Als es dunkel wurde, suchte Timofej einen Ankerplatz. An einem dicken Baum band er das Floß fest. Die beiden Hunde sprangen als erste an Land. Dann ging Timofej hinterher.
„Du, Eugen, bleibst bei Kolka, bis ich einen Lagerplatz geschaffen habe."
Timofej hackte das Unterholz ab und entfachte ein großes Feuer. Dann kam er zurück und holte Kolkas Schlafsack, den er ans Feuer legte.
Eugen schleppte die Rucksäcke und Gewehre zum
Lagerplatz. Zuletzt holte Timofej den Kranken, der bis jetzt geschlafen hatte. Kolka öffnete die Augen und lächelte seinen alten Freund dankbar an.
„Danke, Timofej, danke! Ich habe noch eine große Bitte an dich. Wenn ich im Krankenhaus bin, nimm Eugen mit in die Taiga. Ich mache mir große Sorgen um ihn. Er hat keine Mutter und keinen Vater mehr. Er ist uns zugelaufen wie ein Hund. Meine Mutter will ihn behalten, und ich will es auch. In Moskau habe ich versucht, seine Mutter zu finden. Beim Roten Kreuz ist sie nicht gemeldet. Es kam mir vor wie eine Gottesfügung. Jetzt gehört er zu uns. Er ist mein kleiner Bruder. Paß gut auf ihn auf. Wenn ich gesund bin, hole ich ihn bei dir ab“.
„Du kannst ihn doch nicht behalten wie einen zugelaufenen Hund, wenn ich deine Worte gebrau¬chen darf. Das kannst du nicht machen. Er hat eine Mutter, und die sucht ihn sicher. Bestimmt hat sie um ihn schon viele Tränen vergossen!"
Kolka schaute seinen alten Freund stumm an, dann wendete er sich ab.
Recht hat er! Dachte Kolka. Wir dürfen Eugens Mutter nicht vergessen. Wir müssen alles tun, um sie zu finden.
„Komm, du mußt etwas essen", sagte Timofej zu Kolka. „Hier, nimm das Fleisch und iß. Zu trinken gibt es schönes kaltes Wasser aus dem Vilyuy."
Als die Sonne aufging, stieg auch die Hoffnung bei den dreien auf dem Floß, die Hoffnung auf ein gutes Ende.
In Jetgul, das nur aus vier Häusern bestand, kamen die Leute zum Fluß gelaufen. Sofort wurde Kolka vom Floß geholt und ins Dorf getragen. Die Zähne fest zusammengebissen, hielt er die Schmerzen aus. Die Hauptsache war, daß er so schnell wie möglich ins Krankenhaus kam. Mit einem Schleppschlitten, der mit Heu gepolstert wurde, brachten ihn zwei Männer nach Beregul. Sein Rucksack und sein Gewehr blieben bei Mitja Iwanowitsch, dem Pelzhändler.
Mit Timofej machte Kolka aus, daß er sich in acht Wochen bei Mitja erkundigen solle, wie es ihm gehe. Vom Krankenhaus aus wollte er auch seiner Mutter schreiben.
„In sechs Wochen bin ich gesund", sagte Kolka zu Eugen, „dann gehe ich mit euch in die Taiga zurück. Bis dahin bleibst du bei Timofej. Sei brav und lerne viel von ihm. Er ist der beste Jäger und Lehrmeister in der Taiga."
Eugen weinte beim Abschied.
„Du kommst bestimmt und holst mich?" fragte er mit weinerlicher Stimme. „Du vergißt mich ganz sicher nicht?"
„Nein, wie sollte ich meinen kleinen Bruder vergessen?"
Lange standen Timofej und Eugen mit ihren Hunden da und schauten Kolka nach.
„Auf Wiedersehen", flüsterte Eugen leise. „Auf Wiedersehen in Jetgul."
Zwei Tage blieb Timofej mit Eugen in Jetgul. Sie ruhten aus und aßen tüchtig.
„Wir brauchen viel Kraft, mein Junge", sagte Timofej. „Es dauert drei Wochen, bis wir meine Hütte erreichen. Oder willst du hierbleiben und auf Kolka warten?"
Nein, das wollte Eugen natürlich nicht. Timofej war Kolkas Freund, also hatte er zu ihm auch Vertrauen.
Ausgeruht und froh, die Rucksäcke mit Lebensmitteln gefüllt, machten sie sich auf den Weg. Die Hunde hatten inzwischen Freundschaft geschlossen, sie liefen fröhlich voraus.
„Wir lassen uns Zeit. Mit dem vielen Gepäck kommen wir sowieso nur langsam voran", sagte Timofej. „Ich weiß viele Abkürzungen, so können wir manchen Kilometer sparen.
Sie würden nun viele Wochen allein miteinander sein, der Mann und der Junge. Sie werden sich ganz bestimmt näher kommen. Sie musterten sich verstohlen, einer den anderen.
Plötzlich blieb Eugen stehen.
„Ich möchte was fragen, Herr Timofej." Timofej drehte sich rasch zu Eugen um. "Herr Timofej! Das klingt ja lächerlich. Herr Timofej, das kann ich nur lachen, mein Söhnchen. Nein, ein Herr, daß bin ich schon lange nicht mehr. Warte, das muß im Jahre 1904 gewesen sein. Damals war ich 22 Jahre alt und lebte in Moskau! In Moskau auf der Universität, ja, da war ich ein Herr. Kein großer! Nein, nein! Aber ein Herr mit schönen Kleidern und feinen Manieren. Meine Eltern waren nicht reich, aber reich genug, um mich studieren zu lassen." Timofej lächelte still vor sich hin.
„Oh, was war ich doch damals, für ein - schneidiger Junger Bursche. Die Welt wollte ich aus den Angeln heben. Und was ist aus mir geworden? Ein Mann, der schon viele, viele Jahre in der Taiga lebt und den Menschen aus dem Wege geht."
„Wie lange leben Sie schon in der Taiga?" fragte Eugen.
„Ein Taigajäger läßt sich nicht mit ‚Sie' anreden, Eugen, sag zu mir einfach Timofej. Oder noch besser, sag Großväterchen Timofej. Das würde mir sehr gefallen. Willst du?"
„Ja, Großväterchen Timofej, ich will!"
Eugen lachte, und er wurde richtig froh. Jetzt hatte er eine Babuschka, einen Bruder und nun auch noch ein Großväterchen. So langsam habe ich eine Familie, dachte er.
„Wie alt bist du, Großväterchen?"
„Ich glaube, 67, ja, 67 bin ich im Mai geworden. Geboren wurde ich 1882, jetzt schreibt man das Jahr 1949, also bin ich 67 Jahre."
„Warum lebst du in der Taiga?“
„Warum? Das ist eine unendlich lange Geschichte, die kann ich dir nicht auf einmal erzählen. Vielleicht fange ich heute abend am Lagerfeuer an. Jetzt wollen wir tüchtig marschieren, damit wir unser Mittagessen verdienen. Du wirst sehen, wie gut es sich in der Taiga leben läßt. Ich habe alles, was ich brauche: eine gute und warme Hütte und einen treuen Hund und ich bin gesund"
„Ist es sehr weit bis zu deiner Hütte?" Großväterchen?
„Mit dir brauche ich drei Wochen; wenn ich allein gehe, dann nur zwei. Ich möchte dir viel zeigen. Du sollst viel zu erzählen haben, wenn du wieder bei deiner Mutter bist."
„Und angeln", fiel ihm Eugen ins Wort, „werden wir auch angeln?"
„Sicher werden wir das. Ich zeige dir, wie man einen Riesenhecht angelt, oder. . ."
„Wie man einen Hecht angelt, weiß ich schon, Großväterchen Timofej.“
„Oder den edelsten Fisch aller Fische!"
„Und welcher ist das?“
„Die Forelle. Sie schmeckt am besten. Zart, daß sie einem auf der Zunge zergeht. In jedem Fluß der Taiga, und ist er noch so klein, sind Forellen. Die Forelle liebt fließendes kaltes Wasser. Ein Jäger, der etwas von der Jagd versteht, braucht in der Taiga keinen Hunger zu leiden. Heute angeln wir aber nicht, heute gibt es Pilze. Ich habe das Floß bei Mitja gegen eine Bauchspeckseite eingetauscht. Das Wichtigste für einen Taigajäger sind warme Kleidung, Streichhölzer, ein Gewehr, eine Angel und eine geräucherte Speckseite. Alles andere gibt ihm die Taiga, wenn er seine Augen offen hat. Im Wald darf man nicht schlafen, mein Junge, da braucht man vier Ohren und hinten und vorne Augen!"
Eugen wurde es nicht leid, Timofej zuzuhören.
„Weißt du", fuhr Timofej fort, „wenn wir heute Pilze finden, tun wir die mit dem Speck in die Pfanne. Das schmeckt besser als in Moskaus feinstem Hotel."
Moskau, da war wieder das Wort. Komisch, dachte Timofej, ich bin so gesprächig. Das liegt sicher daran, daß ich sonst immer allein bin und der Junge so viel fragt.
Der Tag ging seinem Ende zu. Timofej und Eugen suchten nach einem günstigen Lagerplatz.
„Er muß windgeschützt und trocken sein", sagte Timofej.
Nach dem herrlichen Mittagessen sollte es zum Abendessen Krebse geben, daß hatte Großväterchen ihm versprochen. Eugen konnte es kaum erwarten und war sehr gespannt, bis es soweit war.
Timofej hatte ihm heute an einem kleinen Bach mit wenig Wasser und vielen Steinen gezeigt, wie man Krebse fängt.
Timofej drehte die Steine um, und darunter in den Steinhöhlen steckten sie, dicke große Tiere mit furchteinflößenden Scheren.
Eugen hatte zuerst Angst, einen Krebs anzufassen.
„Schau her, so mußt du es machen" erklärte Timofej. Er packte mit Daumen und Zeigefinger den Kopf der Krebse hinter den Scheren.
„So können sie dir überhaupt nichts tun."
Und nun sollten die Krebse am Lagerfeuer gekocht werden.
„Dazu gibt es Tee aus schönen frischen Kräutern", sagte Timofej. „Ich war noch niemals krank, seit ich in der Taiga lebe. Nicht mal Zahnschmerzen hatte ich, Aber wir Jäger, die ihr ganzes Leben, ob Sommer, ob Winter, in der Taiga verbringen, sind längst nicht so anfällig, wie die Leute in der Stadt. Wir können schon etwas aushalten."
Eugen hörte gespannt zu.
„Erzähl weiter, Großväterchen Timofej, erzähl mir, wie es im Winter ist."
Timofej schaute Eugen an. Im Winter wirst du vielleicht schon bei deiner Mutter sein, wirst auf einer warmen Ofenbank sitzen und an den alten Timofej denken. Du kannst mir glauben, Söhnchen, die Taiga ist nicht immer schön und friedlich wie jetzt. Du hast dir die schönste Zeit ausgesucht. Kolka kommt auch nur im Sommer hier her. Im Winter brausen wochenlang Schneestürme und eisige Winde durch die Taiga. Die Vögel sind fort, das Laub ist abgefallen. Ich kann meine Hütte nicht verlassen. Das heißt also, auf die Jagd zu gehen ist auch nicht mehr möglich. Dann muß ich von dem leben, was ich für den Winter gesammelt habe. Es kommt schon mal vor, daß Wölfe Tag und Nacht meine Hütte belagern. So einen Winter möchte ich dir nicht zumuten."
In dieser Nacht dachte Eugen lange über die letzten
Tage nach, ehe er einschlief. Scharik dicht an seiner Seite, daneben Großväterchen Timofej. Barbos mußte Wache halten, er hatte sein Lager draußen neben der Tür. Er war ein außergewöhnlicher Hund: groß, schlank, tiefschwarz und äußerst wachsam. Ihm entging nichts, nicht das kleinste Lebewesen.
„Einmal", so hatte Timofej erzählt, „habe ich mich fast totgelacht. Barbos jagte eine Maus. Sie verschwand unter einem dicken Ast. Barbos drückte seine Schnauze, soweit es ging, dagegen. Plötzlich heulte er auf und sprang zurück. Die kleine freche Maus hing an seiner Oberlippe. Er schüttelte den Kopf die kleine Maus flog hin und her. So sehr er auch jaulte und sich schüttelte, die Maus ließ nicht los. Sie hatte sich so verbissen, daß sie nicht von alleine loskommen konnte. Ich drückte den Kiefer der Maus auseinander, und Barbos war frei. Seither hat dieser große Lappel Angst vor einer kleinen Maus!"
Am anderen Morgen wachte Eugen vom Geklapper des Geschirrs auf. Großväterchen Timofej saß am Feuer und rührte in der Pfanne. Das Teewasser summte. Es roch herrlich nach gebratenem Speck und Pilzen. Der Tisch war schon gedeckt. Von Scharik und Barbos war nichts zu sehen. Timofej sah so zufrieden aus, und ab und zu huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Woran dachte er wohl, ging es Eugen durch den Kopf.
„Guten Morgen, mein Söhnchen! Aufstehen, waschen und kämmen, dann gibt es das herrlichste Frühstück auf der Welt!"
„Du hast vergessen, daß zum Waschen und Kämmen auch noch Zähneputzen gehört", sagte Eugen.
„Das kannst du machen, wie du willst. Ich halte das für neumodischen Kram. Schau her, ich habe noch alle meine Zähne, und sie haben nie eine Zahnbürste gesehen. Du mußt dich nur natürlich ernähren, aber das lernst du alles noch. Beeile dich, sonst verbruzzelt unser Frühstück."
„Wo sind denn die Hunde?" Großväterchen?
„Die suchen sich ihr Frühstück", antwortete Timofej. „Scharik hat sein Fressen bis jetzt immer von mir und Kolka bekommen." Eugens Stimme klang etwas besorgt.
„Natürlich bekommen die Hunde nachher ihren Teil, es schadet aber nichts, wenn sie sich auch selber etwas suchen müssen."
Eugen hatte einen Bärenhunger. Ihm schmeckten Speck und Pilze wunderbar. Dazu gab es Tee und Brot.
„Wir haben nicht immer Brot", sagte Timofej. „Manchmal, wenn befreundete Jäger zu mir in die Hütte kommen, bringen sie welches mit. Oder ich backe selber."
Eugen starrte Timofej ungläubig an., „Was? Du bäckst selber Brot?"
„Natürlich. Ich habe mir in meiner Hütte einen Ofen gebaut und kann darin Brot backen. Zweimal im Jahr, gehe ich nach Jetgul und bringe mir jedesmal 25 kg Mehl mit. Dazu so mancherlei anderen Dingen, die ich notwendig brauche. Das Geld dafür verdiene ich mir durch Fallenstellen. Die Felle, die ich im Frühjahr in Jetgul verkaufe, bringen mir einiges ein, so daß ich dafür vieles kaufen kann wie Salz, Mehl und Pfeffer, Speck, Tabak und Petroleum, auch einige Bücher."
„Bücher? Du liest richtige Bücher?" Eugen war sehr verwundert.
„Ich habe noch keine unrichtigen Bücher gesehen", brummte Timofej. „Meine sind auf jeden Fall richtig!"
Großväterchen Timofej? Kann ich nicht den Winter über bei dir bleiben?" bettelte Eugen.
„Nein, nein, mein Söhnchen, schlag dir das aus dem Kopf! In sechs oder acht Wochen gehen wir nach Jetgul. Dann fährst du mit Kolka zur Babuschka zurück."
„Oh, Großväterchen! Ich habe Kolka und die Babuschka auch gern, aber ich möchte doch lieber einen Winter bei dir bleiben."
„Mach dir jetzt keine weiteren Gedanken darüber! Kommt Zeit, kommt Rat", sagte Timofej verlegen. Und doch freute er sich über Eugens Anhänglichkeit. Plötzlich hörten die zwei ein Knacken und Brechen, so als brauste eine Herde wilder Büffel ins Lager. Eugen sprang erschrocken auf.
„Das sind doch die Hunde", sagte Timofej lächelnd. „Die kommen von der Jagd zurück. Barbos hat Scharik sicher gezeigt, wieviel gute Sachen es hier für ihn gibt."
Barbos brach durch das Gebüsch und stürzte sich vor Freude bellend auf Timofej. Lachend wehrte der ab und rief:
„Laß mich los Barbos! Ich freue mich ja auch, daß du wieder da bist! Bist mein guter, mein braver Hund!"
Timofej tätschelte Barbos Hals und drückte ihn an sich.
„Merk dir das, mein Junge", sagte er zu Eugen „Deinen Hund mußt du immer wie einen guten Freund behandeln. Er braucht viel Liebe, aber auch Strenge. Du mußt dich jederzeit auf ihn verlassen können. Du mußt ihn loben, wenn er es verdient hat, tadeln darfst du ihn nie ohne Grund. Nur so kannst du von einem Hund unbedingte Treue erwarten."
Alles, was Timofej sagte und tat, nahm Eugen in sich auf.
Nachdem Barbos sich bei seinem Herrn ausgetobt hatte, kam er auch zu Eugen, stupste ihn mit der Schnauze in die Seite, als wollte er ihm zeigen, daß er ihn auch gern mochte.
Scharik hatte sich still ans Feuer gelegt und schaute zu. Als er sah, daß Barbos seinem Herrn zu nahe kam, stand er auf, legte seinen Kopf auf Eugens Schoß und winselte.
"Schau mal den an", lachte Timofej. "Scharik ist eifersüchtig. Aber nun komm, wir müssen aufbrechen, heute gehen wir bis zu den Bergen dort."
,Das ist ja nicht weit", rief Eugen, "Wir sind gestimmt bis mittags da."
"Nicht ganz. Wenn wir's bis zum Abend schaffen, haben wir viel geleistet", meinte Timofej.
Nachdem alles in den Rucksäcken verstaut war, wurde das Feuer mit Wasser gelöscht. Dann nahm Timofej eine Axt, ging damit zum nächsten Baum und trieb einen Spalt hinein. In den steckte er einen kleinen Ast, der mit seiner Spitze in die Richtung zeigte, in die sie gehen wollten.
"Schau dir das genau an, mein Junge. Wenn du mal alleine in der Taiga bist und an einen verlassenen Lagerplatz kommst, such die Bäume um die Feuerstelle herum ab. Du wirst immer an dem kleinen Ast, der in einem Baumstamm steckt, feststellen können, in welche Richtung die Menschen gegangen sind. Ist der Ast gegabelt wie dieser hier, dann bedeutet das, daß zwei Menschen diesen Lagerplatz verlassen haben. Stecken in einem Baumstamm zwei Zweige, von denen einer die Richtung anzeigt und der andere nach unten weist, dann bedeutet das: Wir brauchen Hilfe!“
Eugen hörte genau zu, er fand das alles sehr spannend.
„Was für Zeichen gibt es noch?" fragte er.
„Wenn Menschen verletzt sind, hängen sie ein zusammengebundenes Bündel Zweige auf, natürlich wieder mit den Spitzen in der Richtung, in die sie gegangen sind. So, mein Söhnchen, wir haben unsere Pflicht getan. Nun wollen wir uns auf den Weg machen!"
Tausend Fragen hatte Eugen, und Timofej beantwor¬tete alle geduldig. Wenn er mit Kolka durch die Taiga zog, wurde nicht viel gesprochen. Timofej hatte das Gefühl, daß vieles, daß er erzählte, Kolka gar nicht interessierte. In Moskau lernten sie andere Sachen über die Taiga. Die in Moskau wissen doch anscheinend alles besser. Doch die Realität hat schon oft bewiesen, das die Herren sich in der Taiga sehr schnell verirren und auf die Hilfe von Taigajäger angewiesen sind.
„Wenn in den Sümpfen die Schnakenplage aus¬bricht, erzählte Timofej weiter, "und die langbeini¬gen Biester die ganze Taiga in großen Schwärmen überziehen, dann hilft so gut wie nichts! Sie kriechen in die Nasenlöcher, in Augen und Ohren. Sie schlüpfen unter die Kleidung. Die Herren aus Mos¬kau kommen mit Salben in die Taiga! Sie reiben sich damit ein. Ich habe ihnen dabei zugesehen, ich konnte abwarten. Erst wenn sie total zerstochen waren, habe ich ihnen geholfen. Schaut her, sagte ich zu den Moskauherren, „das ist besser als eure Salbe.'“ Ich nahm die Fleischpflanze, die ich dir schon gezeigt habe, und zerrieb sie zwischen den Fingern. Mit dem Öl schmierte ich mir Hände und Gesicht ein. Das ist Natur!’ sagte ich. Die Herren sahen mit dann an, als wäre ich nicht ganz richtig im Kopf. „Im Herbst verschwinden die Schnaken, die Kälte vertreibt sie. Auch die vielen Sonntagsjäger verschwinden, und es kehrt wieder Ruhe ein in der Taiga."
Der Tag war wunderschön gewesen. Natürlich gab es auch jetzt Schnaken. Timofej hatte aber vorgesorgt. Er hatte schon in Jetgul eine leere Flasche gekauft und da hinein den Saft der Fleischpflanze gepreßt. Nicht nur Eugen und Timofej rieben sich damit ein, auch Barbos und Scharik mußten es über sich ergehen lassen, daß sie eingeschmiert wurden. Scharik wehrte sich, denn er kannte das stinkende Zeug noch nicht.
Als es fast Abend war, erreichten Timofej und Eugen die Berge. Nicht weit von einem kleinen Bach schlugen sie ihr Nachtlager auf.
„Eugen, hol zuerst etwas trockenes Holz", sagte Timofej. „Nach dem Essenkochen legen wir nasses Holz auf. Es muß tüchtig rauchen. Das hält die Schnaken ab. Ich werde uns jetzt einige Fische fangen, damit wir ein fürstliches Abendessen haben."
Er nahm eine Angelschnur, schnitt sich einen langen Stock und befestigte daran die Schnur fertig war die Angel.
„Barbos", rief er, „du bleibst bei Eugen! Scharik, du kommst mit mir!"
Scharik wollte nicht, erst als Timofej energisch wurde, folgte ihm der Hund. Er wäre lieber bei Eugen geblieben, deshalb schaute er immer wieder zurück. „Na, komm schon", rief Timofej. „Du kannst Eugen ruhig mal allein lassen. Barbos ist ja da, er wird aufpassen, daß deinem Eugen nichts passiert."
Es dauerte keine halbe Stunde, und Timofej kam, vor sich hin pfeifend, den Eimer fast voll mit Fischen ins Lager zurück. Eugen hatte schon trockenes Holz zurechtgelegt.
Timofej setzte sich ans Feuer und schnitzte Spieße, um die Fische über dem Feuer braten zu können. Da sah er, daß Scharik einen Fisch fraß. Er hatte sich einfach einen aus dem Eimer herausgeholt. Barbos bellte aufgeregt. Timofej wurde rot vor Zorn.
„Du verdammter Bastard!" schrie er. „Du bestiehlst deinen Herrn! Dir werd ich beibringen was sich gehört!" Er nahm einen Stock und zog Scharik so eins über, daß er heulend aufsprang und davonlief.
„Hiergeblieben!" schrie Timofej. „Hierher!" Aber Scharik kam nicht. „Hierher, sage ich!" schrie Timofej immer lauter.
Scharik legte sich flach auf den Bauch und kam laut winselnd auf Timofej zugekrochen. Als Timofej sah, daß Scharik gehorchte, warf er seinen Stock weg.
„So, komm her. Du darfst nicht stehlen", redete er auf Scharik ein. „Mach das nicht noch einmal. Du bekommst deinen Teil. Aber stehlen! Das gibt es nicht. Schau dir Barbos an. Der ist ein wohlerzogener Hund. Der stiehlt nicht!"
Eugens erste Reaktion war, sich auf Timofej zu stürzen, um ihm den Stock wegzureißen. Dann, sah er Timofejs Gesicht und bekam Angst. Eugen zitterte genauso wie sein Hund. Morgen gehe ich zurück, dachte er, meinen Hund darf niemand schlagen auch Timofej nicht!
Als er sah, daß Timofej den Stock wegwarf, atmete er erleichtert auf. Timofej drehte sich zu ihm herum, er spürte, daß Eugen böse auf ihn war. Und es tat ihm leid, daß er dem Jungen hatte weh tun müssen.
„Du darfst nicht weich sein, mein Söhnchen, denn du kannst einen Hund bei solchen Gelegenheiten nur mit Strenge erziehen. Sonst kann es mal sein, daß er dir das letzte Essen stiehlt! Ein guter Hund tut das nicht, und ich glaube, daß Scharik das auch nicht mehr macht. Wenn wir die Fische gebraten haben, bekom¬men die Tiere ihren Teil. Es wäre richtiger gewesen, du hättest ihn auch bestraft. Denn es kann sein, daß er nicht mehr stiehlt, wenn ich dabei bin, wohl aber, wenn du mit ihm alleine bist. Das darfst du dann ihm nicht durchgehen lassen“.
„Das verspreche ich dir, Großväterchen Timofej." Eugen war sehr erleichtert, das die Luft zwischen ihnen wieder rein war.
Sie setzten sich beide ans Feuer, und Eugen sah zu, wie Timofej die Spieße mit den Fischen so geschickt rings um das Feuer in die Erde steckte, daß sie von alleine brieten. Es dauerte nicht lange, und auf dem Lagerplatz verbreitete sich ein herrlicher Geruch. Eugens Magen fing an zu knurren, der Hunger meldete sich. Scharik ließ kein Auge von den Fischen. Barbos, die Schnauze auf den Vorderpfoten, tat so, als ginge ihn das gar nichts an.
„Großväterchen Timofej, wie bist du zu Barbos gekommen?"
„Das ist eine lange Geschichte, mein Junge. Vor vielen Jahren ich war damals noch jung und kräftig war der Winter wieder einmal sehr hart. Ich hatte nicht genug Vorräte und ging deshalb auf die Jagd. Dabei hatte ich mich ziemlich weit von meiner Hütte entfernt. Noch war ich nicht zum Schuß gekommen. Darum beschloß ich, ein großes Feuer zu machen und draußen in der Taiga zu übernachten. Damals hatte ich einen Polarhund, Bobik, ein treues, gutes Tier. Nachts stand er plötzlich auf und lief davon. Zuerst glaubte ich, daß er einem wilden Tier nachgelaufen sei, und nahm mir vor, ihn gehörig zu strafen. Aber er kehrte in dieser Nacht nicht zurück. Erst am Morgen kam er, bellte mich an und lief ein Stück fort. Da wußte ich, Bobik wollte mir etwas zeigen. Schnell packte ich meine Sachen zusammen und folgte ihm. Bobik rannte laut bellend vor mir her. Es kann also kein Tier sein, das war mir klar, sonst wäre Bobik leise gewesen. Aber was wollte er mir zeigen? Nun, das sah ich bald. Neben einem Baum lag eine vermummte Gestalt. Das Feuer brannte nicht mehr. Als ich mich niederbeugte, sah ich, daß es ein Mann war. Er lebte noch, war aber anscheinend verletzt oder vor Erschöpfung eingeschlafen. Vermutlich hatte er nur
überlebt, weil Bobik ihn mit seinem Körper warm gehalten hatte. Schnell, machte ich ein Feuer und kochte aus Schneewasser Tee. Ich rieb ihm die Hände warm und zog ihn dichter ans Feuer. Allmählich kam er zu sich, und als ich ihm dann noch Tee eingeflößt hatte, ging es ihm besser, so daß ich ihn in meine Hütte mitnehmen konnte. Er blieb den ganzen Winter, und als er gesund war, gingen wir beide auf die Jagd.
Ich wußte, wo ein Bär seinen Winterschlaf hielt, aber den wollte ich nur in der größten Not schießen. Mit Bobik waren wir jetzt zu dritt und in Not! Also gingen wir auf Bärenjagd.
Bronja, so hieß der Mann, hatte ein gutes Gewehr. Ich wußte aber nicht, ob er auch ein guter Jäger war. Wir konnten uns nur schwer verständigen, weil er schlecht russisch sprach. Er war ein Jakurte.“
„Ein Jakurte? Was ist denn das?" fragte Eugen verwundert. Von so einem Menschen hatte er noch nie etwas gehört.
„Es gibt viele Stämme hier in der Taiga. Tangusen, Lamuten, Selkupen und noch einige andere. Er war ein Jakurte. Er verstand also schlecht russisch, aber mit Händen und Füßen konnten wir uns über das Notwendigste verständigen. Wir nahmen Beil, Stricke und einen Schlitten mit. Bronja erklärte mir, wie er den Bären erlegen wollte.
Bobik war mächtig aufgeregt. Er schien zu ahnen, daß wir etwas Besonderes vorhatten. Meine Flinte hatte zwar auch einen Doppellauf, war aber ein uraltes Modell.
Wir schnallten unsere Skier an, und los ging es. Bobik sprang voraus. Ihm ging alles zu langsam. Vorbei an tiefverschneiten Bäumen und Büschen liefen wir etwa sechs Kilometer an einem zugefrorenen Fluß entlang. Ich hatte mir ein Zeichen an einen Baum gemacht, ein abgehackter Ast zeigte in die Richtung, in die ich abbiegen mußte. Von dieser Stelle war es nicht mehr weit bis zur Bärenhöhle. An einem kleinen Hügel lag ein umgestürzter Baum. Das Geäst war von Gestrüpp überwuchert. Darunter hatte der Bär seine Winter¬höhle.
Als wir hinkamen, war außer einem Schneeberg nichts zu sehen. Ich zeigte mit dem Finger auf diesen Berg und brummte wie ein Bär. Über Bronjas Gesicht huschte ein Lächeln, dazu nickte er heftig mit dem Kopf. Also hat er verstanden, dachte ich und war gespannt, was er nun tun würde. Doch er tat nichts. Er schaute mich nur an und grinste weiter. Ich zeigte erneut auf den Schneehügel und machte dazu mit den Händen Scharrbewegungen. Er tippte mit dem Finger auf seine Brust und schüttelte den Kopf. Für mich war klar, er würde nicht buddeln, also fing ich selber an, den Schnee mit den Händen wegzuschieben. Da fing Bronja an, ganz laut zu lachen; verständnislos schaute ich ihn an.
„Was gibt es da zu lachen!“ schrie ich wütend. „Deinetwegen muß der Bär schon diesen Winter sterben. Für Bobik und mich hätten meine Vorräte noch gereicht.“ Natürlich verstand er nicht, was ich sagte, aber an meinem Gesicht konnte er sehen, daß ich böse war. Bronja hob sein Gewehr und schlug in den Schneeberg. Dabei traf er einen Ast, und der lockere Schnee fiel zusammen.
Das tat er ein paarmal, und bald sahen wir trockene Äste aus dem Schnee herausragen.
„Wo ist der Eingang zur Höhle?“ Bronja zeigte mit Hände und Füße, und ich verstand ihn.
Bevor ich ihm den zeigen konnte, hatte Bobik schon die Witterung vom Bären in der Nase. Er stürzte in das Geäst und bellte wütend.
Bronja ging etwa fünfzehn Meter zurück und bedeu¬tete mir, mich hinter ihn zu stellen. Ich fühlte, daß Bronja ein besserer Jäger war als ich, denn er lebte hier seit seiner Geburt und war mit der Taiga vertraut. Außerdem hatte ich noch niemals einen Bären aus dem Winterschlaf geholt.
Bobik bellte weiter. Er geriet in Zorn, er scharrte, jaulte und benahm sich wie ein Irrer. Dann bewegte sich der Schneehaufen, der Bär war aufgewacht. Es dauerte Bobik zu lange, er fing an, den Bären auszuscharren. Er stieß seine Schnauze tief in den Schnee. Die Geräusche in der Höhle wurden immer lauter.
Plötzlich tauchte aus dem Schnee der Kopf des Bären auf. Noch etwas verschlafen und von der Helle geblendet, suchte er die Friedensstörer.
Bobik stürzte sich sofort auf ihn. Das war dem Bären nun doch zuviel. Mit ein paar wütenden Tatzenhieben befreite er sich aus dem Schnee und stürzte sich sofort auf Bronja, als er ihn erspäht hatte.
Bronja stand breitbeinig und ruhig da, das Gewehr im Anschlag.
Als der Bär ungefähr fünf Meter von ihm entfernt war, schoß Bronja. Ruckartig blieb der Bär stehen und schaute uns mit seinen kleinen dunklen Augen ungläubig an.
Bronja machte drei blitzschnelle Schritte nach links, der Bär folgte ihm mit den Augen.
„Los!' rief mir Bronja zu, dabei zeigte er mit der Hand, wie ich mit dem Messer zustoßen sollte.
Das war aber nicht mehr nötig. Der Bär brach in die Knie, brüllte markerschütternd auf und war tot.
Bobik bellte immer noch. Er konnte sich nicht beruhigen.
„Was habt ihr dann gemacht?" Eugen war mächtig aufgeregt. Seine Backen glühten.
„Wir haben dann den Aufbruch* über einem Feuer gebraten und gegessen, dazu gab es Tee aus Schneewasser. Bobik bekam auch seinen Teil. Wir luden dann den Bären auf den Schlitten und fuhren zur Hütte zurück."
Eugen wollte noch mehr hören, aber Timofej sagte: „Schluß für heute, jetzt wird geschlafen, so gut es sich schlafen läßt bei dieser gräßlichen Schnakenplage. Diese Biester sind grausam! Grausam für Tier und Mensch."
Eugen schlüpfte in seinen Schlafsack, er war trotzdem glücklich. Als er schon fast schlief, fiel ihm wieder seine Frage ein.
„Großväterchen Timofej", flüsterte Eugen, „schläfst du schon?"
„Nein, mein Söhnchen, aber wir sollten es tun!"
„Du hast mir immer noch nicht erzählt, woher du Barbos hast."
„Ach ja, richtig! Deshalb bin ich auf Bronja gekommen. Nun, Bronja und ich wurden diesen Winter Freunde. In den folgenden Wintern trafen wir uns zu gemeinsamer Jagd. Einmal kam Bronja mit einem neuen Hund. „Das ist Barbos“, sagte er stolz. Ich aber war traurig, weil ich meinen Hund verloren hatte. Bobik war schon alt er konnte sich nicht mehr wehren als er von einem Luchs angefallen und so schwer verletzt worden, daß er starb.
Ich war also ohne Hund. Du kannst dir sicher vorstellen, was das für einen Jäger bedeutet. Bronja tröstete mich, daß wir ja dieses Mal Barbos hatten. Als Bronja sich dann am Ende der Jagdsaison von mir verabschiedete, schenkte er mir Barbos. Ich wollte ihn nicht annehmen, weil er doch so stolz war auf seinen Hund.
*Aufbruch: in der Jägersprache die Innereien eines Wildes
Aber da wurde Bronja sehr böse. „Ich, dein Bruder!' schrie er mich an. „Du mußt nehmen Barbos.“
Und da nahm ich ihn. Er bekam von Bronja den Befehl, auf mich gut aufzupassen. Dann fuhr Bronja mit seinem Schlitten, auf dem er seine und meine Felle hatte, davon. Er schaute sich nicht eineinziges mal um.
Das ist nun schon acht Jahre her. Er kam nie wieder. Er ist in Jetgul gewesen, hat dort bei Mitja Iwanowitsch meine Felle abgegeben und ist dann weiter gezogen. Was aus ihm geworden ist, habe ich bis jetzt nicht erfahren können. Er muß tot sein, denn sonst wäre er zurückgekommen."
Eugen seufzte und drückte Scharik fest an sich. Daß Hunde auch sterben können, darüber hatte er bis jetzt noch nicht nachgedacht. Er war etwas unruhig geworden, schlief dann jedoch bald ein.
Regen über der Taiga! Enttäuscht stellten es Timofej und Eugen am anderen Morgen fest.
„Das ist schlecht", sagte Timofej. „Es ist besser, wir bleiben hier. Wenn es so weiter regnet, steht die ganze Taiga in kurzer Zeit unter Wasser. Komm, wir holen Holz und machen uns dann etwas zum Frühstück." Timofej befestigte die Plane, die sie als Dach gespannt hatten, und zog einen Graben um das Lager mit einem Ablauf zum Fluß hinunter.
„Wer weiß, wie lange es regnet und wie lange wir hier bleiben müssen." Timofej sah besorgt gegen den Himmel.
Die Hunde standen naß und traurig herum, ihnen gefiel das Wetter auch nicht.
Eugen wäre am liebsten im Schlafsack geblieben.
„He! Du Faulpelz", rief Timofej vom Fluß herauf.
„Komm, wasch dir den Schlaf aus den Augen, und dann wollen wir schöne große Fische fangen. Wir können auch ein paar Pilze suchen. Hier stehen genug vor der Haustür, sie wachsen einem fast in die Pfanne hinein."
Eugen machte einige Kniebeugen. Dann ging zu Timofej, der mit nacktem Oberkörper unten am Fluß stand und sich tüchtig wusch.
„Brrr, Großväterchen Timofej, da friert's einen ja schon vom Zusehen!"
„Na, komm schon! Du mußt dich abhärten. Wer in der Taiga lebt, muß hart sein! Also, runter mit dem Hemd!"
Und Eugen machte es genauso wie Timofej, wenn auch mit zusammengebissenen Zähnen, denn das Wasser war sehr kalt. Großväterchen sollte sehen, daß er keine Angst davor hatte.
Nach einem guten Frühstück mit Speck und Pilzen machten sie sich erneut auf den Weg.
„Wir wollen uns heute mal die Umgebung unseres Lagers anschauen", meinte Timofej. „Der Regen soll uns nicht aufhalten."
Barbos und Scharik, hatten anscheinend keine Lust, sie lagen dicht beieinander am Feuer. Erst als Timofej es löschte, standen sie auf und zockelten mit.
„Schau dir mal die zwei an", sagte Timofej lächelnd, "die wollen heute am liebsten im Lager bleiben."
Es regnete nicht mehr so stark. Mit ihren Regenjacken, die Kapuze über dem Kopf, zogen sie los. Eugen hatte einen Stock bei sich, den vergaß er nie. Timofej hatte ihm das gleich am ersten Tag geraten: „Er ist dein verlängerter Arm. Wegen der Schlangen darfst du niemals mit der Hand in ein Gebüsch greifen oder unter einen umgestürzten Baum. Es könnte sein, daß irgend ein Vieh darunter liegt."
Immer wieder stießen sie auf Pflanzen, die Kolka bestimmt interessiert hätten.
„Schau mal, Eugen", rief Timofej. „Da hängt ein Vogelnest. Bestimmt brütet der Vogel schon. Willst du mal raufklettern und hineinsehen?"
Nein, Eugen wollte das nicht. „Laß doch dem Vogel seine Ruhe, Großväterchen. Ich bin nicht neugierig."
„Aus dir wird einmal ein guter Jäger, mein Söhnchen" sagte Timofej befriedigt. „Ich wollte nur wissen, ob du unnütz Tiere störst. Denn ein guter Jäger hat auch die Pflicht, die Tiere des Waldes zu hegen und nicht alles abzuschießen, was ihm vor die Flinte kommt. Ich schieße nur so viele Tiere, wie ich unbedingt zum Leben brauche."
Noch vieles lernte und sah Eugen an diesem Tag. Müde und hungrig kehrten die beiden „Jäger" zum Lager zurück.
Die Sonne schien inzwischen, es war ein warmer Tag geworden.
Viele herrliche Tage waren sie miteinander durch die Taiga gezogen, und heute würden sie die Hütte erreichen. Heute nun würde Eugen zum erstenmal in Timofejs Hütte schlafen.
„Wir sammeln alle eßbaren Pilze, die wir auf dem Weg zur Hütte finden", sagte Timofej. „Abends werden wir sie putzen und auf Schnüre fädeln. Dann hingen wir sie an die Hüttenwand zum Trocknen. Der Winter ist lang, und mit etwas Fleisch gekocht schmecken Trockenpilze wunderbar."
Timofej hatte einen Sack bei sich, in den er die Pilze sammelte.
Eugen war sehr gespannt. „Wie groß ist die Hütte, Großväterchen Timofej?"
„Das wirst du bald selbst sehen, aber finden kann sie nicht jeder. Sie steht an einem kleinen Felsen, den die Natur mitten im Sumpf hat wachsen lassen."
„Können denn Steine wachsen?" Eugen war sehr erstaunt.
„Das weiß ich nicht. Aber die Natur bringt oft unglaubliche Dinge zustande. Rings um den Fels ist schöner, fester Boden, so ist fast eine Insel entstanden. Nur von einer Seite kann man zu meiner Hütte kommen, alles andere ist sumpfig. Im Frühjahr, Sommer und Herbst ist es gefährlich für einen, der sich nicht auskennt."
Timofej ging so lange wie möglich am Fluß entlang. Der Sack war voller Pilze. Dann wurde der Baumwuchs spärlicher, die Landschaft veränderte sich.
„Schau dich um, mein Junge',“ sagte Timofej, "das ist ein Zeichen, daß wir bald zu den Sümpfen kommen." Eugen war schon müde. Der Rucksack auf seinem Rücken wurde immer schwerer. Timofej dagegen zeigte nichts von Müdigkeit. Er schritt gleichmäßig voran. Er mußte nicht nur seinen Rucksack tragen, sondern auch sein Gewehr und den Sack mit den Pilzen. Eugen schaute Timofej bewundernd an. Unversehens blieb Timofej stehen, so daß Eugen ihn fast umgerannt hätte.
„Oh, der große Jäger schläft mit offenen Augen", lachte Timofej. „Schau dir die Gegend an, wir sind am Sumpf. Da, weit hinten ist meine Hütte. Kein Mensch kann sie von hier aus sehen. Daß dort eine Hütte ist, wissen nur Bronja, Kolka und ich. Und noch ein Mann weiß davon, aber das erzähle ich dir ein anderes Mal.
Schau die großen Grasbüschel überall, sie schwim¬men auf dem Sumpf. Und in der Zeit der großen Stürme jagt der Wind sie vor sich her. Dann ist der Sumpf eine Wasserwüste und unpassierbar. Aber in dieser Jahres¬zeit sind die Grasbüschel so groß, daß sie das Gewicht eines Mannes aushalten.
Dazwischen wachsen die Klukwa, die mit ihren spinnenartigen Armen die Grasbüschel zusammen¬halten. Dadurch wird das Ganze fest wie ein Teppich. Die Beeren werden im Herbst gesammelt, da setzen die erste Fröste ein, so das sie eingefroren werden. Sie sind ein Heilmittel gegen Zahnverfall. Auch als Kompott werden sie gegessen, sie schmecken säuerlich. Überhaupt sammeln die Menschen hier in Sibirien alles Eßbare für den Winter.
Wer da nicht vorsorgt, geht zugrunde. Aber jetzt müssen wir erst einmal über die schwimmende Wiese kommen."
Eugen stand da, die Augen Weit aufgerissen. Timofej sah sofort, daß sein kleiner Freund Angst hatte. Er strich ihm mit der Hand über den Kopf.
„Brauchst keine Angst zu haben, ich zeige es dir genau."
Barbos und Scharik, waren schon ein Stück in den Sumpf hineingegangen. Scharik machte es Barbos einfach nach.
„Damit du aber beruhigt bist, seile ich dich an." Timofej ging ein Stückchen in den Sumpf hinein, um Eugen zu zeigen, wie er gehen mußte. Eugen sah, daß Timofej ganz leicht auftrat. Er federte von einem Grasbüschel zum anderen.
„Ich habe keine Angst mehr, Großväterchen Timofej. Ich mache es genauso wie du."
Am schlimmsten waren für Eugen die ersten Schritte. Jedesmal schwankte er hin und her, aber dann hatte er es begriffen. Er wurde immer sicherer.
Timofej drehte sich öfter um, und jedesmal lachte Eugen ihm zu.
„Es geht gut, ich kann es jetzt", rief er.
Es mochten zwei Stunden vergangen sein, als Timofej nach vorne zeigte und rief:
Bald haben wir es geschafft! Noch wenige hundert Meter, und wir haben festen Boden unter den Füßen!"
Als es dann soweit war, warf Timofej seinen Rucksack ab und legte den Sack mit den Pilzen daneben.
"So, mein Söhnchen. Stampf mal ordentlich mit den Beinen auf. Ich freue mich jedesmal aufs neue, wenn ich wieder festen Grund unter den Füßen habe! Einige hundert Mal bin ich schon über die Sümpfe gegangen, aber jedesmal war ich froh, wenn ich es geschafft hatte.
Eugen ließ sich neben seinen Rucksack fallen. "Mir ist ganz schlecht", sagte er. "Mein Bauch tut weh, und im Kopf dreht sich alles."
"Steh auf und mache einige Atemübungen." Timofej riß die Arme hoch und ließ sie kreisen und atmete dabei ganz tief aus und wieder ein. Eugen machte es genauso und bekam allmählich wieder Farbe im Gesicht.
Barbos und Scharik waren nirgends zu sehen.
"Die sind bestimmt schon bei der Hütte, Barbos hat es immer eilig", meinte Timofej.
Eugen schaute sich um, konnte aber die Hütte nicht entdecken.
"Wo ist sie?"
"Da hinten", Timofej zeigte auf einen Felsen, der mitten im Wald stand. "Wenn wir da oben sind, wirst du sie sehen. Von der anderen Seite kann man die Hütte erreichen, ohne daß man über den Sumpf gehen muß. Das ist zwar leichter, doch auf diesem Weg gibt es keinen Fluß und deshalb auch kein Trinkwasser.
Man müßte also drei Tage ohne Wasser aushalten. Erst ganz dicht an meiner Hütte, stoßt man auf den Fluß, der da vorbeifließt. Mir ist der Weg am Fluß lieber, auch wenn ich dann durch den Sumpf muß."
Von weitem sah die Hütte klein und ärmlich aus. Eugen war richtig enttäuscht. Timofej sah ihm das an und tröstete ihn.
"Was brauche ich eine große Hütte? Du wirst sehen, daß sie groß genug ist für einen allein."
Für einen allein, dachte Eugen, also will er mich nicht bei sich behalten.
"Großväterchen Timofej", fragte er dann. "Wo hat Bronja geschlafen, wenn er den Winter über bei dir war?"
"Wo Platz für einen ist, da ist auch Platz für zwei", antwortete Timofej.
Eugen fiel ein Stein vom Herzen, als er das hörte.
Neben der Hüttentür rechts standen eine Bank und ein roh gezimmerter Tisch. Rechts und links der Tür waren kleine Fenster. Sie hatten innen und außen Läden.
Die Hütte war direkt an den Felsen gebaut, der etwa fünf bis sechs Meter hoch war. Drei Wände der Hütte bestanden aus Baumstämmen.
Der Ofen, den Timofej selber aus Steinen gemauert hatte, stand mitten in der Hütte. Es war eigentlich kein richtiger Ofen, mehr eine offene Feuerstelle.
Die beiden Betten waren aus roh gezimmertem Holz, auf einem lagen Felle, das andere war unbenutzt. Die ganze Hütte war innen tiefschwarz vor Ruß. An der Wand mit den Fenstern hingen Angel, Beil, Säge, Stemmeisen und viele, viele Dinge mehr. Einfach alles, was Timofej sich in den langen Jahren zusammengetragen und angeschafft hatte, in denen er schon hier wohnte.
Auf dem Herd standen zwei Kochtöpfe und eine Pfanne, auf einer Bank ein Wassereimer mit einem Becher zum Trinken, daß war wie in allen Häusern, in die Eugen gekommen war.
Auf einem Wandbrett waren leere Dosen, eine Petroleumlampe und ein kleiner Sack mit Salz unter¬gebracht.
Sehr erstaunt war Eugen, als er ein Regal mit fein säuberlich aufgestellten Büchern entdeckte.
Er ging hin und sah sich an, was da alles stand. Er las die Namen Tolstoi, Puschkin, Dostojewski, Tsche¬chow und Gogol und noch einige andere.
"Da staunst du, was?" Timofej war mächtig stolz auf seine Bücher. "Ich komme zweimal im Jahr nach Jetgul. Das erste Mal gleich im Frühjahr, bevor der Schnee weg ist. Da bringe ich meine Felle vom vergangenen Winter hin, Zobel, Fuchs und Hermelinfelle, manchmal auch die von Bären und Wölfen. Das alles, verlade ich auf einen Schlitten, und liefere sie beim Fellhändler Mitja Iwanowitsch ab. Der schreibt mir meinen Gewinn gut, und ich nehme von ihm Ware, die ich brauche. Mitja verrechnet es dann. Im Frühjahr bestelle ich meine Bücher, und wenn der erste Schnee fällt und liegen bleibt, hole ich sie ab. Ohne meine Bücher könnte ich es nicht aushalten in dieser Einsamkeit. Sie erzählen mir von der fernen, großen Welt."
Timofejs Gesicht wurde froh, wenn er von seinen Büchern sprach. Eugen überkam ein tiefes freudengefühlt für den alten Mann, und er dachte, daß er diesen alten Mann sehr lieb hat.
Als sie schon im Bett lagen - Timofej hatte auch auf das zweite Bett Felle gelegt - fragte Eugen: "Großväterchen Timofej, wie bist du zu dieser Hütte gekommen? Hast du sie alleine gebaut?"
Zuerst blieb es eine Zeit still. Das Feuer brannte noch, um die Schnaken aus der Hütte zu vertreiben. Der Feuerschein huschte an der Hüttendecke hin und her. Dann kam ein tiefer Seufzer aus Timofejs Brust.
"Wozu an alte, vergessene Wunden rühren, mein Sohn. Die Hütte steht schon viele, viele Jahre. Ich habe sie gebaut."
"Ganz alleine?" bohrte Eugen weiter.
Dann wurde es wieder still. Timofej drehte sich auf die andere Seite.
"Schlaf, mein Junge, schlaf! Laß die alten Dinge ruhen."
"Bitte, bitte! Großväterchen! Erzähle es mir. Ich höre so gerne alte Geschichten. Die Babuschka hat mir auch viele Geschichten erzählt. Sie behauptet, die besten schreibt das Leben, und Kolka hat gesagt, daß du auch so wunderbare Geschichten erzählen kannst."
Es blieb noch eine geraume Zeit still. Eugen dachte, daß Timofej eingeschlafen sei. Auf einmal räusperte er sich laut.
"Wirst du auch nicht einschlafen?" fragte Timofej. "Es ist eine lange Geschichte, und ich will sie zu Ende erzählen, wenn ich damit erst einmal angefangen habe." Eugen war sofort hellwach.
"Nein, nein, Großväterchen. Ich schlafe nicht ein."
"Ich glaube", fuhr Timofej fort, "wir sollten das doch verschieben." Davon wollte Eugen jedoch nichts wissen.
"Erzähle", drängte er und war mit zwei Schritten vor Timofejs Bett. Eugen legte ein Elchfell auf den Fußboden und setzte sich darauf. Er schaute zu Timofej auf, dessen Gesicht er nur sah, wenn das Feuer hell aufflackerte. Mit dem Rücken an das Kopfende des Bettes gelehnt, fing Timofej an zu erzählen:
"Es war 1914. Damals war ich 22 Jahre alt und ging in Moskau zur Universität. Meine Eltern waren wohlha¬bend. Wir gehörten zwar nicht zu den reichsten Familien, aber immerhin konnte ich studieren.
Ich hatte noch nichts Bestimmtes vor, mal wollte ich Polarforscher werden, dann zog es mich zur Politik, ich wollte die Welt verbessern.
Einmal waren meine Freunde und ich bei ganz Reichen eingeladen. Sie gehörten zu den allerbesten Familien. Unsere Gastgeber hatten eine schöne Toch¬ter, und ich glaube, daß sie es war, der ich meine Einladung zu verdanken hatte.
Der Abend war lustig. Es wurde viel gegessen, viel getrunken und viel geredet. Ich hatte mehr getrunken als sonst. Wahrscheinlich wollte ich mein Selbstbewußtsein stärken, was mir dann auch völlig gelang!
Auf einmal stand ich da und wetterte gegen die Politik des Zaren. Ich fand an allem etwas auszusetzen. Der Alkohol hatte meine Zunge gelöst. Meine Freunde versuchten mich hinauszubringen. Dagegen wehrte ich mich aber heftig. Es entstand ein Handgemenge. Der Hausherr kam und schickt mich hinaus. Er sagte: ,Sie, junger Mann! Sie haben meine Gastfreundschaft mißbraucht. Verlassen Sie sofort mein Haus! Ich schlug ihm rechts und links ins Gesicht. Entsetzt brachten meine Freunde mich fort.
Er wird dich zum Duell fordern meinten sie. Aber das tat er nicht. Ich wäre ihm zu grün und nicht ebenbürtig. Er wüßte etwas viel Besseres!
Ich wurde noch in der gleichen Nacht verhaftet und am Morgen zu zwanzig Jahren Sibirien verurteilt. Nur ein Mann war es, der mein Schicksal entschied. Kein Gericht wurde hinzugezogen. Meine Entschul¬digungen wurden nicht angenommen. Ich ver¬schwand wie viele Tausende vor und nach mir. In einem Gefangenenlager erlebte ich schreckliche Jahre. Ich dachte an Flucht. Für mich stand fest, daß es mir einmal gelingen würde zu fliehen.
Ich sammelte alles, was mir zur Flucht helfen konnte. Das erste, was ich mir besorgte, war ein Beil. Dann tauschte ich bei einem Neuankömmling meinen Tabak gegen eine warme Jacke ein.
Ich legte mir ein Lager an. Unter meinem Bett löste ich die Dielen. Da hinein tat ich alles, was ich so zusammentrug. Die Hauptsache fehlte noch, ein Gewehr. Ohne Gewehr konnte ich es nicht wagen, in die Taiga zu fliehen. Monatelang sammelte ich dafür meinen Tabak, irgendwie mußte ich an ein Gewehr kommen. An Proviant zu denken, war aussichtslos. Also mußte ich im Sommer fliehen. In den Wäldern gab es ja genug Kräuter, Beeren und Pilze. Nur, von Beeren und Kräuter kann man ja nicht ewig leben, daher mußte ich unbedingt ein Gewehr haben.
Fünf Jahre dauerte es, bis sich eine Gelegenheit für mich ergab zu fliehen. Ein Gewehr hatte ich noch immer nicht. Eines nachts war in einer Baracke Feuer ausgebrochen. Alle Gefangenen mußten zum Lö¬schen kommen. Blitzschnell warf ich mich unter mein Bett. Als die Baracke leer war, wagte ich mich ans Fenster. Draußen herrschte ein großes Durcheinan¬der. Die Posten auf den Wachttürmen schauten dem Feuer und dem Hin und Her im Lager zu.
Schnell holte ich meine Sachen aus dem Versteck, wickelte alles in meine Decke und schlüpfte zur Tür hinaus. An der Baracke schlich ich mich entlang, bis ich unbemerkt an die Umzäunung kam. Zuerst warf ich meinen Sack hinüber, dann schlüpfte ich unter dem Zaun hindurch. Nun war es wichtig, daß ich in dieser Nacht so weit wie möglich kam. Für mich war es klar, daß die Mitgefangenen mein Verschwinden sofort melden würden. Sie konnten nicht anders, wenn sie sich nicht selber gefährden wollten. Wenn ich großes Glück hatte, würden sie mit der Meldung ein Weilchen warten. Vielleicht glaubten sie auch, ich sei noch irgendwo bei der Löscharbeit. Das war meine Chance.
Auf jeden Fall würden mich die Suchmannschaften erst bei Tagesanbruch verfolgen. Es würde eine richtige Treibjagd werden mit blutrünstigen, extra auf Menschen abgerichteten Hunden. Die sind schlimm und gefährlich, schlimmer als Wölfe, denn sie töten auf Befehl, die Wölfe jedoch aus Hunger. Wenn solche Hunde einen Gefangenen alleine aufspüren, zerreißen sie ihn in tausend Fetzen.
Zuerst lief ich wie ein Verrückter durch den Wald, meine Lungen taten mir weh. Ich drehte regelrecht durch. Das war gefährlich, denn es kann passieren, wie es schon manchem ergangen ist, daß man dann völlig den Verstand verliert und im Wald hilflos umherirrt. Als ich mir darüber klar wurde, setzte ich mich auf den Boden und schloß die Augen. Nur ruhiges, überlegtes Handeln konnte mich retten, ich mußte meine ganze Kraft zusammennehmen.
Ich zitterte am ganzen Körper, die Versuchung war groß, mich fallen zu lassen und zu schlafen, denn ich hatte ja einen schweren Arbeitstag hinter mir.
Es gelang mir, mich wieder zu fangen. Gott sei Dank war die Nacht hell, so daß ich mich nach den Sternen orientieren konnte. Ich mußte tief in die Taiga hinein, und zwar in den Sumpf, nur so konnte ich ent¬kommen.
Zuerst ging ich langsam weiter, atmete tief ein und aus und beruhigte mich allmählich. Energie und Lebens¬wille kehrten zurück.
Ununterbrochen marschierte ich weiter, durchquerte öfter Wasserläufe. Einige Male ging ich wegen der Hunde direkt im Bach entlang, um meine Spur zu verwischen.
Wie weit ich in dieser Nacht gekommen war, wußte ich nicht genau. Eines aber wußte ich: weit genug, um auszuruhen, war es noch nicht. Immer weiter ging ich. Ab und zu fand ich Beeren oder Pilze, die ich roh aß.
Meine Füße taten entsetzlich weh, und ich war todmüde. Aber die Angst trieb mich unaufhaltsam weiter. Gegen Abend kam ich an einen größeren Fluß. Den mußt du noch überqueren, war mein Gedanke. Dann wollte ich mir einen Schlafplatz suchen. Aber es wurde dunkel, ehe ich eine geeignete Stelle zum Hinüberkommen gefunden hatte. Also mußte ich diesseits des Flusses nächtigen.
Ohne Gewehr hatte ich aber Angst, mich einfach auf den Boden zu legen. Deshalb kletterte ich auf einen Baum und kauerte mich in eine große Astgabel. Mit einem Seil band ich mich an dem Ast fest.
Hungrig, aber zufrieden schlief ich sofort ein und wachte erst wieder gegen Morgen auf, als mir kalt wurde. Ich war sofort hellwach und kletterte vom Baum. Dann schaute ich mich nach etwas Eßbarem um. Außer Pilzen fand ich nichts. Aber ich entdeckte eine Stelle, an der ich den Fluß überqueren konnte. Schuhe und Kleider hielt ich über meinen Kopf und watete nackt hindurch. Das Wasser war entsetzlich kalt. Ich zitterte, und meine Zähne klapperten.
Als ich auf der anderen Seite aus dem Wasser kam und aufschaute, stand da plötzlich ein Mann. Entsetzt starrte ich ihn an.
Aus, 'es ist aus! dachte ich.
Der Mann stand da und schaute mich an, nicht unfreundlich, aber auch nicht gerade freundlich. Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, er stand einfach da und rührte ich nicht. Ich zog mich an, während er mich dabei beobachtete.
,Du bist kein Jäger', sagte er plötzlich zu mir. ,Ein Jäger hat ein Gewehr, du hast keins. Du kannst mir erzählen, daß du dein Gewehr verloren hast. Das nützt dir aber nichts, ein Jäger verliert sein Gewehr niemals. Zeit hast du auch nicht, dich treibt die Angst über den Fluß, du bist ein entsprungener Häftling.'
Neben dem Mann stand ein riesiger grauer Wolfs¬hund. So war es zwecklos, mich auf den Mann zu stürzen. Ruhig, Timofej, sagte ich mir. Er ist vielleicht kein Feind.
,Du weißt, daß jeder, der einen entsprungenen Sträfling zurückbringt, eine Belohnung von zwanzig Goldrubeln bekommt. Nicht, daß denen ein Häftling so viel wert wäre, o nein! Sie brauchen den Entsprun¬genen zur Abschreckung. Er wird vor den anderen Gefangenen ausgepeitscht.'
Dann sagte er lange nichts mehr. Er schaute mich nur an.
,Ich bin kein Häftlingsjäger. Das will ich dir gleich sagen. '
Mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich wollte mich bei ihm bedanken und machte zwei Schritte auf ihn zu. Der Hund knurrte tief und unüberhörbar, er stand da mit gefletschten Zähnen. Ich blieb erschrocken ste¬hen. Der Mann lächelte.
,Ich bin gut beschützt, mein treuer Skori läßt keinen an mich heran.'
Seine Augen leuchteten bei diesen Worten. Mit der linken Hand kraulte er seinen Hund hinter den Ohren.
Ich stand immer noch reglos auf dem gleichen Fleck. Was wird der Mann jetzt tun? fragte ich mich.
,Es ist gut, Skori', sagte er zu seinem Hund, ,sei brav, es ist kein Feind - allerdings auch kein Freund.' Der Hund legte sich sofort hin. Er wußte, daß er zwar wachsam bleiben mußte, daß aber die unmittelbare Gefahr vorbei war.
,Komm mit an mein Lagerfeuer', forderte der Mann mich auf. Ich ging hinter den beiden her. Der Hund schaute sich ab und zu um, ob ich auch hinterher käme.
Am Lagerfeuer hing ein Kessel mit Tee, eine Pfanne mit gebratenem Fisch stand daneben.
,Setz dich ans Feuer und wärm dich.'
Er nahm einen Becher, goß Tee ein und reichte ihn mir. Dankbar nahm ich den Becher zwischen meine eiskalten Hände. Ich fror entsetzlich.
Sollte dies das Ende meiner Flucht sein? fragte ich mich.
,Du weißt, daß ich die Pflicht hätte, dich auf die nächste Polizeistelle zu bringen. Aber', fuhr er schnell fort, ,ich werde meine Pflicht nicht tun. Natürlich dürfen wir nicht zusammenbleiben. Ich darf dir nicht helfen, auch das ist verboten.'
Ich wurde nicht ganz schlau aus ihm.
Eines stand für mich fest: Er hatte viel Zeit, ich hatte keine, denn mir waren die Verfolger auf den Fersen. Auch wenn ich bis jetzt noch niemanden gesehen hatte; war ich sicher, daß der Lagerkommandant in allen Himmelsrichtungen nach mir suchen ließ. über¬all gab' es Gefangenenlager in der Taiga, und von jedem Lager aus würde auf mich ein Suchtrupp angesetzt werden.
Ich wurde unruhig.
,Laß mich gehen, Jäger', bat ich den Mann.
,Zuerst wird gegessen und Tee getrunken', sagte er. ,Du darfst nicht so hastig sein bei deiner Flucht. Einen klaren Kopf und einen vollen Magen, das ist es, was du brauchst! Es ist meine Pflicht als Mensch und Christ, dafür zu sorgen, daß du beides bekommst.'
Wir verzehrten alles, was in der Pfanne war; es schmeckte herrlich. Bei diesem Frühstück nahm ich mir vor, nicht aufzugeben. Meine Flucht mußte gelingen!
Ich wollte wieder Mensch sein, ein Mensch ohne Nummer. Ich wollte wieder Timofej Kornekof Alex¬androwitsch sein.
,Was hast du da in der Decke? Kannst du mir etwas verkaufen?' fragte mein Gastgeber.
,Tabak', war meine Antwort. ,Aber verkaufen? Was soll ich mit Geld? Ein Gewehr das brauche ich, und Munition dazu.'
Mein Gastgeber stand auf und holte ein Bündel, daraus zog er eine Schrotflinte.
,Hier hast du ein Gewehr. Zugegeben, ein sehr altes Modell, aber ein gutes Gewehr.'
Er drückte es mir in die Hände. Ungläubig starrte ich ihn an. Er hilft mir ja doch! Wortlos nahm ich das Gewehr und ließ einige Male den Hahn schnappen. ,Es scheint in Ordnung zu sein', meinte ich. ,Natürlich ist es in Ordnung. Glaubst du etwa, ich will dir ein Gewehr, das nicht funktioniert, andrehen? Zeig deinen Tabak, vielleicht reicht es auch noch für Schrot.'
Ich wickelte meine Decke auseinander und gab ihm den ganzen Tabak, den ich drei Jahre lang gesammelt hatte.
Die Augen des Mannes hingen daran.
,Das sind ja fast drei Kilogramm', sagte er. ,Da gebe ich dir natürlich Schrot und eine Pfanne dazu.'
,Gib mir auch noch etwas Speck', bat ich den Mann. Er schnitt ohne Widerspruch ein Stück ab und reichte es mir herüber. Der Verzicht auf das Rauchen hatte sich gelohnt. Ohne Tabak wäre es unmöglich gewesen zu fliehen. Gegen Tabak konnte man vieles eintau¬schen.
Ich verstaute Pfanne, Schrot und Speck in meiner Decke und hängte das Gewehr über meine Schulter. Nachdem ich mich bei meinem Gastgeber bedankt hatte, machte ich mich erneut auf die Flucht. Der Mann beachtete mich nicht mehr. Er blieb sitzen und starrte in das ausgehende Feuer.
Den ganzen Tag ging ich ohne Zwischenfälle flußauf¬wärts. Feuer zu machen, wagte ich nicht. So mußte ich zwei Fische roh essen, die ich mit einer selbstgemach¬ten Angel gefangen hatte. Am Abend verließ ich den Fluß und ging in den Wald, um irgendwo wieder auf einem Baum zu schlafen.
Am dritten Tag stieß ich zum erstenmal auf meine Verfolger, zwei Männer mit einem Hund. Sie kreuz¬ten allerdings nicht meinen Weg, so daß der Hund keine Witterung von mir bekam. Das Glück war auf meiner Seite. Aber sie waren hinter mir her, das sah ich jetzt. Und zwar verdammt dicht. Diese, konnte ich gerade noch abhängen, aber würde es mir auch bei den anderen gelingen?
Mir war klar, daß sie einen Ring um mich ziehen würden, um mich zu fangen. Den ganzen Tag ging ich durch den Wald. An den Fluß zurückzugehen, wagte ich nicht, denn am Fluß würde man mich am ehesten suchen. Durstig und hungrig gelangte ich am Abend an ein Sumpfgebiet. Große Bäume wuchsen hier nicht mehr, nur noch Gesträuch, ein Zeichen, daß der Sumpf bald begann.
Es war fast dunkel.
Ich überlegte, ob ich noch ein Stück hineingehen oder gleich hier am Rande übernachten sollte. War das Sumpfgebiet groß, daß wußte ich nicht? Eine innere Stimme warnte mich.
Ich machte mit der Hand eine Mulde, in der sich schmutziges Wasser sammelte. Das trank ich. Zu essen gab es nichts. Völlig übermüdet legte ich mich hin und schlief sogleich ein.
Gegen Morgen hörte ich es erst im Unterbewußtsein. Dann wurde es immer lauter. Kein Zweifel- es war Hundegebell. Erschrocken sprang ich auf, packte mein Bündel und lief in den Sumpf. Ich hüpfte von einem Grasbüschel zum anderen, dabei war ich viel zu hastig. Oft schwankte ich bedenklich.
Das Gebell wurde immer lauter, die Hunde hatten meine Fährte aufgenommen. Sicher dauerte es nicht mehr lange, und meine Verfolger entdeckten mich.
So schnell ich konnte, hastete ich weiter. Lieber sterbe ich im Sumpf, dachte ich, und die grausamsten Gedanken gingen mir dabei durch den Kopf. Fangen, laß ich mich nicht!
Ich schaute mich um, konnte aber nichts sehen, weder Hunde noch Menschen. Wie weit ich schon im Sumpf war, wußte ich nicht. Ich hatte jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren. Wie betrunken schwankte ich über den Sumpf, von den Hunden war immer noch nichts zu sehen, und hören konnte ich sie auch nicht mehr. Waren es vielleicht doch nur Jäger gewesen, daß fragte ich mich nun?
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als ich höheres Gestrüpp erreichte. Das bedeutete, daß ich bald festen Boden unter die Füße bekommen würde. Als es dann soweit war, wurde mir schlecht. So schlecht, daß ich mich übergeben mußte, und es tat entsetzlich weh, weil ich nichts im Magen hatte.
Erneutes Hundegebell trieb mich weiter. Meine Sinne standen auf Hochtouren, ich mußte herauszufinden, woher das Gebell kam. Es muß rechts von mir sein, dachte ich, also lief ich nach links. Durch Buschwerk, über kleinere Sumpf¬stellen, durch Wasserpfützen, immer weiter. Hinter mir die Hunde und die nackte Angst im Genick.
Plötzlich kam ich an einen Fluß. Zuerst trank ich, trank, und trank, ohne das ich auf das Gebell achten.
Ich war völlig ausgetrocknet. Schon hörte ich ein Brechen von Ästen und das Keuchen der Hunde. Mir blieb nichts anderes übrig, als durch den Fluß zu waten. Ohne lange zu überlegen, ging ich hastig ins Wasser.
Das war die Rettung. Ein großer Hund brach direkt hinter mir durchs Unterholz. Da blieb er stehen und starrte mich verdutzt an. Im selben Augenblick kam noch ein Hund, der blieb auch stehen und knurrte mich an. Sie bellten beide nicht, sondern liefen am Fluß hin und her. Anscheinend wußten sie nicht, was sie tun sollten.
Plötzlich krachte ein Schuß. Die Hunde fingen sofort an zu bellen und zeigten dadurch ihren Besitzern an, wo sie waren. Deshalb also der Schuß.
Ich watete weiter in den Fluß hinein. Meine Decke und das Gewehr hielt ich über meinen Kopf, um sie vor Nässe zu schützen. Auf der anderen Seite angekommen, begann ich sofort, meine Flinte zu laden. Ich muß die Hunde erschießen, dachte ich. Nur so gab es ein Entkommen. Wenn nur die Jäger nicht so schnell auftauchten und mir Zeit blieb, meine Schrotflinte fertig zu laden. Meine Hände zitterten, doch mit meiner ganzen Willenskraft schaffte ich es doch.
Gerade als ich meinen Kopf hob, tauchte drüben der erste Jäger auf. Ich lag hinter einem Gebüsch, so daß er mich nicht sehen konnte. Der Jäger kniete sich hin und untersuchte den Boden, wahrscheinlich um zu sehen, ob ich an dieser Stelle durch den Fluß gegangen war. Dann stand er auf und schaute herüber, ohne mich zu sehen. Anscheinend wollte er auf seinen zweiten oder gar dritten Mann warten. Er nahm seinen Rucksack ab, warf ihn auf den Boden und ging zurück in den Wald.
Das war meine Chance! Die Hunde standen immer noch da und bellten. Ich hob das Gewehr, zielte auf den großen Hund und drückte ab. Er heulte auf und wälzte sich am Boden. Ich hatte also getroffen. Schnell lief ich weiter. Was sich dort drüben tat, wußte ich nicht. Den Hund würden sie bestimmt erschießen müssen, aber aufgeben würden die nicht!
Waren vier oder gar zehn Tage seither vergangen? Ich wußte es nicht mehr. Ich hastete durch die Taiga, wechselte über Flüsse und Bäche, durchwanderte Sümpfe und Wälder. Meine Verfolger sah und hörte ich öfter, konnte aber jedesmal entkommen.
Ich war fast am Ende. Seit dem Frühstück bei dem Jäger hatte ich nichts Warmes mehr gegessen. Ich ernährte mich von rohen Fischen und Beeren, und ab und zu fand ich Enteneier am Wasser, die ich trank.
Die Angst und Hetze verbrauchten all meine Kraft.
Einmal stieß ich unverhofft auf den Mann, von dem ich mein Gewehr hatte. Er saß am Feuer und kochte sich etwas zu Mittag. Der Wind kam von hinten, so daß mich kein Brandgeruch gewarnt hatte. Als ich fast bei ihm war, schlug der Hund an. Entsetzt rannte ich davon, aber als er mir nachrief und ich ihn an der Stimme erkannte, kehrte ich um.
,Ich bewundere dich', sagte er zu mir. ,Viele Men¬schenjäger machen Jagd auf dich. Du bist allen entkommen. Am Anfang habe ich immer wieder einmal welche getroffen, da waren sie noch voller Gewißheit, dich zu fangen. Nach und nach änderte sich das. Die Verfolger meinen, du stündest mit dem Teufel im Bunde. Ich lachte in mich hinein. Es freute mich, daß du schlauer warst als die. Leider konnte ich denen das nicht sagen. Absichtlich bin ich nicht in eine andere Richtung gezogen, wie ich es ursprüng¬lich vorhatte. Mich interessierte, was aus dir würde. Oder sagen wir besser, ich wurde neugierig, wie lange du es noch schafftest, denen zu entkommen. Deshalb habe ich mich immer in deiner Nähe herumge¬trieben.'
Ich blieb einige Tage mit dem Mann zusammen. Er schoß einmal ein Reh, einmal eine Wildente. Das gute Essen brachte mich schnell wieder zu Kräften.
Als er sich von mir verabschiedete, fragte ich ihn nach seinem Namen.
,Das zu wissen, ist unnötig', antwortete er. ,Wenn sie dich doch noch kriegen, weißt du nicht wer ich bin, und kannst mich nicht verraten.'
Lächelnd ging er fort.
Viele Wochen zog ich nun schon durch die Taiga, hatte gelernt, mich zu ernähren, und ich verstand es, denen, die nach mir suchten, aus dem Wege zu gehen. Sie machten anscheinend nicht mehr direkt Jagd auf mich, das spürte ich. Jedoch war jeder Mann für mich eine Gefahr, also wich ich allen aus.
Einmal hätten sie mich fast doch noch gefaßt. Das war im Herbst. Ich briet mir gerade eine Wildente, die ich mit einer Falle gefangen hatte. Plötzlich hörte ich Hundegebell. Schnell löschte ich mein Feuer, raffte meine Sachen zusammen und lief davon. Ein Hund holte mich ein und sprang mich an. Ich konnte mich aber mit dem Gewehr verteidigen: Ein kräftiger Hieb über den Kopf des Tieres, und er ließ von mir ab. Fast irrsinnig vor Angst lief ich weiter. Der Hund blieb mir auf den Fersen, aber immer in sicherem Abstand. Das Bellen machte mich fast wahnsinnig. Von dem Jäger sah ich jedoch noch nichts, aber ich hörte ihn. Wahrscheinlich wollte er mich zu Tode hetzen. Er trieb mich vor sich her wie ein jagdbares Wild. Das ging vier Tage so.
Dann merkte ich, warum der Jäger es nicht eilig hatte. Er trieb mich direkt auf ein kleines Gebirge zu. Von weitem sah es so aus, als wäre das mein Ende und ein Entkommen aussichtslos. Denn, wenn die Berge auch nicht hoch waren, so waren sie doch ziemlich steil. Da hinaufzu¬klettern, wäre für mich Selbstmord gewesen.
Als der Wald aufhörte und ich zu einer kleineren Lichtung kam, blieb der Hund stehen. Anscheinend hatte sein Herr ihn zurückgepfiffen. Schießen würde der Jäger nicht, das war mir klar. Jagdprämien, gab es nur für einen lebenden Häftling.
Schnell überquerte ich die Lichtung. Am Berg entlang floß ein kleiner Bach. Ich ging Bach aufwärts und kam bis zur Quelle. Sie sprudelte aus einer Felsspalte. Ich schaute zurück, konnte aber von meinem Verfolger nichts entdecken. Ohne lange zu zögern, versuchte ich, mich in den engen Spalt zu zwängen. Ich schaffte es nicht! Schon wollte ich aufgeben. Da - wieder das Hundegebell! Mit Gewalt drückte ich mich in die Felsspalte und stürzte zu Boden.
Benommen raffte ich mich auf. Ich stand in einer kleinen Höhle. Es roch gut, nicht so modrig wie in manchen anderen Höhlen. Langsam tastete ich mich voran, immer dem plätschernden Wasser nach. Wo kommt das Wasser her? dachte ich. Vielleicht gibt es noch einen zweiten Ausgang. Die Höhle wurde immer dunkler. Nur langsam konnte ich mich vor¬wärts bewegen. Bald merkte ich, daß ich in ein Höhlenlabyrinth geraten war. Ich wollte umkehren, aber das gelang nicht. Ich konnte mich überhaupt nicht mehr zurechtfinden.
So irrte ich viele Stunden umher. Völlig übermüdet suchte ich mir ein einigermaßen trockenes Plätzchen zum Schlafen.
Eines hatte ich in Hülle und Fülle: Wasser, schönes kaltes klares Wasser. Sehen konnte ich es nicht, aber es mußte klares Wasser sein, denn es schmeckte wun¬derbar!
Nach einem langem, und erholsamen Schlaf wachte ich auf, tiefe Dunkelheit umgar mich. Ich lag da und fror und dachte über meine Lage nach. Plötzlich spürte ich einen Luftzug. Voller Freude sprang ich auf und ging in die Richtung, aus der meiner Meinung nach, der Luftzug gekommen war. Die Höhle wurde größer, und es zog immer mehr. Voller Spannung ging ich weiter. Ich war gerettet, das wußte ich!
Als ich dann einen schwachen Lichtschein sah, hätte ich am liebsten vor Freude laut aufgeschrieen. Nur der Gedanke an meinen Verfolger hielt mich davon ab. Als ich an den Ausgang kam, sah ich sofort, daß die Höhle mehrere Zugänge haben mußte.
Was ich sah, war wunderschön! Es war der Platz, an dem heute meine Hütte steht."
Timofej sah zu Eugen hinunter, aber der war einge¬schlafen. Zuerst war Timofej enttäuscht. Da erzählte er schon über eine Stunde, und der Junge schlief! Aber dann stand Timofej schnell auf, legte Eugen ins Bett und deckte ihn liebevoll zu.
"Schlaf schön, mein Söhnchen. Morgen gibt es wieder einen neuen Tag“.
Neue Tage gab es noch viele. Sie verbrachten herrliche Wochen miteinander. Gewiß, sie hatten viel Arbeit. Die Hütte mußte jeden Sommer neu ausgebessert und winterfest gemacht werden. Teekräuter und Pilze mußten gesammelt und getrocknet werden, Fische wurden gefangen und ebenfalls zum Trocknen an die Hüttenwand gehängt.
Ja, Arbeit gab es genug. Trotzdem fanden sie noch Zeit, durch die Taiga zu streifen. Eugen war so richtig glücklich bei Timofej. Deshalb erschrak er sehr, als Timofej eines Tages zu ihm sagte: "Es ist Zeit, mein Junge! Wir müssen nach Jetgul und fragen, wie es Kolka geht. Du wirst es nicht glauben, aber der Herbst steht vor der Tür. Mit den ersten Frösten verschwindet zwar auch die schlimmste Plage der Taiga, die Schnaken. Das Leben hier wird dadurch noch schöner. Aber es hilft nichts, wir müssen jetzt fort."
Eugen wurde traurig. "Es war so schön, Großväter¬chen, mit dir durch die Taiga zu ziehen." Das hatte nun ein Ende.
Je näher sie Jetgul kamen, desto trauriger wurde Timofej. Er hatte sich so an Eugen gewöhnt. Es war so schön, mit jemandem sprechen zu können. Ich werde alt, dachte Timofej, alt und geschwätzig. Früher war er froh, alleine zu sein, und jetzt sehnte er sich nach einem Menschen, der immer bei ihm lebte. Das würde wieder vergehen, wenn Eugen fort war, tröstete er sich.
In Jetgul erfuhren sie, daß Kolka wieder in Moskau war. Er ließ Timofej ausrichten, daß er von dort schreiben würde.
Timofej baute sich einen Ziehschlitten, und Eugen half ihm kräftig dabei. Reden konnten beide nicht mehr so wie in der Taiga, denn der bevorstehende Abschied stand zwischen ihnen.
Timofej kaufte all die notwendigen Sachen, die er für den langen Winter brauchte. Als es in Jetgul nichts mehr zu tun gab, ging Timofej noch einmal auf die Jagd. Eugen durfte mit. Sie sagten nicht viel, jeder hing seinen Gedanken nach.
Auf einmal blieb Eugen stehen und fing an zu weinen. Scharik schaute ihn ganz treuherzig an, Barbos bellte einige Male und zockelte davon.
"Was ist, mein Junge? Fällt dir der Abschied so schwer?" Timofej strich ihm übers Haar. Das brachte Eugen noch mehr zum Weinen. "Großväterchen", schluchzte er, "Großväterchen, ich will bei dir bleiben! Bitte, bitte! Nimm mich mit zur Hütte. Ich werde auch immer folgsam sein, und dir helfen, wo ich nur kann! Du wirst sehen Großväterchen, wie schnell es dann wieder Frühling wird."
Etwas unbeholfen stand Timofej diesem Ausbruch gegenüber. Wollte er nicht selbst, daß Eugen bei ihm blieb? Die widersprüchlichsten Gedanken gingen ihm durch den Kopf: Der Winter in der Taiga ist hart. - Aber ich habe eine warme Hütte! - Der Winter ist lang, er kann krank werden! - Dann lege ich ihn auf den Schlitten und bringe ihn nach Jetgul. - Bis du Jetgul erreichst, ist er auf dem Schlitten erfroren! ¬
Warum soll er überhaupt krank werden? Er ist jung, ich gebe ihm genug zu essen, ziehe ihn warm an und heize in der Hütte. - Mach keinen Fehler, der nicht wieder gutzumachen ist!
Timofej ging still und bedrückt zurück nach Jetgul. Er hatte keine Lust mehr zum Jagen.
Inzwischen war Post eingetroffen. Das war jedesmal ein Ereignis für alle. Jetgul war ein sehr kleines Dorf, es bestand aus vier Häusern. Nur der Pelzhändler mit seiner Frau und dem hübschen Töchterchen Sonja lebten dort, und einige Holzfäller und Jäger.
Alle zwei Wochen kam ein Bote und brachte die Post in alle Dörfer der Taiga. Und er brachte einen Brief von Kolka. Er schrieb, es ginge ihm gut und er könnte wieder laufen. Es tat ihm sehr leid, daß er einen Sommer verloren hatte, aber er freute sich auf das Wiedersehen. Er bat Timofej, den Jungen zur Ba¬buschka nach Retschka zu schicken. Falls das nicht ginge, sollte Eugen den Winter bei Mitja Iwanowitsch verbringen.
"Nächstes Jahr", so schrieb Kolka, "komme ich und hole Eugen."
Timofej schaute Eugen an. "Hast du gehört, Eugen? Du sollst bei Mitja Iwanowitsch bleiben. Ich denke, dann kannst du den Winter ebensogut bei mir verbringen."
Eugen sprang auf und umarmte Timofej glücklich. "Oh, Großväterchen! Ich danke dir tausendmal!"
Sie lachten und hüpften im Laden herum wie die Wilden. Plötzlich blieb Timofej stehen.
"He!" rief er. "Mitja Iwanowitsch! Breite deine Schätze vor uns aus. Wir müssen für unseren Eugen einkaufen! Er braucht warme, gefütterte Stiefel, eine Pelzjacke, Handschuhe, eine Pelzmütze und noch einiges andere. Los, los, Mitja Iwanowitsch! Wir haben keine Zeit mehr. Die Taiga ruft ihre zwei größten Jäger!"
Timofej war guter Laune.
Der erste Schnee fiel, als Eugen und Timofej ihre Sachen auf dem Ziehschlitten verstaut hatten.
"Das ist nur ein Vorbote. Der erste Schnee bleibt selten liegen. Die Erde ist noch zu warm, aber das macht nichts", meinte Timofej. "Wir ziehen den Schlitten über Stock und Stein, was brauchen wir Schnee!"
Barbos und Scharik tobten um den Schlitten herum. Sie waren jetzt gute Freunde. Scharik war in diesem Sommer größer und stärker geworden und fast so groß wie Barbos.
"Springt nur", rief Timofej ihnen zu, "bald ist es aus damit. Ihr müßt helfen, den Schlitten zu ziehen."
"Das machen wir doch selber, Großväterchen Timo¬fej", sagte Eugen.
"Ich möchte nicht, daß Scharik es so schwer hat!"
"Wer essen will, der muß auch arbeiten, mein Sohn! Die zwei essen, also müssen sie auch etwas tun. Es schadet ihnen nichts, sie sind beide stark und ausge¬ruht. Barbos hat das schon immer gemacht, und Scharik muß sich auch daran gewöhnen."
Die Bewohner von Jetgul standen da und gaben tausend Ratschläge mit auf den Weg.
"Auf Wiedersehen im Frühjahr!" riefen sie ihnen nach. "Kommt gesund und reich mit Fellen beladen wieder!"
Timofej und Eugen machten sich froh auf den Weg, Barbos und Scharik zogen den Schlitten. Scharik hatte sich verzweifelt gewehrt. Es half nichts! Timofej zwang ihn zur Arbeit. Natürlich mußten die beiden Hunde den Schlitten nicht alleine ziehen. Abwech¬selnd spannten sich Timofej und Eugen dazu mit ein.
"Diesmal gehen wir nicht über den Sumpf", sagte Timofej. "Wir brauchen zwar eine Woche länger, aber wir haben ja Zeit genug. Du wirst sehen was es alles noch in der Taiga zu sehen ist und was wir alles sammeln können."
Eugen war überglücklich. Er hatte viele Sachen von Timofej bekommen: ein Beil, ein Messer, eine Angel¬schnur mit ein paar Haken. Ski, mehrere Bücher und Farbstifte mit einige Zeichenblöcke.
"Das sind Dinge die du unbedingt brauchst", sagte Timofej. "Du bist ab jetzt mein Partner, und alle Felle, die wir erbeuten, werden geteilt. Es wird ein schöner Winter werden, und wenn wir zu Hause sind, habe ich für dich noch eine große Überraschung."
"Was für eine Überraschung, Großväterchen?" "Abwarten, mein Sohn, abwarten! Du mußt Geduld haben, nicht so neugierig sein."
Er lächelte und sah glücklich aus, denn diesen Winter brauchte er nicht mehr allein zu sein.
Sieben Tage waren die beiden Jäger schon unterwegs. Sie hatten es nicht so eilig. Timofej zeigte Eugen vieles Neue, er machte ihn auf alles aufmerksam.
Zu essen hatten sie genug, denn Timofej hatte einen Rehbock geschossen, der reichte für ein paar Tage. Der Weg führte sie durch einen dichten Wald, deshalb ließ Timofej die Hunde laufen und spannte sich selber vor den Schlitten. Da geschah etwas Unerwartetes.
Eugen war vorausgegangen, um den besten Weg für den Schlitten zu suchen. Scharik lief vor Eugen her, Barbos folgte. Es war so friedlich. Dann ging alles sehr schnell: Ein Tier stürzte sich plötzlich auf Eugen und riß ihn zu Boden. Eugen fiel aufs Gesicht, spürte einen scharfen Schmerz und dann nichts mehr. Im gleichen Augenblick warfen sich Barbos und Scharik mit wütendem Gebell auf das Tier, einen Luchs. Sofort war Timofej da, versuchte, die kämpfenden Tiere zu trennen, um Eugen zu helfen. Er riß Scharik zurück, bekam den Luchs zu fassen, der gleich von Barbos gepackt wurde. Eugen lag da und regte sich nicht. Timofej hob ihn auf und trug ihn vorsichtig zum Schlitten. Seine rechte Schulter blutete, sonst konnte er nichts finden. Beruhigend streichelte er Eugens Wangen.
"Komm schon mein Junge! Es ist ja alles gut", rief er immer wieder. Endlich machte Eugen machte die Augen auf.
"Na also! Jetzt sind wir ja wieder auf der Erde." Timofej lächelte Eugen an. "Was ist, mein Junge? Wo tut es dir weh?"
Timofej zog Eugen die Jacke aus. Der Luchs hatte ihn mit seinen scharfen Krallen an der Schulter erwischt. Zwar blutete die Wunde stark, es war aber weiter nicht schlimm.
"Das geht vorbei", tröstete Timofej. "Ich verbinde dich, näh das Loch in der Jacke zu, und alles ist wieder wie neu."
Die Hunde aber ließen dem Luchs keine Chance. Barbos hatte ihn am Genick und schüttelte ihn hin und her. Scharik biß immer wieder zu, und dann war der Luchs tot. Die Hunde konnten sich nur schwer beruhigen.
Das Fell des Luchses war total zerrissen, und es lohnte sich nicht, es abzuziehen. Timofej schimpfte mit Barbos.
"Du hast das ganze Fell zerrissen, du böser Hund." Er hielt ihm den Luchs unter die Nase. "Aber macht nichts, ich kann euch zwei ja gut verstehen. Er hat es gewagt, unseren besten Freund anzugreifen. Ihr habt's dem ordentlich gezeigt, was?"
Scharik hatte jedoch eine tiefe Wunde, er lag neben dem Schlitten und leckte sie. Timofej versorgte auch ihn.
"Wir bleiben heute Nacht einfach hier", sagte Timo¬fej. "Wir gehen nur etwas näher zum Fluß. Dort machen wir ein Feuer und braten Fische."
"Aber meinetwegen brauchen wir nicht jetzt schon haltzumachen. Ich fühle mich wieder völlig in Ordnung. Die paar Kratzer im Gesicht und die kleine Wunde an der Schulter tun nicht mehr weh."
Timofej schaute Eugen besorgt an. Der war zwar immer noch sehr blaß, hatte aber den Schreck überwunden, oder tat mindesten als hätte er es überwunden.
"Ich habe mit offenen Augen geträumt, Großväter¬chen. Du hast mir mal gesagt, in der Taiga darf man nicht schlafen. Aber meine Gedanken waren bei meiner Mutter."
"Macht nichts, mein Junge! Das ist schon erfahrene¬ren Jägern passiert. Der Luchs ist ein schlaues Tier, er springt vom Baum auf sein Opfer. Wir haben seinen Weg gekreuzt. Er hat jetzt noch genug Futter, im Winter hätte er uns tagelang verfolgt. Aber wenn du meinst, daß du gehen kannst, ziehen wir weiter."
"Doch, doch, ich kann gut gehen", sagte Eugen schnell. "Du wirst sehen, ich passe jetzt besser auf."
"Ja, mein Söhnchen, aus Schaden wird man klug. So ist es im ganzen Leben."
Je näher sie der Hütte kamen, desto mehr freuten sie sich. Sie würde für Eugen ein Zuhause sein, wenn auch nur einen Winter lang.
Timofej zog mit Barbos den Schlitten; Eugen und Scharik gingen voraus. Als sie die Hütte erreichten, schneite es wieder. Der Boden war zwar noch nicht gefroren, aber das konnte nicht mehr lange dauern. Es war Ende September, und die ersten Nachtfröste setzten ein.
Timofej und Eugen trugen die mitgebrachten Sachen in die Hütte. Dann machte Timofej Feuer und stellte Wasser auf für den Tee.
"Zuerst wollen wir etwas Ordentliches essen und heißen Tee trinken. Dann räumen wir unser Zeug in die Regale."
Geschäftig ging Timofej hin und her. Er holte zwei Becher und stellte sie auf den Tisch.
"Los, Eugen, stell zuerst den Hunden etwas zum Fressen hin. Wir müssen auch die Schnüre mit den Trocken¬pilzen von der Hüttenwand abnehmen und versorgen. Von morgen an, haben wir viel Arbeit. Wir hacken jeden Tag einige Stunden Holz, das ist jetzt sehr wichtig. Wir brauchen viel, und es muß alles um die Hütte herum aufgesta¬pelt werden. Das wärmt zusätzlich und hält den Wind ab, der meistens aus Westen kommt. Es kann sein, daß wir wegen der Schneestürme oder der Wölfe die Hütte tagelang nicht verlassen können. Deshalb will ich so bald wie möglich einen Elch oder einen Hirsch schießen. Das kann ich aber nur, wenn es Dauerfrost gibt. Das Fleisch hängen wir an Stricken auf, die ich von einem Baum zum anderen spanne. Jedes Stück Fleisch wird so aufgehängt, daß ich es einzeln herunterlassen kann. Auf diese Weise ist es absolut sicher vor Luchs, Vielfraß und anderen Räubern. Im Winter können wir auch Fische fangen. Ich schlage Löcher ins Eis, und dann angeln wir. Du wirst sehen, es wird ein herrliches Leben. Langeweile wirst du nicht haben, daß verspreche ich dir."
Einige Tage später hatten sich Eugen und Timofej so eingerichtet, daß alles wie am Schnürchen klappte. Jeder hatte seinen Aufgabenbereich. Eugens Aufgabe war, Feuer zu machen und jeden Morgen das Holz für den Tag in die Hütte zu schaffen. Auch die Hunde mußte er versorgen.
Timofej war der "Oberaufseher", wie er lachend sagte. Er kümmerte sich um das Essen, backte Brot und hielt die Gewehre in Ordnung.
Die versprochene Überraschung für Eugen war nämlich ein eigenes Gewehr!
"Ein echter Taigajäger braucht eins", meinte Timofej. "Hier, mein Junge, das schenke ich dir."
Eugen konnte es kaum fassen.
"Ist das auch wirklich wahr, Großväterchen? Wahrhaftig und richtig wahr? Das Gewehr ist jetzt meines? Und ich darf damit schießen?"
„Aber ja, mein Junge! Dazu ist ein Gewehr ja da." "Es ist eine Schrotflinte, nicht wahr, Großväter¬chen?"
"Ja, mein Söhnchen, eine Schrotflinte mit Doppel¬lauf. Mir wäre es ja lieber gewesen, wenn sie keinen Doppellauf hätte, dann wäre sie nicht so schwer. Aber Mitja Iwanowitsch hatte nur dieses Gewehr da. Ich zeige dir, wie man damit umgeht. Du mußt viel lernen, diesen Winter. Das will ich dir sagen, ich nehme dich hart ran, um aus dir einen guten Jäger zu machen. Es könnte sein, daß du plötzlich alleine bist in der Taiga, ich könnte vielleicht diesen Winter sterben, dann mußt du versuchen, nach Jetgul zu kommen. Der Weg ist gefährlich und ohne Gewehr selbstmörderisch. Deshalb, mein Junge, müssen wir tüchtig üben. Du mußt einwandfrei schießen können. Das will ich dir beibringen."
Viele Wochen lebten und jagten Timofej und Eugen schon miteinander. Abends zogen sie den erlegten Tieren die Felle ab und spannten sie in der Hütte auf zum Trocknen. An manchen Tagen kamen sie ohne Beute heim. Auch Fallen stellten sie auf, und Timofej erklärte Eugen, worauf er zu achten hatte. „Eine Falle zu stellen ist nicht einfach, wenn du nicht aufpassen tust, dann schnappt die Falle zu und du kannst mit den Finger hineingeraten. Die Fallen sind so stark, das es große Verletzungen geben kann.
Du darfst die Fallen niemals ohne Handschuhe anfassen, sonst bekommt das Wild Witterung vom Menschen." Er war ein ausgezeichneter Lehrmeister, denn Eugen konnte schon gut schießen. Zwei Füchse hatte er bereits alleine erlegt.
An einem Abend, saßen Timofej und Eugen in der Hütte, das Feuer brannte, es war so richtig gemüt¬lich.
"Großväterchen, erzählst du mir, wie du diese Hütte gebaut hast?"
"Du weißt von der Höhle hinter der Hütte", fing Timofej an zu erzählen. "Das war der zweite Aus¬gang, den ich damals fand. Ich war durch den Berg meinem Verfolger entkommen. Als ich dieses Tal zwischen den drei Bergen zum erstenmal sah, verlieb¬te ich mich sofort in diesen Platz.
Den ersten Winter verbrachte ich in der Höhle. Ich hatte zwei Monate Zeit, mir ein Winterquartier zu schaffen. Mit dem Beil, fällte ich mehrere dünne Bäume und schleppte die Stämme in die Höhle. Du weißt ja, das ist jetzt mein Lagerraum.
Ich richtete mir eine Ecke her zum Schlafen und baute armdicke Stämme rundherum, um mich, so gut es ging, vor wilden Tieren zu schützen. Dann hackte ich Holz für den Winter, das ja noch trocknen mußte. Tiere, die ich schießen konnte, gab es genug, aber um Schrot zu sparen, stellte ich Fallen.
Das kostete sehr viel Zeit. Ich arbeitete härter als im Gefangenenlager, aber ich arbeitete in Freiheit und für mich, daß war der Unterschied. Wasser hatte ich in der Höhle genug, so daß ich im Winter keinen Schnee zu schmelzen brauchte. Nur ein Kochtopf fehlte mir, außer der Pfanne, die ich damals von dem Jäger für Tabak eintauschte, hatte ich nichts. Das war schlecht. Hatte ich Tee gekocht, mußte ich ihn gleich austrin¬ken, wenn ich Fisch oder Fleisch braten wollte. Es war alles sehr umständlich und zeitraubend.
Ich hatte nicht genügend warme Kleidung, also mußte ich viel Holz bereithalten, um Tag und Nacht heizen zu können. Meine Hütte in der Höhle war recht gut geworden. Sie war zwar feucht, aber das konnte ja im Winter besser werden, denn ich hoffte, daß dann nicht mehr so viel Wasser in der Höhle sein würde. Mit meinen Fallen fing ich bald einen Fuchs und Ende November sogar einen Bären. Den mußte ich erschießen, ¬den Fuchs schlug ich einfach tot. Das waren die zwei ersten Felle. Ich hängte sie nahe beim Feuer auf und trocknete sie. Das Bärenfleisch vergrub ich im Schnee.
Ich war voller Zuversicht und Hoffnung. Bald streifte ich auf weiteren Erkundungsausflügen durch mein Tal. Nicht allzuweit entfernt fand ich einen Bach, er war stellenweise ziemlich tief. Da gab es Fische in Hülle und Fülle. Teilweise war der Bach schon zugefroren, aber an den offenen Stellen konnte ich noch fischen.
Ich schleppte alles zu meiner Höhle, was ich an Eßbarem fand. Meine Vorräte mehrten sich langsam, aber stetig. An den Schlehenbüschen hingen die schwarzen Früchte. Ich sammelte so viele, wie ich nur konnte. Sie schmecken im Tee besonders gut und verhindern Skorbut. Ganze Äste von den Büsche, schnitt ich davon ab und hängte sie in meiner Höhle auf.
Ich arbeitete von morgens früh bis abends spät. Am meisten, fürchtete ich, daß mein Feuerstein, mit dem ich Feuer schlug verlorengehen könnte. Ich schaute oft fünf-, sechsmal am Tage nach, ob ich ihn noch hatte. Es wurde eine fixe Idee von mir. Oft ließ ich alles stehen und liegen, egal, wo ich gerade war, und lief zurück in die Höhle und stürzte mich auf das Versteck, wo ich ihn aufbewahrte. Dann weinte ich vor Glück, wenn der Stein noch da war. Immer wieder tat ich das. Manchmal zweifelte ich an meinem Verstand. Die Einsamkeit war einfach zu groß. Hätte ich wenigstens einen Hund gehabt, mit dem ich hätte sprechen können. Am schlimmsten war es nachts. Die Dunkel¬heit machte mich fast wahnsinnig, wenn es draußen stürmte und schneite, wenn es nicht mal am Tage hell wurde. Ich litt entsetzlich unter der Einsamkeit und Dunkelheit.
Als der Frühling kam, der erste Sonnenstrahl mich wärmte, ging es aufwärts. Ich hatte stark abgenom¬men und war nur noch Haut und Knochen. Die ersten Fische, die ich fing, aß ich gierig, ohne sie erst zu braten. Nach und nach ging es mir besser. Meine Energie kehrte zurück, ich hatte wieder Freude am Leben.
Im dritten Winter, den ich in dieser Höhle verlebte, wurde ich wochenlang von Wölfen belagert. Zum Glück hatte ich alle meine Vorräte in der Höhle untergebracht. Den Eingang verschloß ich mit einem Holzgitter.
Nur mit dem Brennholz wurde es manchmal kritisch. Jedesmal, wenn die Wölfe nicht allzu nahe waren, lief ich zu meinem Holzstapel, packte mehrere Scheite und lief schnell zurück. Im nächsten Winter würde ich auch das Holz in der Höhle lagern, das nahm ich mir vor. Platz hatte ich ja genug.
Ich hatte seit dem Zusammentreffen mit dem Jäger und seinem Hund Skori keinen Menschen mehr gesehen. Von der Höhle hatte ich schon ein gutes Stück erforscht. Doch auf die andere Seite war ich noch nie gekommen. Das wollte ich im vierten Sommer tun.
Ich holte mir langes Gras, daß sich für Flechtarbeiten eignete und flocht Seile daraus. Mit Hilfe dieser Seile wollte ich mir den Rückweg in die Höhle sichern. Ich wollte sie an verschiedenen Pflöcken, die ich zuvor in den Höhlenboden einge¬schlagen hatte, befestigen. Dazu verwendete ich mehr Zeit, als gut war. Ich hätte viele andere Dinge tun sollen, aber ich wollte unbedingt auf die andere Seite der Höhle gelangen.
In den drei Wintern, hatten sich eine Menge Felle angesammelt. Einige davon band ich mir um die Füße, denn Schuhe hatte ich keine mehr. Felle ersetzten auch meine Kleidung. Im Spätherbst gelang es mir dann, die Höhle zu durchwandern. Auf der anderen Seite gab es nichts zu sehen. Ich trieb mich viele Tage dort herum in der Hoffnung, auf einen Menschen zu stoßen. Enttäuscht und fast verzweifelt gab ich es auf und ging wieder zu meiner Schlafsteile zurück.
Als es schon Winter war, versuchte ich es noch einmal. Ich jagte und verbrachte mehrere Tage dort, ohne einem Menschen zu begegnen. Dann kehrte ich wieder Enttäuscht und niedergeschlagen zurück.
Die Einsamkeit war schrecklich! Ich glaube, ich hätte mich damals sogar meinen Verfolgern ergeben. Ich beschloß, nur noch diesen Winter in der Höhle zuzubringen. Ich wollte nicht mehr wie ein wildes Tier leben. Die Verzweiflung packte mich immer häufiger. Eines Tages hörte ich plötzlich Schritte in meiner Höhle. Kein Zweifel, es waren Schritte von einem Menschen. Die genagelten Schuhe hallten laut durch die Gänge. Meine erste Reaktion war: fliehen. Aber dann überlegte ich. Wollte ich nicht einen Menschen sehen? War ich nicht zu diesem Zweck auf die andere Seite der Höhle gegangen?
Ich wollte rufen, aber meine Stimme gehorchte mir nicht. Ein Kloß saß mir im Hals und drückte mir fast die Kehle zu. Die Schritte wurden immer lauter, sie dröhnten in meinen Ohren. Dann schrie ich doch. Tausendfach hallte es in der Höhle wider, dazwischen mischte sich Hundegebell. Ich schrie immer noch und hörte erst auf, als ich kräftig geschüttelt wurde.
Nur langsam konnte ich mich beruhigen. Vor mir stand der Jäger mit seinem Hund Skori. Er hatte auf der anderen Seite Spuren von mir im Schnee gefun¬den, die in der Höhle verschwanden, war an den Seilen entlanggegangen und hatte mich gefunden. Ich war glücklich. Von Wolodja erfuhr ich, was in den letzten Jahren passiert war. Diesen Winter verbrachte Wolodja Nikolajewitsch Brinuk mit mir in meiner Höhle. Das war im Jahr 1914.
Vom Ersten Weltkrieg erfuhr ich erst im fünften Winter. Wolodja war wiedergekommen und erzählte davon. Er brachte mir auch einen Hund mit, der hieß Fingal, ein lustiger und treuer Bursche. Sein Fell war regelrecht gelb, seine Augen grün, vorne auf der Stirn und ums linke Auge hatte er einen schwarzen Fleck. Wolodja nahm meine Felle und verkaufte sie für mich.
Von dem Erlös brachte er mir die allernotwendigsten Sachen mit, warme Stiefel, Hosen, Unterwäsche und eine Pelzjacke. Am meisten freute ich mich über Fingal. Nun hatte ich jemanden, mit dem ich reden konnte.
In diesem Jahr fingen wir an, die Hütte zu bauen, und zwar bewußt dicht an den Felsen. Sie war noch nicht ganz fertig, als Wolodja fortging. Ich baute alleine weiter. Als Wolodja wiederkam, brachte er Fenster¬glas mit. Ich war außer mir vor Freude, denn das war Licht, Licht für die trüben Wintertage! Schau her, hier siehst du diese drei Balken. Wenn ich sie löse, kann ich direkt in die Höhle kommen."
Eugen hörte mit roten Backen zu. Niemals redete er dazwischen.
"Weiter, Großväterchen Timofej, erzähl weiter, wur¬dest du nicht mehr verfolgt?"
"Nein, es wußte ja außer Wolodja niemand, daß ich überhaupt noch lebte. Ohne Wolodja wäre ich auch sicher umgekommen. Ihm ganz alleine habe ich mein Leben zu verdanken. 1917 kam er und sagte: ,Der Zar ist abgesetzt. Du bist frei, Timofej! Schluß mit dem Urwaldleben, du bist frei.'
Er holte aus seinem Rucksack eine Flasche Wodka heraus und sagte: ,Das ist ein Grund zum Trinken. Komm, Bruder Timofej, wir trinken auf deine Freiheit.'
Wir jagten noch diesen Winter, und im Frühjahr 1918 ging ich mit Wolodja nach Jetgul. Dort verkaufte ich meine Felle, erstand Kleidung und machte mich auf den Weg nach Moskau. Der Abschied von meinem Hund Fingal fiel mir sehr schwer, aber was soll ein Taigahund in Moskau? Wolodja versprach mir, ihn nie zu verkaufen und immer gut für ihn zu sorgen.
Wochenlang wanderte ich am Fluß Vilyuy entlang. Endlich erreichte ich die Transsibirien-Eisenbahn, mit der ich weiter nach Moskau fuhr. Was ich alles vom Krieg sah und hörte, gefiel mir nicht. Alles war zu laut. Die Menschen hasteten von einer Ecke Rußlands in die andere. Es herrschte überall große Not. Im Zug hörte ich zum erstenmal das Wort "Bolschewiken", ich hörte von Lenin und seinen Leuten.
In Moskau suchte ich vergebens nach meinen Eltern. Auch den reichen Herrn, der mich einst in die Verbannung schicken ließ, fand ich nicht. Ziellos, alleine, ohne Geld und ohne Bleibe, irrte ich durch Moskau. Alle meine Freunde waren Soldaten gewor¬den, einige kämpften bei den Roten, die anderen bei den Weißen, wie man die Zarentreuen nannte.
Zwei Wochen hielt ich es in Moskau aus, dann lief ich zum Bahnhof. Mit dem ersten Zug, der zurück nach Sibirien ging, fuhr ich mit. Das wenige, was ich bei mir hatte, wurde mir auch noch gestohlen. Völlig arm und enttäuscht kehrte ich zu Wolodja zurück. Mein Hund freute sich sehr, daß ich wieder bei ihm war. Ich blieb in Jetgul und arbeitete als Holzfäller im Wald. Zwei, drei Jahre, ich weiß es nicht mehr, blieb ich dort. Der Krieg war schon lange aus, der Zar und seine Familie von den Bolschewiken ermordet. Die Welt war noch verrückter geworden. Durch Rußland zogen Banden, raubten und mordeten, hinterließen verbreiteten Elend, Schrecken und Haß.
Eines Tages hielt ich es nicht mehr aus. Ich wollte mit den Menschen nichts mehr zu tun haben. Von meinem Ersparten kaufte ich mir ein Doppelgewehr und noch verschiedene Sachen, die ich als Jäger brauchte. Dann nahm ich Fingal und zog los zu meiner Hütte. Sie stand da, so wie wir sie vor Jahren verlassen hatten.
Viele, viele Jahre lang kam Wolodja jeden Winter, um mit mir zu jagen und zu reden, wie man das unter Freunden tat. Wir hatten es gut zusammen, Wolodja und ich. Natürlich traf ich noch auf andere Jäger in der Taiga, aber keiner war wie er. Ich schloß mich keinem mehr an, war Menschenscheu geworden.
Wieder einmal war Wolodja in meine Hütte gekom¬men, und er sagte: ,Es ist wieder Krieg mit den Deutschen.'
Das war 194I. Ich verließ meine Taiga nicht mehr. Nur nach Jetgul kam ich nach wie vor. Verkaufen meine Felle, versorgte mich mit den Dinge die ich haben wollte, ohne die ich glaubte in der Taiga nicht leben zukönnen. Vom Krieg merkte ich nichts. Von mir wollte niemand etwas, auch ich wollte von nieman¬dem etwas.
Dann blieb Wolodja den ersten Winter aus. Ich wartete auf ihn, aber er kam nicht. Auch im nächsten Winter kam er nicht.
Da machte ich mich im Frühjahr auf den Weg nach Jetgul, ich wollte wissen was mit Wolodja los war. Ich erfuhr, daß Wolodja tot war. Er war bei der Holzfällerarbeit von einem umstürzenden Baum erschlagen worden. Seine Frau ging von Jetgul fort zu ihren Kindern; sie hinterließ mir Wolodjas Gewehr."
Timofej stand auf und zeigte es Eugen. Es ist ein besonders gutes Gewehr, ich nehme es nur, wenn ich große Tiere jage.
"Und dann?" fragte Eugen. "Was hast du dann gemacht?"
"Nichts. Alles ging seinen Weg. Ich blieb hier in der Hütte wohnen. Der Krieg ging auch zu Ende. Nach dem Krieg lernte ich Kolka kennen, und der brachte dich zu mir. Und nun habe ich einen kleinen Freund, und dieser kleine Freund ist schrecklich müde, deshalb legen wir uns jetzt schlafen. Morgen wollen wir Fallen stellen und Nerze jagen."
Glücklich und zufrieden kroch Eugen in sein Bett.
Viel lernte Eugen auch in diesem Winter von Timofej. Sie jagten Nerze, Blaufüchse, Zobel und Marder. Timofej zog mit Eugen durch den tiefverschneiten Wald. Die Bäume - Tannen, Fichten, Birken, Erlen - alle hatten ihre weißen Winterkleider an. Es war eine unvergleichbare, schöne und anmutsvoll Welt.
"Eine himmlische Ruhe", wie Timofej immer sagte.
Wenn sie wegen der Schneestürme die Hütte nicht verlassen konnten, saßen sie am Ofen und lasen und freuten sich an den krachenden Holzscheiten und den Flammen, die flackernden Schein an die Decke warfen. Oft sehnten sie sich nach solchen Stunden, wenn sie draußen der beißenden Kälte ausgesetzt waren.
Wenn die eisigen Winde durch die Taiga brausten, blieben viele Tiere in ihrem Versteck. Das Eichhörn¬chen verließ nur in größter Not sein Nest. Der rauchbraune Zobel huschte von Baum zu Baum, er blieb in wind geschützten Ästen. War die Tanne buschig, dann hatte es der Jäger sehr schwer, den Zobel zu fangen. Manchmal verkroch er sich auch in einem Windbruchhaufen, dann war es noch schwirreger das Tier zu jagen.
Timofej war ein erfahrener Jäger. Er fand die Tiere immer, über solch einen Windbruchhaufen warf er ein großes Netz, dann stocherte Eugen so lange darin herum, bis der Zobel sein Versteck verließ. Timofej stand mit einem großen Knüppel bereit, um zuzu¬schlagen, wenn sich der Zobel im Netz verfing. Auf diese Weise blieb das Netz von Schußlöchern ver¬schont.
Bei solcher Jagd waren Barbos und Scharik sehr geschickt. Barbos' dunkle Stimme hallte durch den Wald, dazwischen das helle Gebell von Scharik. Sie trieben Nerz oder Zobel auf die Bäume und bellten so laut, daß die Tiere oben blieben, bis Timofej und Eugen auf ihren Skiern lautlos heranglitten. Der langhaarige Zobel wurde gut bezahlt und war leichter zu fangen als das weiße Hermelin. Oft jagten Timofej und Eugen tagelang hinter einem her, ohne es fangen zu können. Manchmal stießen sie auf Fallen, die anderen Jägern gehörten.
"Die darf ein ehrlicher Jäger nicht einmal ansehen oder gar anfassen", erklärte Timofej, "und auch kein Wild schießen, das von einem anderen Jäger und seinem Hund gehetzt wird. Das ist ungeschriebenes Gesetz der Taiga. Wird ein Jäger dabei erwischt, dann kann es vorkommen, daß er ohne Federlesen abgeschossen wird wie ein wildes Tier.
Ein anderes Gesetz lautet, daß jeder Jäger die Pflicht hat, die Hütte, in der er Zuflucht findet, so zu verlassen, wie er sie angetroffen hat. Er muß Holz bereitlegen und Streichhölzer zurücklassen und nach Möglichkeit auch für einen kleinen Vorrat an Trockenfleisch sorgen."
Manchmal konnte Timofej auch ein Birkhuhn schie¬ßen, das war dann immer ein besonderer Festbraten. Die Birkhühner graben sich zum Schlafen in den Schnee ein und werden da von Wölfen und Füchsen aufgestöbert. Oft, stießen Timofej und Eugen auf solche Spuren.
"Der Fuchs ist schlau", sagte Timofej. "Er kann einem Jäger das Leben schwermachen. Einmal habe ich einige Tage lang einen Fuchs gejagt. Die Spuren endeten bei einer buschigen Tanne. Ich konnte nicht herausfinden, wo der Fuchs sich versteckt hatte. Das ging einige Tage so, bis Barbos ihn auf dem Baum entdeckte. Das war für mich etwas völlig Neues, ein Fuchs auf einem Baum! Der Wolf wiederum wird oft das Opfer seiner Gier. Entweder er geht in eine Falle, oder der Jäger erschießt ihn beim ausgelegten Köder. Der Bär hat Verstand und Kraft. Dem grimmigen Gesellen gehe ich gerne aus dem Weg. Ein einzelner Jäger läßt sich mit einem Bären nur im Notfall ein." Eugen hörte Timofejs Erzählungen begeistert zu.
Sieben Monate lang zogen die vier durch die winter¬liche Taiga. Sie waren gut aufeinander eingespielt, jeder wußte, was er zu tun hatte. Die Felle türmten sich inzwischen zu einem Berg.
"Wir haben gute Beute gemacht", sagte Timofej eines Tages. "Der Winter geht zu Ende. Wir müssen unseren Schlitten zurechtmachen. Bevor das Tauwet¬ter einsetzt, müssen wir in Jetgul sein. Wenn der Vilyuy-Fluß über seine Ufer tritt und den ganzen Wald in ein reißendes Meer verwandelt, dann ist ein Durchkommen unmöglich. Diese Zeit verbringe ich am liebsten in Jetgul."
Eugen wurde traurig. Er wußte, daß er nicht mehr hierher zurückkommen würde. Auf dem Weg nach Jetgul fragte er: "Großväterchen Timofej, kannst du mich nicht zu meiner Tante Marta bringen?" Timofej wußte ja von Kolka, wo die Tante Marta lebte, und er wußte auch, daß das sehr weit war. "Mal sehen", sagte er. "Vielleicht kannst du von Jetgul aus mit irgend jemandem mitgehen, der sowie¬so dahin will."
In Jetgul lag ein Brief von Kolka. Er schrieb, Timofej solle den Jungen zur Babuschka schicken, er könne diesen Sommer nicht in die Taiga kommen.
"Ich will zuerst zu meiner Tante", sagte Eugen eigensinnig. "Deshalb bin ich aus dem Waisenhaus weggelaufen, um meine Tante zu suchen. Wenn sie tot ist, dann fahre ich zur Babuschka."
Timofej sah das ein, und erkundigte sich bei den anderen Jägern, die nach Jetgul kamen, wer in diese Richtung zöge.
Nur zwei Männer kamen in Frage, aber denen wollte Timofej den Jungen nicht anvertrauen.
"Das sind Säufer", sagte Timofej. "Wer weiß, was die alles anstellen in ihrem Suff. Nein, nein, da gehe ich schon lieber selber mit. Wir bleiben zwei Monate in Jetgul, dann ist der Schnee weg. In der Zeit werden wir ein großes Floß bauen und damit auf dem Vilyuy abwärts bis nach Njurba fahren. Von dort ist es nicht mehr weit bis Kosnezko."
Zum Pelzhändler Mitja Iwanowitsch sagte Timofej: "Ich verkaufe dieses Frühjahr meine Felle selber. In Njurba erziele ich einen besseren Preis, zumal ich einen Partner auszuzahlen habe."
Mitja war nicht böse, im Gegenteil, Timofej, sollte auch seine Felle mit nach Njurba nehmen. Die Fällaufkäufer zahlten immer einen niedrigen Preis als die in der Stadt.
Die anderen beiden Jäger wollten sich Timofej und Eugen anschließen. Deshalb mußte ein größeres Floß gebaut werden, und Wasil und Petka, die beiden Männer, halfen tüchtig dabei. Mitja Iwanowitsch gab die Seile und die Nägel dazu. So entstand ein Floß von sieben Meter Länge und dreieinhalbe Meter Breite. In der Mitte errichteten sie eine kleine Hütte zum Schlafen und für die Lebensmittel.
An den Abschied von Timofej wollte Eugen jetzt noch nicht denken. Sein Ziel war, Tante Marta zu finden und durch sie die Mutter und seine zwei Brüder. Daß der Preis Timofej, Kolka und die Babuschka sein würden, war ihm klar. Und er war traurig, wenn er daran dachte.
Das Floß war fertig, der Reiseproviant verstaut, die Felle waren aufgeladen. Wasil und Petka hatten diesen Winter auch guten Fang gemacht und ihre Felle auf das Floß gebracht.
Wasil wollte für die Reise Wodka kaufen, aber Mitja gab ihm keinen.
"Das kannst du nicht machen", brüllte Wasil. "Tage¬lang durch die Taiga und keinen Wodka - wie sollen Petka und ich das aushalte?"
"Wenn ihr auf dem Floß mitwollt, gibt es keinen Wodka, daß ist mein letztes Wort!" .
Mitja drehte sich um und ließ Wasil verdutzt stehen. Als er mit Timofej darüber sprach, war auch Timofej der Meinung, daß Alkohol auf dem Floß nichts zu suchen habe.
Ende Mai war es dann soweit. Morgens um sechs Uhr stießen die Männer das Floß vom Ufer ab. Mitja und seine Familie standen da und winkten, Barbos und Scharik bellten laut zum Abschied.
Der Fluß führte Hochwasser. Entwurzelte Bäume und große Äste trieben dahin. Die Männer mußten höllisch aufpassen und mit langen Stangen alles vom Floß abhalten, was ihnen gefährlich werden konnte. Vorn stand Timofej am Ruder, an den Seiten Wasil und Petka. Eugen versorgte die Hunde, denn Wasil und Petka hatten auch jeder einen, die sich mit Barbos und Scharik nicht besonders gut vertrugen. Zu Eugens Aufgaben gehörte auch das Essenkochen. Vorn auf dem Floß hatten sie mit Hilfe eines alten Eimers eine Feuerstelle errichtet, Löcher an den Seiten sorgten für den Abzug des Rauches. Viel kochen konnte sie nicht, nur Tee und Suppe. Aber das genügte, Hauptsache, hauptsachte es gab etwas Warmes.
Wasil und Petka waren streitsüchtig - genau wie ihre Hunde. Daß sie keinen Wodka hatten, verdroß sie sehr. "Euretwegen haben wir keinen Wodka", brüllte Petka.
"Du brauchst auch keinen", sagte Eugen.
"Was! Du bist auch noch frech?" Petka sprang auf Eugen zu und schlug ihm rechts und links ins Gesicht. "Dir werd ich zeigen, zu Erwachsenen frech zu sein!" Barbos duckte sich und fletschte drohend die Zähne. Petka hatte so fest zugeschlagen, daß Eugen stürzte und ganz benommen dalag. Scharik sprang auf Petka zu und biß ihn in die Hand. Das war das Signal für eine wilde Rauferei. Wasils und Petkas Hunde stürzten sich auf Barbos und Scharik. Timofej schlug mit zwei kräftigen Hieben Petka zu Boden. Wasil hatte alle Hände voll zu tun, das Floß zu steuern, das von der wilden Rauferei hin und her schwankte.
"Seid ihr verrückt geworden?" schrie er. "Auseinan¬der, oder ich schlage mit meinem Ruder dazwischen!" Sein Geschrei ging im lauten Tumult unter. Die Hunde hatten sich so ineinander verbissen, daß sie nichts mehr sahen und hörten. Timofej sprang dazwischen, packte mit der eine Hand Wasils Hund, mit der anderen Petkas und warf sie ins Wasser. Sofort verzogen sich Barbos und Scharik auf das hintere Ende des Floßes.
"Das ist zuviel", schrie Petka, der sich langsam aufrappelte, "das hättest du nicht tun dürfen."
Er kam immer näher auf Timofej zu, die Hände zum Schlag erhoben.
"Aufhören, aufhören ihr verdammten Narren!" schrie Wasil. "Petka! Hör sofort auf!"
Der aber hörte in seiner blinden Wut nichts, ihm fehlte einfach Wodka. Sie waren schon neun Tage auf dem Floß, und er hatte noch keinen Tropfen bekom¬men. Er war so zu sagen im Entzug und drehte deshalb durch.
"Schau dich um, Petka, was hinter dir los ist", sagte Timofej mit ruhiger Stimme.
Hinter Petka lagen Barbos und Scharik sprungbereit, um Timofej zu helfen.
"Wenn du eine Abkühlung wie deine Hunde brauchst, dann komm nur näher!" forderte Timofej heraus.
Eugen saß noch immer auf dem Boden und schaute ängstlich auf die beiden. Petka war nicht zu bremsen, er kam näher und näher auf Timofej zu, der ihn genau beobachtete.
Obwohl Timofej viel älter war als Petka, hatte er keine Angst vor ihm. Der Alkohol hatte aus Petka einen unüberlegten Raufbold gemacht, der blindlings angriff und bei einem besonnenen Gegner keine Chance hatte.
Wasil ließ das Steuer los, kam von hinten auf Petka zu und umfaßte ihn.
"Hör auf, Petka", sagte er, "wir müssen bis Njurba kommen, je eher, desto besser."
Petka versuchte, Wasil abzuschütteln, sie taumelten.
Das nun verstand Barbos falsch. Er sprang mit einem Satz auf Wasil zu und biß ihn kräftig ins Hinterteil. Aufheulend ließ Wasil Petka los und hielt sich mit beiden Händen seine Hinterfront.
Zu allem Elend mußte Timofej laut lachen, was wiederum auch Eugen zum Lachen reizte.
Jetzt war das Maß voll. Petka stürzte sich auf Eugen und schlug mit beiden Fäusten auf ihn ein. Scharik und Timofej kamen Eugen zu Hilfe, Barbos hielt Wasil in Schach. Erst als Petka in hohem Bogen ins Wasser stürzte, trat Stille ein.
Petka tauchte unter, kam wieder hoch und schrie: "Hilfe! Hilfe!" Barbos sprang ins Wasser und schwamm auf ihn zu. Petka aber schlug nach Barbos, denn er dachte wohl, der Hund würde ihn angreifen. Schnell lief Timofej zu seinem Ruder und versuchte, das Floß zu stoppen. Das gleiche wollte auch Wasil. Petka merkte endlich, daß Barbos ihm helfen wollte und hielt sich an ihm fest, und als sie an das floß kamen, half Eugen Petka aus dem Wasser. Erschöpft und völlig durchnäßt lag er da und keuchte. Das kalte Wasser hatte Petka zwar einen klaren Kopf verschafft, aber keine Einsicht. Er saß da und schaute haßerfüllt auf Eugen und Timofej.
Um Ruhe und Ordnung auf dem Floß wiederherzu¬stellen, hatte Timofej am Ufer festgemacht.
"Damit du siehst", sagte er zu Petka, "daß ich dir nichts nachtrage, bekommst du ein Glas Wodka. Ich habe eine Flasche voll mitgenommen, um, falls nötig, Verletzungen zu behandeln."
Timofej wusch die Platzwunden an Eugens Stirn und betupfte sie mit Alkohol.
"Schau her, Petka, wie du den armen kleinen Kerl zugerichtet hast!"
Eugen sagte keinen Ton, dagegen brüllte Wasil wie ein Stier, als Timofej den Alkohol auf seine Wunde schüttete. Er sprang auf, tanzte auf dem Floß hin und her und fluchte alle Heiligen vom Himmel. Dann, stürzte er sich auf Petka und haute ihm eins über.
"Das hast du verdient, du Riesenhornochse, du!" Wasil sah seinen Saufkumpane wütend an, dann verzog sich ohne Timofej und Eugen einen Blick zu gönnen.
Nachdem Petka seinen Wodka getrunken hatte, war er wieder völlig normal.
"Hast du bloß eine Flasche mit?" fragte er leise Timofej.
"Natürlich, oder hast du gedacht, daß ich eine ganze Schnapsbrennerei dabei habe? Ich sage dir, das ist eine Ausnahme gewesen, du kannst dich besaufen, wenn wir an Ort und Stelle sind. Ich dachte, daß deine Frau auf dich wartet, wenn du mit leere Taschen heimkommst, läst sie dich gar nicht erst ins Haus, daß solltest du bedenken. Noch einmal lasse ich es nicht zu, daß du dich an einem Kind vergreift." Timofej ließ Petka stehen und ging ans Ruder.
"Ist das auch wahr? Nur eine Flasche? Hast du vielleicht nicht doch noch eine ganz unten im Proviant versteckt?"
"Verdammt noch mal, nein, ich habe den Wodka nicht zum Saufen mit, sondern als Arznei. Aus lauter Gutmütigkeit habe ich dir ein Gläschen gegeben. Jetzt gib du aber Ruhe! Es ist ja nicht mehr weit bis Njurba. In einer Woche sind wir da."
Nachts wurde es noch ganz schön kalt, deshalb machten die Männer jeden Abend am Ufer halt und entfachten ein großes Lagerfeuer. Besonders erfreu¬lich war die Fahrt nicht, denn die gespannte Atmo¬sphäre hielt an.
Barbos achtete darauf, daß Wasils und Petkas Hunde hübsch auf ihren Plätzen blieben, und kam Petka in Eugens Nähe, dann knurrten Scharik und Barbos warnend. Sie wachten Tag und Nacht über ihren kleinen Herrn.
Als dann endlich Njurba auftauchte, waren alle froh. Petka holte einen Wagen, und beide, er und Wasil, luden ihre Felle auf und gingen davon, ohne auch nur auf Wiedersehen zu sagen.
Timofej hatte es nicht so eilig. Er wartete noch eine Nacht und einen Tag auf dem Floß. Dann ging auch er und holte ein Fuhrwerk. Sie brachten ihre und Mitjas Felle zum Händler, der ihm alle kaufte. Nun konnten sie sich neu einkleiden.
"Wenn du zu deiner Tante Marta kommst, sollst du nicht wie ein Bettler dastehen", sagte Timofej. Dann steckte er Eugen noch siebzig Rubel in den Rucksack.
"So, das ist dein Anteil, mein Sohn. Das hast du dir ehrlich verdient." Timofej hatte Tränen in den Augen, denn der Abschied war gekommen. In einer Stunde ging der Autobus nach Kosnezko, in das Dorf von Tante Marta. Dahin wollte Timofej nicht mit.
"Du fährst alleine, und ist deine Tante nicht mehr am Leben, dann fährst du gleich weiter zur Babuschka. Die Adresse hast du ja. Und schreib auch mal, vergiß deinen alten Timofej nicht. Und halte dich aufrecht, fange nie das Saufen an. Du hast ja bei Petka gesehen, wohin das führt. Versuche, auf die Schule zu gehen, lerne gut, dann hast du es leichter."
Viele gute Ratschläge, bekam Eugen mit auf den Weg.
Noch an der Bustür schärfte Timofej dem Jungen ein, gut auf sich aufzupassen.
Barbos stand mit hängenden Ohren daneben, als er merkte, daß Eugen und Scharik mit so einem stinken¬den Haus auf Rädern davonfuhren. Er rannte hinter¬her, bis er erschöpft zurückbleiben mußte. Dann schlich er traurig zu Timofej, der immer noch an der gleichen Stelle stand und dem Bus nachsah.
"Komm, alter Bursche", sagte Timofej. "Wir gehen zurück in die Taiga zu unserer Hütte."
Kosnezko war ein ziemlich großes Dorf. Solche gab es in der Taiga selten, denn meistens bestand ein Dorf aus fünf bis acht Häusern, manchmal waren es sogar nur zwei bis drei.
Doch Kosnezko hatte eine richtige Dorfstraße, eine Schule, ein Rathaus, Pferdestall, Kuhstall, Schafstall - alles, was zu einer Kolchose gehörte.
Eugen ging gleich an der Bushaltestelle in ein Haus und fragte nach seiner Tante.
"Wie sagst du, heißt deine Tante?" fragte die Frau. "Marta Grünfeld", sagte Eugen ängstlich.
Die Frau überlegte nicht lange. "Nein, eine Marta Grünfeld wohnt nicht bei uns im Dorf." Eugen schaute die Frau erschrocken an.
"Wissen Sie das genau?" Frau, fragte er. "Sie war immer krank, vielleicht ist sie nie auf die Straße gekommen. Gibt es hier keine Frau, die immer krank ist?" Wieder überlegte die Frau nicht lange.
"Nein, solch eine Frau gibt es hier nicht, aber geh doch zum Bürgermeister", riet sie Eugen. "Der muß es genau wissen. Vielleicht ist sie fortgezogen." Eugen ging zum Bürgermeister.
"Bist du etwa der Eugen Werner?" Der Bürgermeister sah ihn prüfend, als Eugen das bejahte, suchte er in seinen Akten. "Ja, die Tante lebte hier, ist aber bald, nachdem du ins Waisenhaus gekommen bist, gestorben. Zu ihrer Beerdigung war eine Schwester von ihr da." "Meine Mutter! War das meine Mutter?" Eugen war sehr aufgeregt.
"Nein, nicht deine Mutter, eine Tante. Sie hat selber fünf Kinder und versprach, dich, sobald es ihr besser ginge, aus dem Waisenhaus zu holen. Hier habe ich ihre Adresse."
Der Bürgermeister nahm ein Stück Papier und schrieb die Adresse der Tante auf.
"So, mein Junge. Und dann habe ich da noch ein Schreiben vom Waisenhaus. Es kam damals, nachdem du weggelaufen warst. Sie fragten bei mir an, ob du hier aufgetaucht seihst. Ich soll dich zu ihnen zurück¬schicken. Das sind jetzt zwei Jahre her, aber Befehl ist Befehl. Du mußt zurück ins Waisenhaus. Ich fahre ohnehin nach Njurba, dort setze ich dich in den Autobus nach Suntar."
Eugen erschrak sehr.
„Ich gehe nie mehr ins Waisenhaus" sagte er, am ganzen Leibe zitternd.
"Du bist jetzt dreizehn Jahre, also alt genug, um für deine Tat geradezustehen. Wo kommen wir denn hin, wenn jeder macht, was er will?"
*Landwirtschaftliche Produktionsgemeinschaft in der Sowjetunion
Als der Bus von Njurba abfuhr, schaute Eugen, nicht einmal zum Fenster hinaus. Er haßte den Bürgermeister. Es war das erstemal in Eugens Leben, daß er jemanden haßte.
An der nächsten Haltestelle stieg er aus. Er fror vor Aufregung und Angst. Würde ihn der Fahrer zurück¬halten? Nein, er kümmerte sich nicht um Eugen.
Zurück zu Timofej, das war das einzige, was für Eugen in Frage kam. An der Haltestelle standen nur drei Häuser, ein Mann schaute Eugen fragend an.
"Zu wem willst du, mein Söhnchen?"
"Zu niemand! Ich muß zurück nach Njurba, da habe ich etwas sehr Wichtiges vergessen."
"Dann verfällt aber deine Fahrkarte."
„Ist mir egal!“
"Mir auch", brummte der Alte in seinen Bart.
"Ist es weit bis Njurba?"
"So ungefähr sechzehn Kilometer. Mußt halt der Straße nachgehen."
Der Alte ging in das nächste Haus.
Ziemlich müde, aber glücklich kamen Eugen und Scharik beim Pelzhändler in Njurba an, bei dem Timofej seine Pelze verkauft hatte. Der war sehr verwundert, als Eugen mit seinem Hund bei ihm auftauchte.
. "Ist Großväterchen Timofej noch in Njurba?" fragte Eugen aufgeregt. Der Pelzhändler schüttelte bedau¬ernd den Kopf.
"Nein, mein Jungchen, der ist gleich, nachdem er dich zum Autobus gebracht hat, zurück nach Jetgul gegangen. Er war sehr traurig."
"Ich gehe auch nach Jetgul, meine Tante Marta ist gestorben. Sie wollten mich ins Waisenhaus zurück¬schicken. Aber was soll ich im Waisenhaus, wenn ich ein Großväterchen habe? Ich gehe zurück zu Ti¬mofej."
"Du hast recht, mein Söhnchen. Komm, ich habe eine große Überraschung für dich."
Der Pelzhändler ging mit Eugen in sein Lager. Da stand in einer Ecke Eugens Gewehr und Munition dazu.
"Timofej gab es mir zur Aufbewahrung, bis er wüßte, wo du leben würdest. Dann wollte er mir deine Adresse mitteilen, und ich sollte dir das Gewehr nachschicken. Jetzt bist du selber da, nimm es und geh zurück in die Taiga. Timofej hat mir sogar das Porto gegeben. Das Geld gebe ich dir auch, dafür kannst du dir Reiseproviant kaufen."
Eugen war überglücklich. Das Gewehr, die siebzig Rubel von Timofej und das Porto dazu, er war ein reicher Mann. Der Händler half Eugen, das Wichtig¬ste zusammenzustellen. Den Rucksack mit seiner Kleidung hatte Eugen ja noch.
"Morgen früh um vier Uhr wecke ich dich, mein Freund", versprach der Pelzhändler, "jetzt geh schlafen."
Glücklich und mächtig aufgeregt legte sich Eugen schlafen, dicht neben ihm Scharik, der genauso voller Unruhe war wie sein Herr.
"Aufstehen, großer Jäger. Aufstehen! Es ist Zeit für deine große Wanderschaft."
Eugen sprang mit beiden Beinen aus dem Bett, er war sofort hellwach. Der Pelzhändler gab Eugen tausend Ratschläge mit auf den Weg.
"Bleib immer in der Nähe des Vilyuy-Flusses. Das dauert zwar länger, aber es ist der sicherste Weg. Spare mit deinen Lebensmittel. Im Wald gibt es genug zu essen. Halte immer deine Augen offen. Mach jeden Abend ein großes Lagerfeuer. Kommen Menschen zu dir, sei freundlich, aber vertraue ihnen nicht. Wenn du mal übermüdet bist, ruhe einen Tag aus. Es geht dann wieder besser. Am liebsten ginge ich mit dir, mein Söhnchen, aber es geht nicht, meine Frau ist krank."
Eugens Kopf, war voll von Ratschlägen und guten Wünschen.
"Ich mache das schon richtig, seid unbesorgt Onkel. Ich habe von Großväterchen Timofej so viel gelernt. Die Taiga ist mir nicht fremd, ich werde meinen Weg schon finden."
In den ersten Tagen kam Eugen ziemlich gut voran. Er wollte so schnell wie möglich bei Timofej sein.
Manchmal mußte er vom Fluß abweichen, Gestrüpp und dichtes Unterholz versperrten ihm den Weg. Eugen fing Fische, pflückte Beeren und sammelte Pilze. Er lebte" wie der Zar", so würde Timofej sagen. Eugen hatte große Sehnsucht nach Timofej, bei ihm fühlte er sich geborgen.
Tage waren seit Eugens Aufbruch vergangen, ohne daß irgend etwas Aufregendes geschah. Eugen fand öfter verlassene Lagerfeuer am Fluß. Sie stammten von Timofej, das wußte Eugen genau, denn die Feuerstellen, war so zugedeckt, wie er es von Timofej kannte. Eugen beschleunigte seinen Marsch. Er dachte, Timofej noch einholen zu können.
Leider schaffte er Timofejs Tagesmarsch von Feuer¬stelle zu Feuerstelle nicht. Timofej war trotz seines Alters schneller. Scharik sprang an den Feuerstellen herum, beschnupperte den Lagerplatz, bellte und kratzte am Boden, suchte die Umgebung ab und kam leise winselnd mit eingezogenem Schwanz zurück. Er konnte es anscheinend nicht verstehen, daß die Freunde ohne sie weitergezogen waren.
Dann tat Eugen etwas sehr Verhängnisvolles. Er erinnerte sich an einen scharfen Knick des Flusses, der ihm während der Floßfahrt aufgefallen war, und glaubte, die Stelle müßte bald kommen. Wenn er jetzt den Fluß verließ und die Abkürzung durch den Wald nahm, müßte er wieder auf den Vilyuy stoßen und könnte auf diese Weise Timofej überholen. Ohne zu überlegen, was er tat, verließ Eugen den Fluß.
Glücklich über diesen Entschluß wanderte er weiter, Scharik lief unverdrossen um ihn herum.
Die ersten Zweifel kamen Eugen, als am vierten Tag der Wasserbeutel leer wurde.
Die Taiga ist voller Wasserläufe, hatte Timofej immer gesagt, doch bis jetzt fand Eugen keinen einzigen. Er hatte sich verlaufen, so viel war ihm klar geworden. Das beste wäre wohl, in einer anderen Richtung weiterzugehen. Er bog nach links ab und hoffte, so wieder auf den Vilyuy-Fluß zu stoßen.
Gegen Abend blieb Scharik plötzlich stehen, sein Nackenfell sträubte sich. Erschrocken hielt auch Eugen an, sah sich nach allen Seiten um, konnte jedoch nichts Verdächtiges sehen oder hören. Vor¬sichtig ging er weiter und schaute sich nach allen Seiten um. Scharik knurrte und versperrte Eugen den Weg. Er wollte, daß Eugen stehenblieb, das war ihm klar. Aber warum?
Eugen schlich trotzdem weiter; er kam an eine kleine Lichtung, und dort sah er, warum Scharik ihn gewarnt hatte. Auf der Lichtung stand eine Bärin mit zwei Jungen. Sie standen an einem Strauch fraßen irgend etwas. Eugen erschrak sehr; geräuschlos wich er nach rechts aus.
Völlig erschöpft und durstig zündete er am Abend sein Lagerfeuer an, das er besonders groß hielt. Der Bär hatte ihm Angst eingejagt. Durch die Taiga zu gehen, ist kein Spaziergang - Eugen mußte dem Pelzhändler recht geben, der ihm diesen Satz mit auf den Weg gegeben hatte. Bisher war er mit Timofej durch die Taiga gezogen und hatte sich bei ihm geborgen gefühlt. Jetzt war er allein. An diesem Abend weinte er zum erstenmal.
Verlassen kam er sich vor, verlassen von seiner Mutter, von Tante Marta, verlassen auch von der Babuschka und Kolka, verlassen von Timofej. Müde und niedergeschlagen weinte er sich in den Schlaf.
Zwei Tage später gegen Abend kamen Eugen und Scharik an einen kleinen See. Voller Freude trank er sich zuerst satt. Dann sagte Eugen zu Scharik: "Hier bleiben wir einen Tag. Ich muß erst feststellen, wo es weitergeht."
Kurze Zeit später brannte ein helles Lagerfeuer. Eugen machte seine Angel fest und sammelte Holz für die Nacht. Scharik ging auf Jagd, er suchte nach Mäusen.
Bevor es dunkel wurde, ging Eugen ein Stück am See entlang. Er wollte sehen, ob er da weitergehen konnte. Als eine Ente aufflog, riß Eugen sein Gewehr hoch und schoß. Die Ente flog noch ein Stückchen, und dann trudelte sie zu Boden. Scharik holte sie von der Wiese, die aber keine war, sondern ein Sumpf, wie Eugen feststellte.
Völlig niedergeschlagen ging er mit Scharik zum Lagerplatz zurück.
Ich muß den See umgehen, dachte Eugen, auch wenn ich mich dadurch weiter von meinem Ziel entferne. Was nicht zu ändern ist, ist nicht zu ändern, sagte Timofej immer.
Nachdem Eugen die Ente gebraten und mit Scharik gegessen hatte, legten sie sich schlafen.
Drei Tage blieb Eugen am See. Er hatte Angst, weiterzugehen, denn hier brauchten sie keine Not zu leiden. Fische, Wildenten und Beeren gab es in Hülle und Fülle. Aber trotzdem packte er am vierten Morgen seinen Rucksack und machte sich auf den Weg um den See herum.
Es war eine herrliche Landschaft, für die Eugen aber kein Auge hatte. Auf der anderen Seite des Sees gingen sie weiter. Wie lange Eugen unterwegs war, wußte er nicht. Die unendlich große Taiga hatte ihn und Scharik verschlungen.
Außer der Bärin und kleineren Tieren hatten sie keine Lebewesen gesehen. Die Einsamkeit war schrecklich. Eugen redete mit Scharik wie mit einem Menschen. Der schaute ihn so treuherzig dabei an, als ob er alles verstünde.
Eugen wußte, daß er sich völlig verlaufen hatte. Auf Jäger zu stoßen, war in dieser unendlichen Wildnis ein Glücksfall. Eugen hoffte darauf, aber bisher vergebens. Es waren nun schon Tage vergangen, seit sie den See verlassen hatten.
Wasser und Lebensmittel waren aufgebraucht. Außer Pilzen und Beeren hatten sie nichts mehr zu essen. Der Durst quälte sie sehr, morgens leckten Eugen und Scharik den Tau von den Blättern. Die Schnaken machten ihnen ebenfalls zu schaffen. Das Gesicht dick verschwollen, so schleppte sich Eugen immer weiter.
Das Entsetzen packte ihn, als das letzte Streichholz verbraucht war. An diesem Tag blieb Eugen in seinem Schlafsack liegen. Er wollte nicht mehr. Seine Augen waren so zugeschwollen, daß er fast nichts mehr sehen konnte.
Scharik trieb sich in der Gegend umher. Oft blieb er lange fort, dann dachte Eugen, er käme nicht mehr zurück. Vor Angst schrie Eugen laut, er schrie bis zur Erschöpfung. Kam Scharik zurück, beruhigte er sich. Und wieder raffte er sich auf, taumelte vorwärts, gepeinigt von Hunger und Durst.
Als Eugen völlig abgemagert und am Ende seiner Kräfte war, legte er sich in seinen Schlafsack. "Geh weg und laß mich allein", sagte er zu Scharik, "ich will nicht mehr."
Scharik bellte und winselte. Er fühlte, daß sein Herr in großer Not war. Am Morgen zerrte er so lange an seinem Schlafsack, bis Eugen aufstand. Mühsam machte er sich wieder auf den Weg. Scharik lief voraus, kam aber immer wieder zurück und schaute seinen Herrn fragend an, als wollte er sagen: "Na, geht es noch?" Scharik blieb plötzlich stehen und spitzte die Ohren. Er hatte etwas gehört. Sein Fell blieb glatt, also konnte es nichts Gefährliches sein. Dann lief er davon. Eugen bekam Angst. "Scharik, komm zurück! Hier¬her, Scharik!".
Doch der reagierte nicht. Er lief weiter, und bald konnte Eugen ihn nicht mehr sehen und nicht mehr hören. Da war aber ein anderes Geräusch, ein Gesumme, ganz undeutlich, aber gleichmäßig.
Eugen hätte sich am liebsten fallen lassen. Er konnte nicht mehr, er war viel zu schwach.
Dann kam Scharik zurück, bellte und wedelte mit dem Schwanz, sprang aufgeregt an Eugen hoch. "Was hast du entdeckt, mein guter Hund? Einen Fluß?"
Scharik sprang erneut davon, blieb stehen, bellte, lief weiter, blieb wieder stehen, bellte ungeduldig. "Ich komme ja schon, mein guter Hund. Ich komme, so schnell es geht."
Eugen nahm seine ganze Kraft zusammen. Die Hoffnung gab ihm neuen Mut. Sie kamen an ein Gewirr von umgestürzten Bäumen. Das Gesumme wurde immer lauter. Es war kein Zweifel, dahinter tobten Maschinen. Entweder waren es Schiffsmoto¬ren, oder Holzsägen.
Scharik kletterte auf die umgestürzten Bäume. Das war gar nicht so leicht. Eugen warf seinen Rucksack ab und kletterte hinter ihm her. Als er oben war, glaubte er zu träumen. Was er da sah, war überwältigend.
Eine Schneise mitten durch die Taiga, rechts und links die abgesägten Bäume. In der Schneise fuhren Rau¬penschlepper und zogen lange Zugschlitten hinter sich her.
Eugen schloß die Augen. Das Lärmen der Raupen¬schlepper blieb, und als er die Augen wieder öffnete, sah er auch, daß es Wirklichkeit war. Laut rufend und mit beiden Händen winkend, stand Eugen oben. Die werden mich doch sehen, oh, Gott sie werden doch wohl! Dachte er.
Die Raupenschlepper zogen langsam mit ihrer schwe¬ren Last weiter. Sie waren genau unterhalb von Eugens Standplatz. Das unheimliche Getöse der Motoren verschluckte Eugens Rufen.
Scharik sprang über die Stämme hinunter in die Schneise und lief auf die Raupenschlepper zu. Plötzlich hupte ein Fahrer einige Male, die anderen blieben stehen, und die Motoren schwiegen. Erschrocken lief Scharik ein Stück zurück.
"Was gibt es?" fragte ein Fahrer den Mann, der das Hupzeichen gegeben hatte.
"Ich habe einen Hund gesehen, und schau mal dort rauf, da steht ein Mensch!"
"Sie haben mich gesehen! Sie haben mich gesehen!" schrie Eugen laut. Er schrie immerzu, er hörte überhaupt nicht mehr auf zu schreien. Erst als ein Mann ihn von dem Wall aus Bäumen herunterholte und auf ihn einsprach, wurde Eugen ruhiger.
"Schaut euch das an", sagte Juri Lepkin zu den anderen, "schaut euch das an, was ich von den Stämmen gepflückt habe. Ein Kind, höchstens elf, zwölf Jahre und mager, daß Gott sich erbarmt!"
"Steh nicht so lange da und halt kluge Reden", rief ihm Boris Sokolof zu. "Gib ihm lieber: etwas zu trinken und zu essen!"
Boris nahm Eugen und trug ihn zu seinem Raupen¬schlepper. Man gab ihm zu essen und zu trinken, vorsichtig und nicht zuviel. Scharik bekam auch seinen Teil. Ein anderer Fahrer holte Eugens Rucksack.
"Wie heißt du?" fragte ihn Boris.
"Eugen Werner, und ich bin Deutscher."
"Was tust du alleine in der Taiga?" fragte Juri.
"Ich will zu meinem Freund Timofej. Er ist in der Nähe von Jetgul. Ich wollte den Vilyuy-Fluß hinauf, habe mich aber verlaufen."
"Du bist etwa drei Wochen vom Vilyuy entfernt!" Boris unterbrach Eugen, und schüttelte ungläubig mit dem Kopf.
Eugen war das ganz gleichgültig. Er war froh, auf Menschen gestoßen zu sein. Er war dem Tod entgan¬gen, das wußte er.
"Komm, mein Junge", sagte Boris, "wir wollen mal dein Gesicht mit einer Salbe einreiben. Du siehst ja schrecklich aus. Die verdammten Schnaken haben dich arg zugerichtet."
Zuerst brannte die Salbe, aber bald spürte Eugen, daß das Jucken aufhörte.
Auf jedem Raupenschlepper waren zwei Fahrer, denn der Versorgungstrupp war Tag und Nacht unterwegs. Im Führerhaus waren zwei Sitze und dahinter eine Schlafstelle. Auf dieser Liege schlief der zweite Fahrer.
Eugen kam zu Juri und Boris auf den Schlepper. Sie legten ihn gleich hin, damit er schlafen konnte; neben ihm rollte sich Scharik zusammen. Dann setzte sich der Versorgungstrupp wieder in Bewegung. Eugen kam zuerst nicht zur Ruhe. Das Gerüttel und Geschüttel war schrecklich. Die Raupenschlepper fuhren über Baumstümpfe, über Stock und Stein.
Es kam Eugen alles so unwirklich vor. Ich träume, dachte er. Ich träume mit offenen Augen.
Vor ihm auf dem Fahrersitz saß Boris und daneben Juri. Der drehte sich lachend zu Eugen um.
"Na, was ist, mein Junge? Kannst du nicht schlafen?"
"Nein, ich weiß nicht, ob das alles wahr ist. Als ich all eine durch die Taiga ging, habe ich mir so sehr gewünscht, einen einzigen Menschen zu sehen. Jetzt, sind es sogar zweiundzwanzig Männer. Das kann ich immer noch nicht glauben!"
"Es ist wahr mein Junge", versicherte Juri. "Versuch zu schlafen, es dauert noch ein Weilchen, bis wir unser Ziel erreicht haben."
Mitten durch die Taiga wurden Stromleitungen ver¬legt. Eugen war auf einen der Versorgungstrupps gestoßen. In der Schneise standen schon Hochspan¬nungsmasten aus Metall. Sogar die Drähte waren schon gezogen.
Es ist wie ein Wunder, mitten in der Taiga elektrisches Licht!
"In vier Tagen sind wir beim Arbeitstrupp", sagte Juri. "Dort gibt es noch mehr zu sehen. Die großen Raupenschlepper, die die gefällten Bäume aus der Schneise schaffen, sind die reinsten Monstern, daß kannst du dir nicht vorstellen. Mit großen Greifarmen, die nehmen die dicksten Stämme wie ein Spielzeug und werfen sie auf die Seite."
Eugen hörte aufgeregt zu. "Werde ich das alles sehen?"
"Natürlich, wir bringen ja auf unseren Zugschlitten die Hochspannungsmasten. Sie werden aus vielen Einzelteilen montiert. Wir haben riesige Kabelrollen bei uns, Lebensmittel und vieles andere. Einfach alles, was gebraucht wird, um dieses Wunderwerk zu vollbringen. Du wirst sehen, wie viele Männer dort arbeiten."
"Du wirst sehen, wieviel Elend es gibt, und es wäre besser, wenn ein Kind das nicht zu sehen bräuchte!" warf Boris dazwischen.
"Sicher, Kamerad, da hast du recht, aber es ist ein Werk für alle Menschen in Rußland. Es bringt Energie in den hintersten Winkel Sibiriens. Die Fabriken schießen nur so aus der Erde."
"Ja, ja, und bauen Kanonen und schießen auf die wunderbare Menschheit", brummte Boris.
"Du bist ein Pessimist, alter Freund."
"Nein, Juri, ich laß mich nur nicht blind machen durch das Licht, daß unsere Regierung jetzt durch die Taiga leuchten läßt. Bedenke: Die vielen Gefangenen, die schon ihr Leben bei diesem von dir so gepriesenen Werk verloren haben. Und du, Juri? Bist du ein freier Mensch hier? Nein, mein Freund. Du und ich, wir sind genauso gefangen wie die anderen. Wir haben einen Fünfjahresvertrag abgeschlossen und müssen machen, was die uns vorschreiben. Wir dürfen in diesen fünf Jahren nicht mal ein Herz haben. Die Gefangenen könnten viel besser arbeiten, wenn sie mehr zu essen bekämen, bessere Kleidung und gute ärztliche Versorgung hätten. Nein, mein Freund! Es ist nicht damit getan, einen neuen Gefangenen herbei¬zuschaffen, wenn einer tot umfällt. Und der dann genauso krepiert wie sein Vorgänger!"
"Du bist verbittert, Boris, weil du als Ingenieur nur einen Versorgungstrupp führst."
"Nein, deshalb ist es nicht, Juri, auch hier braucht man Ingenieure. Du weißt das am besten. Wenn ich die Raupenschlepper nicht so gut warten würde, dann wäre der Versorgungstrupp oft gefährdet. Nein, nein, das ist es nicht. Das gute russische Herz ist in der Taiga tot. Die Kommandanten bekommen Prämien, wenn sie ihr Soll übererfüllen. Also treiben sie die Gefangenen zu überhöhter Leistung an. Sie bekom¬men mehr Geld, mehr Geld bedeutet mehr Wodka, mehr Wodka bedeutet weniger Herz für die armen Kreaturen!"
"Du kannst das aber nicht ändern, mein Freund, wir sind machtlos."
„So, sind wir das, Juri?“
Eugen schlief schon lange. Er hörte das Gespräch nicht, daß die zwei so verschiedenen Freunde führten.
Boris war ein Mann mit Verstand. Er hatte Maschi¬nenbau studiert. Er wollte etwas Großes leisten. Als er von dem riesigen Bau der Überlandstromleitung durch die Taiga hörte, meldete er sich. Als er dann als Oberaufseher des Maschinenparks eingesetzt wurde, war er glücklich. Voller Schaffensdrang kam er mit einem Versorgungstrupp zur Baustelle. Auf der Fahrt zur Baustelle, gefiel ihm schon was er sah. Es war eine Gigahnisches Unternehmen was er zu sehen bekam.
Die großen Hochspannungsmasten, die riesige Schneise durch die Taiga, die später zu einer Fernstra¬ße ausgebaut werden sollte. Das war schon etwas, wofür es sich lohnte, seine Kraft und seinen Verstand einzusetzen.
Aber gebraucht wurden nur körperliche Kraft und technisches Können. Nach dem Menschen wurde dabei nicht gefragt.
Boris stellte sich gegen das Unmenschliche, gegen den Wodka, gegen das Übersoll. Damit war er bei den leitenden Genossen zum bestgehaßten Mann gewor¬den. Bald wurde er zum Versorgungstrupp abgescho¬ben. Er wehrte sich dagegen und schrieb nach Moskau an die Zentrale der Baugenossenschaft.
Die Genossen hatten überall ihre Verbindungsmän¬ner, also erreichten die Briefe ihr Ziel niemals. Von nun an gab es für Boris nur noch eines, die restlichen drei Jahre, die er noch bleiben mußte, so zu verbrin¬gen, daß er überlebte. Beim Versorgungstrupp lernte er auch Juri kennen, sie wurden Freunde.
Juri war nur ein einfacher Mann. Er war zwar als Raupenschlepperspezialist ausgebildet, aber er hatte keinen Ehrgeiz.
"Man darf sein Leben nicht durch Widerstand gefährden", sagte er immer. "Mit dem Strom schwim¬men, das ist leichter."
Von Boris lernte er zwar, zu den Gefangenen menschlicher zu sein, aber der Wodka schmeckte auch ihm gut. Boris dagegen rührte keinen Tropfen an.
Vom Tage der Freundschaft an durfte niemand Boris beleidigen, der Muskelprotz Juri schlug gerne kräftig zu und war deswegen gefürchtet. Er war aber für den Versorgungstrupp so wichtig, daß er gewisse Freiheiten genoß.
Nach zwei Tagesfahrten kamen sie an einen breiten Fluß, den sie überqueren mußten. Das nahm viel Zeit in Anspruch. An einer Stahltrosse war ein mächtiges Floß befestigt, das so groß war, daß ein Raupen¬schlepper mit Zugschlitten Platz darauf hatte. Auf der anderen Seite des Flusses stand ein Traktor, der zog das Floß mit seiner schweren Last über den Fluß. Auf diese Weise hatten die Fahrer eine Weile Ruhe vor den ratternden Motoren.
Eugen kam aus dem Staunen nicht heraus. Er war überall, wo es was zu sehen gab, und fragte und fragte. Geduldig antworteten ihm Boris und Juri.
"Ihr seid meine Freunde", verkündete Eugen stolz. "Wenn ich groß bin, werde ich Ingenieur und komme zu euch zurück."
"Ja, mach das mal", sagte Juri lachend.
"Laß das bloß bleiben!" warnte Boris mit ernstem Gesicht. "Das wäre das letzte, was ich dir wünschte." Eugen schaute von einem zum anderen. Juris Gesicht strahlte, Boris' Gesicht sah düster aus.
"Boris, warum lachst du nicht wie Juri?" fragte Eugen. "Magst du mich nicht?"
"Gerade, weil ich dich mag, will ich dir das hier ersparen. Aber das wirst du noch selber merken, wenn wir im Lager sind."
Sechzehn Tage, nachdem Eugen auf den Versorgungs¬trupp gestoßen war, erreichten sie die Baustelle.
Die Männer aus dem Lager kamen laut schreiend und winkend den Raupenschleppern entgegen. Sie lachten und freuten sich, denn es gab sicher viele Neuigkeiten von der Außenwelt. Jede Nachricht war willkom¬men, und war sie noch so unbedeutend.
Müde, aber froh, endlich am Ziel zu sein, stellten die Männer die Motoren ab. In der Taiga herrschte wieder Stille, die nur von Fragen unterbrochen wurde. Die Fahrer gaben müde Antwort. Sie wollten sich erst waschen und etwas Warmes essen. Der Koch machte sich gleich an die Arbeit, es gab Bohnensuppe mit Rauchfleisch. Aber nicht alle bekamen Rauch¬fleisch. Das war nur für die Oberen da.
Boris war auch darüber erbost, aber heute wehrte er sich nicht mehr dagegen. Zugeteilt wurde das Fleisch für alle, auch für die Gefangenen. Die Baustelle erhielt aber nie die volle Zuteilung. Ein Teil wurde gleich bei der Zuteilungsstelle verschoben, ein Teil kam als Wodka ins Lager, und den anderen Teil verbrauchten die oberen Genossen für sich.
"Habt ihr meine Gitarre gesehen?" wurde Eugen von einem jungen Mann gefragt. Verständnislos blickte Eugen ihn an.
"Was soll ich gesehen haben?"
"Ich suche schon den ganzen Tag meine Gitarre. Mamuschka hat sie aufs Bett gelegt, aber jetzt ist sie weg.“ Eugen drehte sich um und lief zu Boris. "Du, Boris, da ist ein Mann, der fragt mich nach seiner Gitarre."
"Das ist Jaschenka. Er ist hier im Lager verrückt geworden. Er war zu schwach und zu jung für diese rauhe Männerwelt. Jetzt geht es ihm gut. Er versteht nicht, was um ihn herum vorgeht. Er glaubt, noch zu Hause bei seiner Ma¬muschka zu sein. Sie hat sicher mal seine Gitarre aufs Bett gelegt. Ich habe diesmal eine Gitarre mitge¬bracht, denn ich kann das nicht mehr hören, das Fragen nach seiner Gitarre.
Er bekommt sie, sobald ich fertig bin."
"Darf ich ihm das sagen?"
"Ich glaube, das nützt nichts. Wir machen das zusammen. Ich muß sehen, wie er auf die Gitarre reagiert. Jaschenka braucht Hilfe und sehr viel Verständnis. Beides bekommt er hier nicht. Das ist auch ein Grund, warum ich von hier weg will. Jaschenka hat zwölf Jahre Zwangsarbeit bekommen, der Himmel weiß, wofür! Er war siebzehn Jahre alt, damals, jetzt ist er zweiundzwanzig. Seit zwei Jahren ist er krank. Er gehört nicht hierher, aber er muß seine Strafe absitzen. Das ist Gesetz."
Abends, als alle Gefangenen und ihre Bewacher todmüde ins Lager zurückkamen, herrschte eine freudige Stimmung. Es wurde Post verteilt, die nur mit dem Versorgungstrupp ins Lager gelangte. Von den Gefangenen hatten die meisten jedoch Schreibverbot. Aber sie freuten sich trotzdem. Von denen, die Post bekamen, erfuhren sie, was es Neues draußen in der Welt gab. Boris meldete dem Kommandanten Eugens Anwesenheit; der war aber betrunken und schickte ihn zum Teufel.
Abends kam der Vermessungstrupp ins Lager. Da ging Boris zu dem Ingenieur.
"Alexander Iwanowitsch, ich habe hier einen deut¬schen Jungen mitgebracht. Sie sollten sich um ihn kümmern."
Alexander Kettmann, ein verbannter Rußlanddeut¬scher, war der leitende Vermessungsingenieur. Genau wie Boris empörte er sich über die unmenschliche Behandlung der Gefangenen. Sie waren inzwischen Freunde geworden. Alexander lehnte es ab, mit den Genossen zu essen. "Ich bin ein Verurteilter, also muß ich auch mit den Gefangenen essen."
Deshalb war er auch nur bei den Gefangenen beliebt. Leider konnten die Genossen auf sein Können nicht verzichten, sie brauchten ihn. Aus diesem Grunde räumten sie ihm mehr Rechte ein, als ihm zustanden.
Alexander Kettmann ließ sich von Eugen erzählen, wie er allein in die Taiga gekommen war. Für ihn stand es fest, daß er dafür sorgen mußte, daß Eugen so schnell wie möglich zu seiner Tante nach Taschkent kam. Es würde eine lange Reise für Eugen werden: Mit dem Versorgungstrupp bis nach Jakutsk, von da mit dem Bus nach Never, und von Never mit dem Zug nach Taschkent.
Die Männer erschraken sehr, als sie plötzlich lauten Gitarrenklang hörten. Jaschenka zupfte begeistert an den Saiten.
"Er macht sie kaputt!" schrie Eugen und lief zu Jaschenka hin. Er wollte nach der Gitarre greifen, doch Jaschenka war schneller. Er sprang auf und lief in den Wald.
"Das hättest du nicht tun dürfen", sagte Alexander Kettmann, "jetzt sitzt er wieder stundenlang im Wald und kommt aus Angst nicht mehr ins Lager.
Das ist jedesmal so. Er lebt im Wald wie ein Tier. Erst der Hunger treibt ihn zu uns zurück."
"Es tut mir leid, das wollte ich nicht", sagte Eugen. "Ist schon gut, mein Junge, wir alle wollten das hier nicht."
Traurig blickte Alexander hinüber zu seinen Mitge¬fangenen. Abgestumpft saßen sie da, zu müde, um sich zu erheben und in ihre Löcher zu kriechen. Die Gefangenen schliefen in Buden, die auf Zugschlitten aufgebaut waren. In jeder Bude zehn Mann. Zusam¬mengepfercht wie die Schafe.
"Das ist besser so", sagte der Lagerkommandant immer mit einem Ziehnischen Ton, "das hält euch schön warm."
In ebensolchen Buden schlief auch die Obrigkeit. Nur mit dem Unterschied, daß zwei Mann sich eine Bude teilten.
Wenn die Raupenschlepper vom Versorgungstrupp kamen, wurde das ganze Lager nach vorne verlegt. Danach fuhr der Versorgungstrupp wieder zurück, um neues Material zu holen.
Boris und Alexander setzten sich beiseite. Der Russe und der Deutsche hatten eine Menge zu besprechen. Viele Augen beobachteten die beiden, einige vertrau¬ensvoll, die anderen mißtrauisch.
Der Lagerkommandant näherte sich ihnen.
"Na, was haben unsere zwei Weltverbesserer so Wichtiges zu besprechen?"
"Genosse Lagerkommandant, wie Sie wissen, habe ich bisher nicht viele Wünsche geäußert. Aber heute habe ich eine große Bitte an Sie."
"Heraus damit, Alexander Iwanowitsch. Heute habe ich gute Laune, und vielleicht kommt euch das zugute!"
"Genosse Lagerkommandant, meine einzige und größte Bitte an Sie ist: Schicken Sie Jaschenka in eine Heilanstalt!"
Der Lagerkommandant stand nicht mehr sehr sicher auf den Beinen. Er hatte dem Wodka reichlich zugesprochen, den der Versorgungstrupp mitge¬bracht hatte.
"Immer die gleiche Bitte, Alexander Iwanowitsch! Ich muß sagen, das hängt mir jetzt so langsam zum Halse heraus."
"Darf ich mich da einmischen, Genosse Komman¬dant?" fragte Boris. "Machen Sie es doch wie ich. Jaschenka ging mir mit seiner Frage, ob ich nicht seine Gitarre gesehen hätte, so auf die Nerven, daß ich ihm einfach eine mitgebracht habe."
"Nicht schlecht, Boris Sokolof! Nicht schlecht! Ich glaube, ich mache es genauso! Aber nur unter einer Bedingung."
Er schaute Alexander und Boris, verschlagen an. "Und die Bedingung ist sicher so unmöglich, daß wir sie nicht annehmen können", sagte Alexander ziem¬lich grob.
"Nein, wo denkt ihr hin! Wer wird denn so schlecht sein. Ich bin der liebste und beste Kommandant den ihr habt, daß müßt ihr mir glauben Genossen!"
Der Kommandant konnte sich nur noch mit Mühe, auf den Beinen halten. Die Wodkaflasche hielt er fest in der Hand.
"Wenn ihr mit mir Brüderschaft trinkt. Ihr müßt meine Brüder werden. Kommt, trinkt mit mir, Brüder, dann darf euer Jaschenka in ein Irrenhaus. Ob das besser ist, weiß keiner, aber kommt, trinkt mit mir!"
Boris sprang auf.
"Das machen wir, Genosse Kommandant. Du schreibst gleich jetzt das Papierchen aus, das Erlaub¬nispapierchen!"
"Du mißtraust dem Lagerkommandanten? Genosse, weißt du, was du sagst?"
"Ich mißtraue dir nicht, Genosse Lagerkommandant, aber Alexander und ich können uns bis morgen todgesoffen haben. Du willst doch, daß wir mit dir nicht trinken, sondern saufen. Nur allein deshalb sollst du gleich das Papierchen schreiben."
Der Lagerkommandant machte kehrt und torkelte mit großer Mühe zu seinem Zugschlitten, den er alleine bewohnte. Nach kurzer Zeit kam er zurück. In der einen Hand, hielt er einen Fetzen Papier, in der anderen eine volle Flasche Wodka. Boris ging ihm entgegen, nahm das Papier und las es genau.
"Es ist gut", mit diesen Worten gab er es an Alexander weiter.
Alexander rief Eugen zu sich, gab ihm das Papier und schickte ihn ins Bett.
"Das, mein Junge, ist nur etwas für Männer", sagte er. Die Wodkaflasche machte nun unter den dreien, die Runde, blieb aber jedesmal bei dem schon stark angetrunkenen Lagerkommandanten am längsten. Es blieb nicht bei einer Flasche. Bald fiel der Komman¬dant um wie ein Sack. Boris und Alexander, die sonst nie Wodka tranken erging es nicht viel besser. Juri versorgte alle drei.
Am anderen Morgen brüllte der Lagerkommandant schon früh herum.
"Der verfluchte Wodka", klagte er Juri. "Ich saufe keinen Tropfen mehr. Mein armer Kopf, oh, er tut mir so weh. Tausend, was sage ich, Millionen Käfer krabbeln darin herum!"
"Da hilft nur eines", riet Juri, der bei dem Lagerkom¬mandanten recht gut angesehen war. "Da hilft nur ein großer Schluck Wodka."
"Hör auf, von Wodka zu reden, oder meinst du das ehrlich?"
"Klar mein ich das ehrlich. Du wirst sehen, es bleibt nur noch ein Käfer zurück."
Nach einem kräftigen Schluck aus der Wodkaflasche fühlte sich der Lagerkommandant bedeutend besser. Er schüttelte sich wie ein nasser Hund. Als er aufblickte, stand Alexander draußen und schaute durch die Tür.
"Guten Morgen, Genosse Lagerkommandant. Wie ist der Tagesplan?"
"Du hast es aber eilig heute, Alexander Iwanowitsch. Es gibt nichts Neues. Zuerst muß das Lager verlegt werden. Sag mal, Alexander, habe wir gestern Brüderschaft getrunken?"
"Nein, Genosse Lagerkommandant! Getrunken, ja getrunken ha¬ben wir zwar, aber nicht Brüderschaft. Wo kämen Sie auch hin, wenn Sie mit Gefangenen Brüderschaft trinken würden!"
"Mit dir würde ich schon Brüderschaft trinken, aber nicht gerade hier. Du verstehst mich doch?" "Aber ja, Genosse Lagerkommandant."
"Habe ich vielleicht sonst eine Dummheit gemacht?"
"Nein, Genosse Lagerkommandant, auch das nicht! Sie gaben Anweisung, daß Jaschenka endlich in eine Heilanstalt zu bringen ist. Boris Sokolof wollte Sie davon abhalten, mir meine Bitte zu erfüllen. Sie aber ließen sich das nicht nehmen und gaben mir das Papierchen mit der Einweisung in die Heilanstalt."
Der Lagerkommandant lachte Alexander an.
"Das kann ich gar nicht, es liegt nicht in meiner Macht, den Jaschenka zu entlassen!"
"Das haben Sie auch nicht getan. Sie haben auf das Papierchen geschrieben, daß Sie die Behörde bitten, Jaschenka in eine Heilanstalt zu schicken. Alle Männer vom Versorgungstrupp haben das Papier¬chen gelesen, und sie alle finden Ihren Entschluß sehr gut. Ja, die Männer halten sie für einen gerechten Vorgesetzten."
"So, na, dann ist es ja in Ordnung. Der Versorgungs¬trupp kann Jaschenka gleich mitnehmen und den deutschen Jungen selbstverständlich auch."
Alexander drehte sich erleichtert um. Geschafft! Es war geschafft. Wieder mal etwas mit Schläue ge¬schafft!
Es war jedesmal ein Wagnis, dem unberechenbaren und von allen gehaßten Lagerkommandanten etwas aufzuschwatzen, daß so aussehen mußte, als wäre es sein eigener Entschluß. Ein guter Helfer dabei war ihm steht’s Boris. Er kannte die Russen genau, weil er selber einer war.
Das Lager wurde verlegt, das war jedesmal von neuem eine aufwendige Aktion. Zuerst zogen die Raupen¬schlepper die vollbeladenen Zugschlitten ins neue Lager. Dann kehrten sie zurück und schleppten die Schlitten mit den Schlafbuden ab.
In vier Tagen war das alles erledigt. Erledigt waren auch die Männer vom Versorgungstrupp. Sie mußten die ganze Arbeit alleine machen. Die Gefangenen arbeiteten unterdessen weiter an der Überlandleitung. Ein Zugschlitten, fuhr mit den Kabelrollen immer neben den Arbeitern her, die die Drähte spannten. Alle zweihundert Meter wurde ein eiserner Hoch¬spannungsmast gesetzt. Ab und zu kam es vor, daß die Leitung über ein Sumpfloch verlegt werden mußte. Um Zeit und Geld zu sparen, wurde der Mast dann auf ein Floß gestellt. Dieses Floß mußte besonders stabil sein.
Die Männer brauten einen doppelten Floßboden. Dicke Stämme wurden einmal der Länge und einmal der Breite nach übereinandergelegt und dann fest verschraubt. Auf diese Weise war das Floß stark genug, um den tonnenschweren Mast zu tragen. Bis zum Floß hin wurde ein Knüppelweg gelegt. Auf dem festen Boden zum Ufer verankerte man zusätzlich das Floß mit Stahltrossen.
Bei diesen Arbeiten gab es oft Schwerverletzte oder gar Tote. Die ärztliche Versorgung war schlecht, nur ein Sanitäter betreute das Lager, und der war meistens betrunken.
Eugen schaute sich alles an.
Später, dachte er, komme ich doch zurück. Es gefiel ihm und er wollte an diesem Projekt teilhaben. Boris hat zu ihm gesagt, alle Männer die hier arbeiten, werden von der Regierung mit hohen Auszeichnungen bedacht.
Eugen brauchte nicht zu arbeiten; entweder fuhr er mit Boris und Juri oder er ging zu Alexander zu den Vermessungsarbeiten. Alexander, nahm sich ab du zu Zeit und erkläret dem Jungen was wichtig in dieser schwerer Arbeit war, und warum die Leitung durch die Taiga gelegt wurde.
Das war auch äußerst interessant. Links und rechts der Schneise, zeichneten die Männer mit Beilen die Bäume, die gefällt werden mußten. Dabei prüfte Alexander auch die Bodenbeschaffenheit.
Aber die meiste Zeit verbrachte Eugen mit Jaschenka. Zuerst ging ihm Jaschenka aus dem Weg, durch Scharik aber wurde das anders. Das kam so: Zwei Tage nach der Ankunft des Versorgungstrupps schlug ein Aufseher Jaschenka zu Boden. Scharik kam ihm zu Hilfe.
Von nun an paßte Scharik auch auf Jaschenka auf.
"Das ist gut so", meinte Boris zu Alexander, "so können wir Jaschenka besser auf den Raupenschlep¬per bekommen, wenn wir zurückfahren. Er klettert bestimmt zu Scharik. Sonst müßten wir ihn fesseln, und daß würde den armen Kerl noch mehr ver¬wirren."
Der Abschied vom Lager fiel Eugen nicht schwer, dagegen der Abschied von Alexander, da mußte er schon hart schlucken! Sie waren inzwischen Freunde geworden.
"Solltest du deine Mutter oder deine Tante nicht finden, dann mußt du Leute von deinem Heimatdorf suchen. Die wissen bestimmt etwas von deinen Verwandten. Schreib an das Rote Kreuz, die helfen dir suchen", riet Alexander ihm.
Eugen schaute zum Führerhaus hinaus. Er hatte Tränen in den Augen.
"Mach's gut, Alexander! Ich schreibe dir, du sollst immer wissen, wie es mir geht"
"Na, und wir? Boris und ich?" Juri tat beleidigt. "Uns schreibst du wohl nicht?"
"Sicher, euch auch! Ihr könnt ja alle Briefe zusammen lesen!"
„Wir haben einen Diplomaten an Bord. Er ist schlau, gibt sehr diplomatische Antwort. Na meinetwegen, lesen wir die Briefe, die du an Alexander schreiben wirst.“
Zuerst war Jaschenka mißtrauisch, als er sah, daß Eugen in das Führerhaus kletterte. Er ahnte wohl, daß sein Freund fortfuhr, war aber nicht zu bewegen, auch einzusteigen.
Erst als Scharik von Juri hochge¬hoben wurde und im Innern der Kabine verschwand, erst dann kam Jaschenka zu Juri und streckte ihm die Arme entgegen. Es war deutlich, er wollte zu Scharik.
Erleichtert atmeten die Männer auf. Es war einfacher gegangen, als sie erwartet hatten.
Unterwegs gab es nichts Besonderes. Der Rückweg war genauso anstrengend wie alle vorhergehenden auch.
Eugen und Jaschenka schliefen viel, Scharik lief meistens neben den Raupenschleppern her.
Als der Versorgungstrupp endlich nach vier Wochen in Jakutsk ankam, waren alle froh. Boris brachte Eugen zum Bus.
"Steig aber nicht vor dem Ziel aus", ermahnte er ihn. "In Never gehst du sofort zum Bahnhof und fährst mit dem Zug nach Taschkent."
Drei Tage später stieg Eugen in Taschkent aus dem Zug. Scharik lief neben ihm mit eingezogenem Schwanz, er hatte Angst in der Stadt. Ihm war es lieber, durch die Taiga zu laufen.
Nachdem Eugen sich erkundigt hatte, wie er nach Krasnobor kommen könne, gingen beide einkaufen, sie hatten Hunger.
Gegen Abend erreichte Eugen nach siebenstündiger Busfahrt Krasnobor. Sein Herz klopfte laut vor Aufregung und Erwartung. Gleich an der Haltestelle ging Eugen auf einen Mann zu und fragte nach Frau Rosa Neiser. Der kannte sie jedoch nicht, Eugen wurde mutlos.
"Wir hätten doch zu Timofej gehen sollen", sagte er zu Scharik. „Timofej kennt jeder, hier, das ist doch nur ein Nest, ich weiß schon jetzt, daß es mir hier nicht gefallen wird. Das sage ich dir Scharik, sollte ich meine Tante nicht finden, fahren wir sogleich zu Timofej!“ Scharik wedelte mit dem Schwanz und bellte erfreut auf, als er das Wort Timofej hörte. Es war so, als verstünde er was Eutin sagte.
Entgegen Eugens Meinung, war das Dorf Krasnobor ziemlich groß, so daß sich nicht alle Bewohner kennen konnten.
Im Rathaus erfuhr er, daß die Genossin Neiser ganz am Ende der Potschtowa-Straße wohnte, Hausnum¬mer 8. Erleichtert machte sich Eugen auf den Weg. Dann stand er vor der Semljanke (Lehmhütte), die er gesucht hatte.
Im Vorgarten jätete eine grauhaarige Frau Unkraut. Im Hof spielten zwei Mädchen Ball.
Eugen blieb vor dem Hoftor stehen und schaute zu der Frau hinüber. Sie war so mit ihrer Arbeit beschäftigt, daß sie Eugen nicht beachtete. Nur die Mädchen hörten auf, mit dem Ball zu spielen.
Scharik bellte so lange, bis die Frau den Kopf hob. "Seid Ihr meine Tante Rosa?" fragte Eugen schüchtern.
"Wer bist denn du? Wenn du mir das sagst, werden wir ja sehen, ob ich deine Tante bin."
"Ich bin der Eugen Werner."
Die Frau legte ihre Hacke beiseite und kam auf Eugen zugelaufen.
"Mein Junge!" rief sie. "Mein Junge, wie mich das freut!" Sie umarmte und küßte ihn.
"Kommt her, ihr Mädchen, und begrüßt euren Vetter Eugen."
Sie kamen und gaben Eugen die Hand. Dabei musterten sie ihn neugierig.
"Wir gehen ins Haus, mein Junge", meinte Tante Rosa, "dort erzählst du uns, wo du herkommst. Ich wollte dich aus dem Waisenhaus herausholen, aber es ging uns noch nicht so gut. Jetzt bist du da, jetzt ist es auch recht. Du bleibst bei uns. Wir werden für dich schon eine Arbeit finden. Wir schaffen das bestimmt."
Tante Rosa redete und redete. Eugens Kopf, war schon ganz wirr und müde. Nachdem er ein Stück trockenes Brot gegessen und einen Becher Milch getrunken hatte, legte er sich schlafen.
Tante Rosa setzte sich hin und weinte sich erst einmal tüchtig aus. Sie wußte nicht, weinte sie aus Freude über den Neffen oder aus Angst vor der neuen Belastung, die auf sie zukam.
`Der Hund muß natürlich weg, wir haben kein Futter für ihn!` dachte sie. Eugen kommt in die Fabrik. Er muß für seinen Unterhalt selbst aufkommen. Ich habe genug an meinen fünf hungrigen Mäulern! Es ist ein Jammer mit dem Leben! Nur Sorgen und Kummer!
Tante Rosa weinte lange und beruhigte sich erst, als ihre ältesten Kinder heimkamen. Sie arbeiteten alle drei in einer Zuckerfabrik.
"Dich nehmen wir einfach morgen mit zur Arbeit", sagte der älteste Sohn zu Eugen, den sie geweckt hatten. "Unser Vorarbeiter stellt dich bestimmt ein. "So wurde noch am gleichen Abend über Eugens weiteres Leben entschieden. Er hatte überhaupt nichts zu wollen. Froh müsse er sein, daß die Verwandten so gut für ihn sorgten, hieß es, als Eugen sich dagegen wehrte, daß Scharik fortmußte.
Eugen schlief in dieser Nacht nicht. Er sehnte sich zurück zu Timofej. Wenn meine Mutter nicht zu finden ist, überlegte er sich, was hält mich hier noch?
Er stand auf, ging leise in die Küche, schnitt sich ein großes Stück Brot ab und nahm etwas gesalzenen Speck. Die Sachen verstaute er in seinem Rucksack, legte zehn Rubel und seine Adresse in Jetgul auf den Tisch und ging hinaus.
Draußen vor der Tür lag Scharik. Man hatte ihn am Abend nicht ins Haus gelassen.
"Das war das erstemal, daß du nicht bei mir schlafen durftest", flüsterte Eugen seinem Freund ins Ohr und streichelte ihn. " Und das ist auch das letztemal." Eugen verließ das Dorf Krasnobor und ging in Richtung Taschkent.
Als er nach vielen Tagen bei dem Pelzhändler in Njurba ankam, traute der seinen Augen nicht.
"Ja, ist denn das die Möglichkeit?" schrie er. "Mein Söhnchen, laß dich umarmen! Nein, wie ich mich das freue!"
Als er von Eugen erfuhr, was seine Tante Rosa mit ihm vorgehabt hatte, meinte er: "Hast recht! Geh nur wieder zu Timofej. Er wird sehr glücklich sein, dich wiederzusehen."
Bevor Eugen sich am andern Morgen auf den Weg machte, versorgte ihn der Pelzhändler mit Proviant. "Verlaß aber diesmal nicht den Fluß, hörst du?" schärfte er ihm ein.
Eugen versprach alles. Er wollte ja so schnell wie möglich zu Timofej.
Von Njurba aus hatte Eugen noch einmal an Tante Rosa geschrieben.
"Ich will nicht in einer Fabrik eingesperrt sein. Ich will meine Freiheit. Verzeiht mir, und wenn Ihr etwas von meiner Mutter erfahrt, schreibt mir bitte nach Jetgul."
Auch an Kolka und Babuschka schrieb er, daß er wieder zu Hause sei.
Zu Hause - das war für Eugen Timofej, und das war die Hütte in der Taiga.
Für die Rückseite vom Buch
Elf Jahre alt ist Eugen, als er 1948 aus dem Waisenhaus in Suntar in Sibirien wegläuft. Auf der Suche nach seinen Angehörigen, die seit Jahren verschollen sind, lernt er Timofej kennen, einen alten Taigajäger. Einen Sommer und einen Winter verbringt Eugen bei Timofej in der Taiga¬ eine Zeit, die für ihn zu einem einschneidenden Erlebnis wird.
Die Geschichte von Eugen und Timofej und ihrer ungewöhnlichen Freundschaft, ist nicht erfunden und darum überzeugend und in ihrer schlichten Erzählweise um so eindrucksvoller.
Nachwort
Bis 1968 lebte Eugen in der Hütte mit Timofej. Dann kam der erste Brief von seiner Mutter. Sie hatte damals im Krieg Rußland verlassen und lebte seither mit Eugens Brüdern und deren Familien in Öster¬reich.
An ein Wiedersehen war nicht zu denken, Eugen und seine Mutter waren zu arm, sie hatten kein Geld für eine Reise. Briefe sind es, die hin und her gehen und beide verbinden.
1971 stirbt Timofej. Eugen gehr nach Taschkent und heiratet dort ein deutsches Mädchen, sie bekommen einen Sohn und eine Tochter. 1989 wird seine Mutter 80 Jahre alt. Seine Brüder machen für die Mutter eine Überraschung und lassen Eugen mit Frau und Tochter nach Österreich kommen. Die Freude ist sehr groß, endlich, nach so vielen Jahren konnte die Mutter den lang ersehnten Sohn in den Armen zunehmen. Stundenland sitzen Mutter und Sohn auf dem Sofa und erzählen sich gegenseitig ihren Lebenslauf seit der Trennung.
Nelly Däs,77 Jahre und kein bischen müde Jahre aus Waiblingen
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